Haaranalyse Test

Haare können etliche Geheimnisse preisgeben. Doch lassen sie auch Rückschlüsse auf die Gesundheit zu? Anbieter von Haaranalysen behaupten das und lassen sich die Messwerte und medizinischen Ratschläge mit bis zu 110 Euro bezahlen. Das ist rausgeschmissenes Geld.

Wer häufig unter Erkältungen leidet, sich oft matt fühlt oder von Kopfschmerzen geplagt wird, sucht immer wieder nach Erklärungen für seine Probleme. Aufklärung versprechen in neuester Zeit zunehmend Apotheken, Reformhäuser, Labore, Heilpraktiker und Internet­an­bie­ter: Haaranalyse heißt die Zauberformel, die Mineralstoffmangel und Schadstoffbelastungen und damit vorgeblich Ursachen für mögliche Erkrankungen aufdecken soll.

„Schöne Haare symbolisieren Gesundheit-Schönheit-Leistungsfähigkeit“, heißt es zum Beispiel noch relativ neutral auf der Internetseite der Moritz-Apothe­ke, „kommt es aber zu Haarproblemen, so ist dies nicht nur von kosmetischer Relevanz, sondern oft stecken dahinter Gesundheitsprobleme, die man mit der Haar­­analyse aufdecken kann“.

Verunsicherung durch Werbeaussagen

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Störungen und Krankheiten auf der Spur: Haare werden am Haaransatz abgeschnitten, als Probe genommen, ...

Zugleich beunruhigend und beruhigend wirkt auf Kunden die Werbeaussage des Anbieters Reformhaus Pothmann: „Sogar drohende gesundheitliche Gefahren sind durch die Haar-Mineral-Analyse manchmal gerade noch rechtzeitig erkannt worden.“ Noch konkreter der Hinweis bei Sanascan: „Die Ursache vieler Beschwerden (Schlaflosigkeit, Allergien, chronische Mü­digkeit, Unwohlsein, Schmerzen usw.) lassen sich oft nicht schulmedizinisch ergründen und werden erst durch den Nachweis toxischer Stoffe (Quecksilber, Blei usw.) erklärbar.“

Wir machten die Probe aufs Exempel. Wir wollten wissen, ob das Verfahren wirklich so aussagekräftig ist. Wie zuverlässig sind die Messwerte? Und wie sinnvoll sind die anschließenden Empfehlungen? Deshalb gaben wir Haarproben von acht Männern und Frauen zwischen 30 und 70 Jahren zur Analyse. Als Begründung für die gewünschte Analyse nannten sie unter anderem unreine Haut, Haarausfall, Gewichtsverlust, Müdigkeit oder Infektan­fäl­ligkeit. Die Anbieter erhielten Haare von vier Testpersonen und jeweils zur Kontrolle eine zweite Probe derselben Person unter anderem Namen. Hierfür wählten wir Internetanbieter und Umweltapotheker aus. Bundesweit haben sich etwa 150 Apotheker zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen und bieten neben Haaranaly­sen auch Wasser-, Boden- und Raumluftanalysen an. Diese lassen sie in einem zentralen Labor auswerten.

Ein Esslöffel Haare

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gereinigt, für die Analyse kleingeschnitten und gekocht.

Bei allen Anbietern lief die Prozedur ähnlich ab: In einem Fragebogen mussten die Kunden Auskunft geben über Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen, Ernäh­rungsge­wohnheiten und Lebensstil, den Fragebogen zusammen mit einer Haarprobe (etwa die Menge, die auf einen Esslöffel passt) einschicken und die Analyse bezahlen. Bei den Umweltapothekern wurden die Haare direkt vor Ort am Hinterkopf abgeschnitten, der Fragebogen meist bei einem persönlichen Gespräch ausgefüllt. Das fand immer in einem vom Verkaufsraum abgetrennten Bereich statt.

Je nach Apotheke dauerte dieser Termin zwischen sechs Minuten und einer Stunde. Mal traf der Kunde auf eine deutlich gehetzte Mitarbeiterin, die ihn im Schnelldurchlauf befragte, mal ließen sich die Apotheker Zeit für mehr oder weniger ausführliche Informationen, Erklärungen oder Nachfragen.

Niederschmetterndes Ergebnis

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Robert A. ließ in unserem Auftrag Haarproben analysieren. Das Beispiel für die Kalziumwerte zeigt: Acht Analysen führten zu acht verschiedenen Ergebnissen.

