Hähn­chenschenkel im Test

Interview: „Die Arbeiter haben weniger Geld in der Tasche als vorher“

Hähn­chenschenkel im Test - Von aromatisch bis verdorben
Angestellt statt ausgeliehen. Viele Arbeiter in Schlacht­höfen, hier beim Verpacken von Schweinekeulen zu sehen, haben seit 1. Januar feste Arbeits­verträge. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Seit 1. Januar 2021 dürfen Schlacht­betriebe in den Bereichen Schlachtung und Zerlegung keine Arbeiter mehr über Werk­verträge anheuern. Das schreibt das neue Arbeitsschutzkontrollgesetz vor und will so faire, trans­parente Arbeits­bedingungen schaffen. Nimmt die Branche das ernst? Was verändert sich für Arbeiter in der Praxis? test.de sprach dazu mit Thomas Bernhard von der Gewerk­schaft Nahrung-Genuss-Gast­stätten.

Hähn­chenschenkel im Test

  • Testergebnisse für 17 Hähn­chenschenkel 04/2021
  • Alle Testergebnisse für Unter­nehmens­ver­ant­wortung (CSR) bei Hähn­chen­fleisch 04/2021
Inhalt

Branche hat neue Regeln umge­setzt

Das Arbeits­schutz­kotroll­gesetz ist am 1.1. 2021 in Kraft getreten. Wie ernst­haft haben es Ihrer Meinung nach die Schlacht­betriebe umge­setzt?

Im Großen und Ganzen ist der Prozess gut gelaufen. Viele Schlacht­betriebe haben sich schon seit September des Vorjahres darauf vorbereitet. Einige Unternehmer hatten aber bis zuletzt versucht, das Gesetz vor Gericht zu kippen – ohne Erfolg.

Die Branche musste inner­halb kurzer Zeit eine Vielzahl an Arbeits­kräften finden und in feste Arbeits­verträge über­führen. Wie hat sie das gelöst?

Viele haben die Arbeiter aus den bisherigen Werk­verträgen über­nommen. Alte Verträge mit den Subunternehmern wurden aufgelöst, neue Verträge mit den Beschäftigten geschlossen.

Gilt das auch für die ganz Großen: Tönnies, West­fleisch, Vion im Schweine­fleisch­sektor, Wiesenhof bei Geflügel­fleisch? Was ist da Ihr Stand? 

Vion und West­fleisch haben die Beschäftigten aus den vormaligen Subunternehmen über­nommen und betrieben intensiv die Integration in die Belegschaften. Bei Tönnies gibt es offen­bar sowohl klassische Über­nahmen als auch Neueinstel­lungen ohne Anerkennung der Vorbeschäftigungs­zeiten. In der Geflügel­wirt­schaft scheint es über­wiegend Neueinstel­lungen zu geben.

Geringerer Netto­lohn sorgt für Frust

Als Gewerk­schafts­vertreter sind Sie mit den Maßnahmen zufrieden?

Wir halten das Gesetz für sehr hilf­reich. Ob das Ziel voll­ständig erreicht werden kann, ist aber noch unklar. Es bleibt die eine oder andere Unwäg­barkeit. So haben wir zum Beispiel bis jetzt noch keine aktuellen Lohn­abrechnungen gesehen.

Welche Probleme gibt es mit den Löhnen?

Wir haben Hinweise auf fragwürdige Praktiken wie die Netto­lohn-Optimierung. Hintergrund ist, dass die Arbeiter, die nun fest angestellt sind, den gleichen Brutto­lohn wie vorher erhalten, nur dass dieser jetzt voll versteuert wird. Knapp die Hälfte der in den Schlacht­betrieben Beschäftigten arbeitet auf Mindest­lohn­basis. Auch die geleistete Stundenzahl hat sich deutlich reduziert, da die Arbeits­zeiten elektronisch erfasst und kontrolliert werden. Kurzum: Die Arbeiter haben weniger Geld in der Tasche als vorher. Das sorgt für Frust. Bei Vion kam es in Betrieben in Süddeutsch­land schon zum Streik.

Was wird jetzt aus der Branche der Subunternehmer? Löst sie sich auf?

Zurzeit sind sie noch in der Rekrutierung und der Wohnungs­beschaffung tätig. Sie selbst sagen, sie machen das über­gangs­weise. Wie es lang­fristig mit den Subunternehmern weitergeht, ist also unklar.

Hähn­chenschenkel im Test - Von aromatisch bis verdorben
Thomas Bernhard ist Referats­leiter Fleisch­wirt­schaft bei der Gewerk­schaft Nahrung-Genuss- Gast­stätten (NGG). © Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)

Erstarktes Selbst­bewusst­sein

Das neue Gesetz definiert auch Mindest­anforderungen für Gemein­schafts­unterkünfte. Mussten die Schlacht­betriebe deshalb nachbessern?

Es galten schon ab Mai 2020 neue Arbeits­schutz-Vorschriften, die etwa besagen, dass nicht mehr als zwei Leute in einem Zimmer wohnen dürfen. Auch sind Gemein­schafts­unterkünfte demnach als Arbeits­stätte anzu­sehen. Das eigentliche Problem besteht aber nach wie vor: Es gibt nicht genug Wohn­raum für so viele Menschen.

