Grundqualifizierung Pflege Special

In Kurzkursen lassen sich jährlich Tausende zu Pflegehilfskräften qualifizieren. Sie finden Jobs, doch die Grenzen ihrer Tätigkeit sind umstritten.

Die Arbeitsagentur in Kiel sucht jemanden, der einen Schlaganfallpatienten betreut, die Caritas-Sozialstation in Nordhorn vergibt einen Job im ambulanten Pflegedienst und ein privater Berliner Pflegedienst stellt sofort und unbefristet eine Hilfskraft ein und zahlt 1 350 Euro monatlich. Eine Berufsausbildung müssen die Bewerber in diesen Fällen nicht mitbringen. Erwartet werden aber oft eine Kurzqualifizierung als Pflegehilfskraft, manchmal Berufserfahrung und fast immer der eigene PKW.
Die drei Stellenangebote sind kein Einzelfall. Gibt man im Internet die Schlagworte „Jobs“ und „Pflegehilfe“ ein, so spucken die Job-Suchmaschinen Dutzende von offenen Jobs aus, meist unbefristet und ab sofort. Keine Frage: Auch Pflegehilfskräfte, also nicht examinierte Kräfte, sind heute angesichts von gut zwei Millionen Pflegebedürftigen begehrt.

Gute Chancen für Pflegehelfer

Die Prognosen sind positiv. Schon in den vergangenen zehn Jahren sind auf dem Pflege- und Betreuungsmarkt 250 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Angesichts von voraussichtlich mehr als 2,6 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2020 wird die Zahl der benötigten Pflegekräfte weiter steigen.

Noch wird knapp die Hälfte ausschließlich von Angehörigen zu Hause versorgt. Doch nach der Pflegestatistik 2003 nimmt ihre Zahl weiter ab und der Trend geht hin zur professionellen Pflege im Heim oder durch ambulante Dienste. Bei immer mehr und immer älteren Menschen, die möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben wollen und sollen, haben Dienstleistungen in Pflege und Hausarbeit Konjunktur.

Die Jobs der Hilfskräfte sind weit gefächert: Sie übernehmen all jene Tätigkeiten, die Kranke und Alte nicht mehr selbst bewerkstelligen können, ob Waschen oder Frisieren, Begleitung zu Ärzten oder Behörden, Hilfe bei der Nahrungsaufnahme oder im Haushalt. All dies tun sie zur Entlastung und unter Aufsicht von Fachkräften wie Altenpfleger oder Gesundheits- und Krankenpfleger. In vielen der mehr als 10  000 ambulanten Pflegedienste hierzulande sind schätzungsweise bereits zwei Drittel Hilfskräfte. Auch in den 9  000 Pflegeheimen werden gering qualifizierte Kräfte gebraucht, wobei laut Heimpersonalverordnung mindestens die Hälfte der Pflegenden Fachkräfte sein müssen. Ihre Arbeit können Hilfskräfte, aber auch Privatpersonen anbieten und im Haushalt zum Beispiel Pflegende betreuen.

Unübersichtlicher Bildungsmarkt

Für Hilfskräfte, die bereits in diesem Sektor arbeiten, oder aber Interessierte ohne entsprechende Berufsausbildung, die einsteigen wollen, ist eine Grundqualifizierung nützlich. Wie ein Blick in die KURS-Datenbank der Bundesagentur für Arbeit zeigt, ist der Markt groß und unübersichtlich. Unter den Suchworten „Pflegehelfer“ und „berufliche Weiterbildung“ finden sich allein 65 Kurse mit dem Bildungsziel „Schwesternhelferin/Pflegediensthelfer“, 45 Kurse zur „Pflegehilfe in Alten- und Krankenpflege“ und 26 zum „Pflegehelfer“.
Klickt sich der Interessierte dann auf den jeweiligen Kurs, wächst die Verwirrung: Da kann er den „medizinisch-häuslichen Pflegehelfer“ in 60 Stunden für 818,07 Euro in Bad Arolsen machen. Oder die „Fortbildung zum anerkannten Pflegehelfer“ in drei Monaten in Bayreuth. In Berlin findet er einen „Grundkurs für Pflegehilfskräfte“, der 200 Stunden dauert und 614 Euro kostet.

Klarheit durch Marktübersicht

Um den Markt transparenter zu machen, hat die Stiftung Warentest bundesweit 127 Bildungsanbieter befragt, die diese staatlich nicht geregelten Grundqualifizierungen anbieten. 55 zurückgesandte Fragebögen haben wir ausgewertet.
Erstes Ergebnis: Die Kurse lassen sich in drei große Anbietergruppen einteilen (s. Anbieterkästen). Die größte Gruppe sind die Wohlfahrtsverbände Malteser Hilfsdienst, Johanniter-Unfallhilfe und Deutsches Rotes Kreuz, die Schwesternhelferinnen- und Pflegediensthelferausbildungen anbieten. Allein der Malteser Hilfsdienst schulte 2004 bundesweit 5 500 Teilnehmer. Im Durchschnitt dauern die Kurse 110 bis 120 Stunden, gefolgt von einem mindestens zweiwöchigen Praktikum.