Eineinhalb bis sieben Wochen später lagen die Ergebnisse aller Anbieter vor. Zwischen 5 und 22 Seiten umfassten die Analyseergebnisse. Das Spektrum reichte vom persönlich gehaltenen Brief über Loseblattsammlungen in Klarsichthüllen bis hin zu Gutachten mit Spiralbindung und farbigem Titelblatt. Bunte Säulendiagramme und Übersichtstabellen stellten die gemessenen Werte anschaulich dar. Die Labore ermittelten etwa 20 bis 40 Elemente: Mineralstoffe wie Kalzium, Magnesium, Zink, Spurenelemente wie Eisen, Mangan, Selen und Schadstoffe wie Aluminium, Blei, Quecksilber.

Das Ergebnis ist niederschmetternd: Die Analysewerte für eine Person schwanken von Labor zu Labor. So liegen zum Beispiel die Kalziumwerte von Robert A. zwischen 430 und 1 147 ppm (siehe Grafik). Für Magnesium ermittelt ein Anbieter völlig normale Werte, während ein anderer zu niedrige feststellt und dringend empfiehlt, ein Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Selbst das gleiche Labor ermittelt bei Haarproben derselben Person unterschiedliche Werte.

Ähnliche Ergebnisse gibt es für das Spurenelement Selen, das im Haar in wesentlich geringerer Konzentration vorhanden ist: Zwei Anbieter finden völlig normale Selenwerte in sämtlichen untersuchten Haarproben, während zwei andere Labore für Haarproben derselben Personen teilweise sogar behandlungsbedürftige Selendefizite feststellen.

Im Übrigen geben die einzelnen Labore oft völlig unterschiedliche Normalwerte an, obwohl niemand sicher weiß, welcher Gehalt an Mineralstoffen und Spurenelementen im Haar normal ist. Auch für die verschiedenen Schadstoffe gibt es keine übereinstimmenden Messergebnisse.

Im­merhin finden vier von fünf Anbietern Werte unterhalb der Höchstgrenze, stellen also keine Gefährdung fest. Doch im Detail gibt es erstaunliche Widersprüche. In Haarproben derselben Person findet ein Labor zum Beispiel den höchsten Quecksilberwert, ein anderes den niedrigsten. Erstaunlich: Ein weiteres Labor findet einmal eine erhöhte Belastung mit Kadmium und Blei, bei der zweiten Probe unter anderem Namen jedoch eine zehn Mal niedrigere Konzentration im unteren Normalbereich.

Da auf die Messwerte offenbar kein Verlass ist, sind die daraus abgeleiteten medizinischen Empfehlungen erst recht mit Vorsicht zu genießen. Denn je nach Anbieter und Ergebnis der Haaranalyse müsste der Kunde einmal therapeutische Konsequenzen ziehen, ein anderes Mal aber nicht. Doch das erfährt der Verbraucher normalerweise nicht, denn er gibt ja in der Regel nur eine Analyse in Auftrag. Für sein Geld – die Haaranalysen kosten zwischen 65 und 110 Euro – bekommt er dann viel bedrucktes Papier, das etliche irreführende Aussagen enthält. Es werden ganz allgemein bedrohliche Konsequenzen eines Mangels oder eines Überschusses geschildert, das persönliche Risiko ist aber kaum einzuschätzen.

Vorsicht vor Empfehlungen

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Die Lösung aus der Haarprobe wird im Autosampler analysiert;...

Dem Gutachten ist in der Regel ein Anschreiben mit Datum und Unterschrift sowie eine rechtliche Absicherung beigefügt. Sie enthält den Hinweis, dass die Haaranalyse nicht geeignet ist, Krankheiten festzustellen und keine ärztliche Untersuchung ersetzt. Doch diese Warnung gerät bei der weiteren Lektüre leicht in Vergessenheit. Das Labor, das die Analysen für Barth-International erstellt, schreibt etwa: „Die bei dem Patienten erscheinenden Symptome weisen nicht nur darauf hin, dass 'etwas Schlechtes' im Organismus geschieht, sondern auch bringen sie die Tatsache zum Vorschein, dass der Organismus mit den schädlichen Faktoren nicht 'fertig werden' konnte.“ Und an anderer Stelle: „Das Profil deutet auf die Neigung zur Entstehung der Anämie infolge des Eisenmangels hin.“

Das Labor der Umweltapotheker ermittelt einmal hohe Zinkwerte im Haar und erläutert: „Sehr hohe Zinkwerte können einen Zinküberschuss, aber auch eine Zinkverwertungsstörung (also einen Zink-Mangel im Gewebe mit Mangelsymptomen) reflektieren.“ Bei niedrigen Manganwerten heißt es: „Das Auftreten degenerativer Erkrankungen und die Krebsentstehung sollen von der Manganversorgung abhängig sein.“ Das Reformhaus Pothmann legt seinen Analysen eine Anleitung für die Ermittlung des Herzin­farktrisikos bei: Je nach ermitteltem Mineralstoffwert werden Punkte vergeben. Aus der erreichten Punktzahl lässt sich dann in vier Stufen ein niedriges bis hohes Herzinfarktrisiko ablesen.

