Gynäkologen Test

Wie gut informieren Frauenärzte über den medizinischen Nutzen von Untersuchungen, die Patientinnen selbst bezahlen müssen? Um das herauszufinden, besuchten wir 50 Praxen.

Die Gynäkologen sind die deutschen Meister im „Igeln“. Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL genannt, sind ärztliche Zusatzleistungen, deren Kosten die gesetzlichen Krankenkassen nicht übernehmen. Zu den häufigsten dieser Angebote bei Frauenärzten gehören Ultraschalluntersuchungen, der Test auf Papillomviren (HPV-Test), ergänzende Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, Knochendichtemessungen und die erweiterte Schwangerenvorsorge.

Wie sinnvoll sind IGeL-Angebote?

Gynäkologen Test

Wir wollten wissen, wie Gynäkologen und Gynäkologinnen in ihren Praxen und im direkten Gespräch mit Patientinnen über die individuellen Gesundheitsleistungen informieren. 25 Frauen zwischen 25 und 55 Jahren besuchten deshalb in unserem Auftrag 50 Frauenarztpraxen in Hamburg, Berlin und München. Sie meldeten sich für die jährliche Krebsfrüherkennungs­untersuchung an, die von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. Wenn Arzt oder Ärztin nicht von sich aus zusätzlich Selbstzahlerleistungen ansprachen, fragten die Testerinnen je nach Alter nach einem von drei IGeL-Angeboten und ob es für sie sinnvoll sei: Vaginalultraschall, HPV-Test oder Hormonspiegeluntersuchung (siehe „Vaginaler Ultraschall“, „HPV-Test“, „Hormonstatuts“). Das war der Kern unserer Prüfung: Wie sachkundig berieten die Frauenärzte die Patientinnen über die Vor- und Nachteile eines zusätzlichen Checks?

Ultraschall: Unkritische Empfehlungen

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Vaginaler Ultraschall: Beratung in 11 Praxen.

Besonders unkritisch gingen viele Frauenärzte mit dem vaginalen Ultraschall um. Obwohl die Methode als allgemeine Reihenuntersuchung nicht für jede Frau geeignet ist (siehe „Vaginaler Ultraschall“), empfahlen die Gynäkologen sie unseren Testerinnen – gesunden beschwerdefreien Frauen – auffällig oft. Im schlimmsten Fall könnte eine überflüssige Operation die Folge sein. Neun von 20 Ärzten führten die Untersuchung sogar auf Kassenkosten durch. Das dürfte nicht passieren, wenn keine Beschwerden oder Krankheitssymptome vorliegen. Dennoch hießen die Begründungen: „Das sollte jede Frau machen lassen“, „Die Untersuchung sollte man einmal im Jahr machen lassen“, „Das ist sicherer.“ Einen eventuellen konkreten Nutzen der Vaginalsonographie nannten die Ärzte selten. Über die Nachteile informierten sie kaum, sahen sie möglicherweise selbst auch gar nicht.

HPV-Test: Sieben berieten „gut“

Gynäkologen Test

Mitunter fachlich falsch: Die Gynäkologen im Test berieten die Patientinnen meist sachlich und freundlich, doch nicht immer ausführlich genug. Manchmal waren ihre Informationen sogar fachlich falsch.

Beim HPV-Test, der Abstrichentnahme für eine Untersuchung auf Papillomviren (humane Papillomviren, HPV siehe „HPV-Test“) waren die Frauenärzte wesentlich zurückhaltender. Nur zwei Gynäkologen boten ihn aktiv an. In den restlichen 16 Praxen sprachen die Patientinnen das Thema selbst an. Sie erkundigten sich, ob der Test den von den Krankenkassen finanzierten PAP-Abstrich (Test auf Zellveränderungen) ergänzen könnte. Fast alle führten daraufhin Pro- und Kontra-Argumente an, doch nur in sieben Praxen erhielten die Testerinnen ausgewogene Informationen, die sie selbst in die Lage versetzten, sich für oder gegen den zusätzlichen Check zu entscheiden.

Die meisten Frauenärzte erläuterten aber zumindest, dass eine HPV-Infektion oft von allein heilt und dass der herkömmliche PAP-Abstrich meist Krebsvorstufen in einem frühen Krankheitsstadium erkennt. In jedem zweiten Gespräch wiesen die Ärzte auch aktiv auf Risikofaktoren hin, wie häufiger Partnerwechsel oder ungeschützter Geschlechtsverkehr.

Drei der Beratungsgespräche zum HPV-Test waren „unzureichend“. Entweder drängten Arzt oder Arzthelferin die Patientin zu dieser zusätzlichen Laborauswertung oder empfahlen den Test mit einer fachlich falschen Begründung, zum Beispiel dass sich so mit geringem Aufwand das Risiko ausschließen lasse, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken.

Hormonstatus: Richtige Empfehlung

Von einer Hormonspiegeluntersuchung vor oder in den Wechseljahren rieten fast alle Gynäkologen ab. Eine richtige Empfehlung (siehe „Hormonstatuts“). Dennoch, wirklich „gut“ beriet nicht einmal jeder zweite Arzt – nur fünf von zwölf Gynäkologen. Sie erklärten ausführlich, was gegen die Untersuchung spricht, aber auch, wann sie sinnvoll sein kann und die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Immerhin fragten insgesamt neun Ärzte die Patientin nach körperlichen Veränderungen oder Wechseljahrbeschwerden. Solche Symptome sind für eine Diagnose wichtiger als ein Bluttest. In einer Praxis fühlte die Testerin sich aber geradezu bedrängt, eine Hormonspiegeluntersuchung machen zu lassen.