Was hat das Arbeits­schutz­kontroll­gesetz noch bewirkt?

Die ausländischen Kollegen haben in Teilen an Selbst­bewusst­sein gewonnen. Auch wenn es nach wie vor oft Probleme mit der Kommunikation gibt, weil die Vorarbeiter in der Schicht für sie über­setzen müssen. Aber sie wissen, dass sie mehr denn je gebraucht werden. Wegen des Coronavirus kommen weniger Menschen aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Polen als bisher nach Deutsch­land.

Hähn­chenschenkel im Test

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Herty am 12.04.2021 um 16:26 Uhr
Mangelhafte Hähnchenschenkel von Freiland Puten

@StiWa: Grundsätzlich ist Ihre Argumentation nachvollziehbar. Allerdings steht für jedes (Marken-)Produkt der Hersteller. Ich habe eher den Eindruck, dass das Ergebnis ganz wesentlich vom Einzelhändler und seinen Lieferketten abhängt. Der individuelle Händler wird aber nicht genannt (nur pauschal Rewe, Lidl, Aldi etc.). Insofern ist "schwankende Qualität" auch nicht dem Hersteller anzulasten, sondern es findet sich eine schwankende Qualität der Händler bzw. Filialen.

Profilbild Stiftung_Warentest am 12.04.2021 um 15:32 Uhr
Hähnchenschenkel von Freiland Puten

@dekabenz,@Herty: Dass unsere Tests Stichprobencharakter haben, streiten wir nicht ab. Eine kontinuierliche Qualitätskontrolle über einen längeren Zeitraum sehen wir jedoch als Aufgabe der Hersteller und Händler. Dies können wir mit unseren Tests nicht leisten. Vor vielen Jahren hatten wir bei einzelnen Tests tatsächlich Produkte ein zweites Mal eingekauft und getestet. Dabei bekamen wir zum Teil ganz unterschiedliche Ergebnisse. Damals hatten wir dann auf die Vergabe eines test-Qualitätsurteils verzichtet und das Urteil lediglich "schwankende Qualität" genannt, was allerdings auch niemanden wirklich zufrieden gestellt hatte. Deshalb kaufen wir inzwischen grundsätzlich bei Lebensmitteln Produkte mit jeweils einheitlichem Mindesthaltbarkeits- (oder Verbrauchs-)datum ein, nennen dieses in unserer Veröffentlichung und sorgen auch dafür, dass es in der Werbung mit Testergebnissen jeweils mitgenannt wird. Die Chancen sind hierbei für alle Produkte gleich, da vorher nicht bekannt ist, was und wo wir einkaufen. Soweit es in unserer Macht steht, achten wir beim Einkauf darauf, dass die Ware ordnungsgemäß gekühlt ist und wir transportieren sie auch gekühlt weiter. Im Vergleich zu dem, was die Verbraucherinnen und Verbraucher im Durchschnitt im Handel einkaufen, nach Hause transportieren und dort bis zum Verzehr zwischenlagern, ist zu erwarten, dass unsere Ergebnisse tendenziell eher ein wenig zu positiv ausfallen. (sw/bp)

Herty am 12.04.2021 um 14:53 Uhr
Mangelhafte Hähnchenschenkel von Freiland Puten

Ich habe letzte Woche bei meinem Bio-Supermarkt die besagten Hähnchenschenkel gekauft und gegessen. Sie waren durchaus verzehrfähig. Den Test habe ich allerdings erst danach gelesen. Ich habe ausführlich mit dem Chef des Ladens gesprochen. Er meinte, da sei wahrscheinlich irgendwo die Kühlkette unterbrochen gewesen. In seinem Laden sei jedenfalls alles (seit Jahrzehnten) in Ordnung. @StiWa: Wurde denn der gleiche Artikel nochmal in einem anderen Geschäft gekauft? Speziell in so einem extremen Fall sollte das gemacht werden, um nicht durch einen einzelnen Ausreißer einen Hersteller in Misskredit zu bringen.

halsbandschnaepper am 10.04.2021 um 10:11 Uhr
@OrSz80

Ihr Argument ist lächerlich. Dann dürfte die Stiftung Warentest keine Lebensmittel mehr testen oder am besten gar nichts mehr. Kein Hersteller weiß wann ein Test kommt. Wenn also z.B. Rewe Bio eine gute Qualitätskontrolle hat, dann schneiden die gut im Test ab, egal wann der Test kommt...

dekabenz am 08.04.2021 um 21:51 Uhr
Freiland Puten sind super

Hallo Stiftung Warentest, ich kaufe regelmäßig die Schenkel von den Freiland Puten. Ich hatte noch nie Probleme. Wo die Kühlkette unterbrochen wurde, kann man schwer nachvollziehen. Haben Sie denn das Produkt noch mal bei einem anderen Händler gekauft und getestet? Wenn nein, finde ich eine derartige Bewertung total unfair und nicht im Verbraucherinteresse, da nicht neutral. Viele Grüße