Die konkreten Empfehlungen laufen dann meist darauf hinaus, hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, um die Mineralstoffkonzentration zu erhöhen. Festgestellte Schadstoffe sollen die Kunden mittels Entgiftungstherapie ausleiten – dieser Vorschlag wird häufig von Umweltapothekern gemacht. Oft wird in den Gutachten auch die Einnahme von Vitamin- oder Fettsäurepräparaten empfohlen, für deren Notwendigkeit aber gar keine analytischen Befunde erhoben worden waren.

Alle Anbieter geben auch Ernährungsratschläge. Sie reichen von der all­­­ge­meinen Empfehlung, künftig weniger Fett und mehr Kalzium zu verzehren, bis hin zu umfangreichen Nahrungsmittellisten. Die Moritz-Apotheke rät mehrfach zur umfassenden Blutdiagnostik und der ärztlichen Abklärung verschiedener Erkrankungen. Das klingt fachkundig, ist jedoch angesichts der von uns festgestellten gravierenden Mängel bei den Messergebnissen nicht angezeigt, beunruhigt die Kunden und verursacht weitere Kosten durch Untersuchungen, die normalerweise nicht nötig gewesen wären. Parallel zu den Haaranalysen nahm ein von uns beauftragtes Institut Blutproben der Testpersonen: Wie sich zeigte, waren sie ausreichend mit Mineralstoffen und Spurenelementen versorgt, eine erhöhte Belastung mit Schwermetallen wurde nicht festgestellt.

Wertewirrwarr und Spekulationen

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dafür erforderlicher Zerstäuber.

Die Ergebnisse der Untersuchung lassen nur den Schluss zu: Haaranalysen ermöglichen keine Aussagen zum allgemeinen Gesundheitszustand. Die Risiken des Verfahrens sind durch falsche Rückschlüsse und Empfehlungen derzeit weit größer als der Nutzen. Eine Ferndiagnose ohne ärztliche Untersuchung nur aufgrund einer Haaranalyse ist nicht möglich.

Die Analysen für eine Person ergaben beim Test völlig unterschiedliche Werte in verschiedenen Laboren, häufig sogar im selben Labor bei verschiedenen Haarproben derselben Person. Außerdem gibt es keine verbindlichen Normalwerte. Niemand weiß, welcher Gehalt an Mineralstoffen und Spurenelementen im Haar normal ist. Verschiedene Anbieter geben unterschiedliche Normalwerte an.

Für tatsächliche Stoffwechselstörungen gibt es viele verschiedene Ursachen. Eine Haaranalyse reicht für eine Diagnose nicht aus. Allgemein und ungezielt nach belastenden Stoffen zu suchen (unspezifisches Screening), ist nicht sinnvoll .

Der Arzt orientiert sich bei einer Untersuchung an Leitsymptomen, die an bestimmte Vergiftungen denken lassen, und sucht dann nach bestimmten Stoffen im Körper. Aktuelle Schwermetallbelastungen könnten zuverlässiger über eine Blutanalyse festgestellt werden.

Laien sind mit der Interpretation der Ergebnisse jedenfalls völlig überfordert. Die Gutachten sind zwar allgemein gehalten, beschwören aber doch eventuell mögliche Gefahren herauf.

Kunden dürften außerdem auch allgemeine gutachterliche Aussagen meist auf sich selbst beziehen und als beunruhigenden Blick in die Zukunft deuten – solche „Aufklärung“ beunruhigt und kann zur Verunsicherung führen.

Wann sinnvoll?

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Zum Nachweis von Drogen ist die Haaranalyse geeignet. Betroffen: Trainer Christoph Daum.

Eine Haaranalyse kann sinnvoll für vergleichende Untersuchungen zur Schad­­­­stoffbelastung einer Person sein – zusammen mit weiteren medizini­schen Un­tersuchungen und ärztlichem Rat. Zum Nachweis von Drogenkonsum hat sich die Haaranalyse bewährt. Hier geht es aber nicht um Fragen von Gesundheit und Krankheit, sondern zum Beispiel um kriminaltechnische Ermittlungen oder gerichtsmedizinische Nachweise: Auch eine Arsenvergiftung kann per Haaranalyse festgestellt werden.

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