Werbung im Internet

Die Arztpraxen verfolgen unterschiedliche Marketingaktivitäten in Sachen IGeL. Wir verglichen 25 Praxen ohne Internetangebot mit 25 Gynäkologen, die auf ihrer Webseite auf Selbstzahlerleistungen hinweisen. Manchmal ist die Liste der IGeL-Angebote dreimal so lang wie die Aufzählung der Kassenleistungen. Und da werden auch schon mal Gegensätze aufgebaut: „Krebsvorsorge“ und „Moderne Krebsvorsorge“ oder „Vorsorge Plus“ heißt es zum Beispiel. Einige Ärzte schüren sogar Unmut gegenüber der Krankenkasse oder erwecken den Eindruck, Patientinnen gingen ohne IGeL ein Gesundheitsrisiko ein, denn – so das Argument – Leistungen würden von den Kassen ausgegrenzt, „auch wenn sie medizinisch sinnvoll sind, Krankheiten verhindern oder sanft heilen könnten und letztendlich Ihrer Gesundheit dienen“. Inhaltlich erläutern die Frauenärzte auf ihren Internetseiten die IGeL-Angebote dagegen unzureichend. Über die Zuverlässigkeit und Risiken von Untersuchungen schweigen sie sich aus, Fachinformationen sind spärlich gesät, oft einseitig und manchmal sogar falsch.

Plakate und Faltblätter

In jeder dritten Praxis lag direkt am Anmeldetresen Informationsmaterial aus, häufig eine Mappe, in der die angebotenen Leistungen erläutert wurden. Auch im Wartezimmer fanden unsere Testerinnen relativ oft Plakate oder Faltblätter vor, zum Teil von Pharmafirmen, aber auch von Ärztekammern oder der Deutschen Krebshilfe. Sie empfanden die Hinweise jedoch nicht als aufdringlich. In einer Praxis wurden individuelle Zusatzleistungen sogar per Video beworben. 17 der 50 geprüften Ärzte verzichteten dagegen völlig darauf, per Werbematerial über Selbstzahlerleistungen zu informieren.

In jeder zweiten Praxis angesprochen

Gynäkologen mit Webseiten, die dort auch auf ihre IGeL-Angebote hinweisen, informierten auch in ihren Praxisräumen offensiver über die Zusatzleistungen. In jeder zweiten besuchten Praxis sprachen Arzt oder Arzthelferin die Testerinnen von sich aus auf die Selbstzahlerangebote an, nach dem Motto „Darf es ein bisschen mehr sein?“. In sechs Praxen bemühten sich sowohl Arzt als auch Arzthelferin um die Gunst und das Geld der Neukundin (siehe Grafik). Besonders negativ fiel auf:

  • In drei Praxen erwartete die Arzthelferin direkt bei der Anmeldung eine Entscheidung der Testerin über ein IGeL-Angebot.
  • Zwei Ärzte sprachen Zusatzleistungen sogar während der Untersuchung auf dem Gynäkologenstuhl an.
  • In einer Praxis widersprachen sich die fachlichen Informationen von Arzt und (verkaufsorientierter) Arzthelferin.

Fazit

Die Testerinnen fühlten sich nur in Einzelfällen bedrängt oder mussten sich Schimpftiraden gegen die Krankenkassen anhören. Die meisten Gynäkologen informierten unsere Testpatientinnen sachlich und freundlich über privat zu zahlende Zusatzleistungen. Doch nur jeder dritte Arzt erwies sich auch als fachlich kompetenter Ratgeber. Die Ärzte waren sich offenbar häufig der Nachteile und Risiken von Untersuchungen nicht bewusst. Sie unterschätzten möglicherweise auch die psychischen Belastungen der Frauen, die plötzlich mit dem Gedanken an unerkannte schwere Krankheiten konfrontiert wurden. Nur wenige Ärzte wiesen die Testerinnen aber darauf hin, dass ihr persönliches Erkrankungsrisiko gering sei. Dies und die unausgewogene Darstellung der Vor- und Nachteile von IGeL-Angeboten kann verunsicherte Frauen zurücklassen.

Mit der regulären Früherkennungsuntersuchung waren die meisten Testerinnen allerdings zufrieden. Sie würden die getesteten Praxen wieder aufsuchen, unter anderem weil die Ärzte sich Zeit für die Untersuchung und das Gespräch nahmen. Vielen gefielen auch die Atmosphäre der besuchten Arztpraxen, kurze Wartezeiten und freundliches Personal.

Tipps

Wenn Sie ein IGeL-Angebot in Anspruch nehmen wollen oder beim nächsten Gynäkologenbesuch damit konfrontiert werden, wägen Sie Vor- und Nachteile und mögliche Konsequenzen ab:

  • Fragen Sie Ihren Arzt, welchen persönlichen Nutzen Sie von der angebotenen Untersuchung haben und ob mit Risiken zu rechnen ist.
  • Erkundigen Sie sich auch, wie es nach einem auffälligen Testergebnis weitergeht, welche zusätzlichen Untersuchungen gemacht werden und mit welchen Risiken sie verbunden sind.
  • Denken Sie in Ruhe über Ihre Entscheidung nach und holen Sie eventuell eine zweite Arztmeinung ein.
  • Fragen Sie auch bei Ihrer Krankenkasse nach, ob und warum die Leistung nicht übernommen wird.
  • Vor Beginn der privat zu zahlenden Untersuchung sollten die gewünschten Leistungen und ein Kostenvoranschlag schriftlich vereinbart werden.
  • Informieren Sie sich auch über den Nutzen weiterer IGeL-Angebote (siehe Tabelle „Häufige privat zu zahlende Untersuchungen beim Gynäkologen“).

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