Wenige VHS dabei

Eine zweite Gruppe stellen die Berliner privaten Bildungsanbieter dar mit einer Basisqualifikation von durchschnittlich 200 Unterrichtsstunden und einem Praktikum unterschiedlicher Dauer. Zielgruppe hier sind in erster Linie Arbeitslose, die – aufgrund der Jobchancen – teilweise noch von der Bundesagentur für Arbeit gefördert werden. Die Beratung zu diesen Kursen hat die Stiftung Warentest 2004 getestet (test 11/04).
Die dritte Gruppe besteht aus den Volkshochschulen (VHS): Bis auf eine Ausnahme sind die Kurse der sieben VHS, die uns geantwortet haben, zwischen 150 und 300 Stunden lang. Auch hier kommt ein meist zweiwöchiges Praktikum dazu.
Die übrigen zehn Anbieter, darunter weitere Wohlfahrtsverbände und auch kirchliche Träger, unterscheiden sich stark. Die Kurse dauern zwischen 40 und 680 Unterrichtsstunden, die Praxis zwischen einer und zwölf Wochen.

Breite Zielgruppe

Allen Anbietern gemeinsam ist die breite Zielgruppe. Das sind in erster Linie ungelernt Tätige in der Pflege, Arbeitslose, Wiedereinsteiger oder Interessierte, die einen Einstieg in die Branche suchen. „Vor allem Frauen, die nach einer längeren Erziehungspause wieder einen Job suchen“ spricht ein Wohlfahrtsverband im Internet an, anderswo richtet man sich an „ambulante Pflegehelfer“. Dass fast jeder einen solchen Kurs besuchen kann, zeigen die Voraussetzungen beim Malteser Hilfsdienst: Man sollte mindestens 16 Jahre alt, körperlich und geistig gesund sein und Freude am Umgang mit Menschen haben. In anderen Fällen liegt das Einstiegsalter bei 17 oder 18 Jahren, sind ein Hauptschulabschluss oder Deutschkenntnisse Bedingung.

Zwischen 16 und 600 Stunden

Große Unterschiede fanden wir in Bezug auf Länge und Preise der Kurse. So währte ein so genannter VHS-Grundpflegekurs ganze zwei Vormittage, nämlich 16 Unterrichtsstunden. Der längste Lehrgang, bei einem privaten Bildungsträger in Mecklenburg-Vorpommern, dauerte 680 Stunden. Der Anbieter selbst verglich den Kurs mit der Ausbildung zur staatlich geprüften Altenpflegehelferin, die landesrechtlich geregelt ist und die es in diesem Bundesland – ebenso wenig wie in Berlin und Brandenburg – nicht gibt.
Im Durchschnitt dauern die Kurse zwischen 110 und 300 Stunden. Eine bundesweit allgemeine Anerkennung dieser Kurse gibt es nicht: Ob ein Pflegeheim in Sachsen eine Berliner Basisqualifikation anerkennt, entscheidet der Arbeitgeber, also der Träger des Heimes oder des Dienstes.

Bundesagentur fördert kaum noch

Den mit 1 624 Euro teuersten Lehrgang fanden wir bei einem Wohlfahrtsverband, der jedoch seinen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern, die 95 Prozent der Teilnehmer ausmachen, den Kurs bezahlt. Aber auch der Fernlehrgang „Praktische Altenbetreuung“ ist mit 1 512 Euro recht teuer. Durchschnittlich muss man für eine Grundqualifikation zwischen 200 und 500 Euro investieren.
Anders als in den Vorjahren fördert die Bundesagentur für Arbeit diese Lehrgänge kaum noch über einen Bildungsgutschein. Das ist auch ein Grund dafür, dass zum Teil Kurse nicht mehr zustande kommen und sich einige Anbieter nicht an unserer Untersuchung beteiligt haben. In Einzelfällen bekommen Arbeitslose den Kurs als Trainingsmaßnahme finanziert, die aber oft wesentlich kürzer ist als die früher, über Bildungsgutscheine geförderten Lehrgänge. In Einzelfällen übernehmen auch Arbeitgeber oder Kommunen die Kosten.

Tätigkeitsbereich umstritten

Die Durchsicht der Curricula, Konzepte und Fragebögen zeigt auch, dass längst nicht alle Anbieter ausreichend über das spätere Tätigkeitsfeld informieren. Zwar wird deutlich, dass sich die meisten Anbieter auf die häusliche, ambulante und stationäre Altenpflege konzentrieren. Unklar bleibt allerdings, was bei oft genannten Themenblöcken wie „Grundpflege“ oder „pflegerischem Grundwissen“ genau vermittelt wird.
Das ist umso wichtiger, als dass das Tätigkeitsfeld fachlich umstritten und rechtlich nicht eindeutig geklärt ist (s. Kasten zu Tätigkeitsbereichen). „Helferqualifikationen sind zu kurz, um wichtiges pflegerisches Wissen zu vermitteln“, erklärt Christa F. Schrader vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). „So sollte eine Hilfskraft zwar beim An- und Auskleiden helfen können, aber nicht für die Körperpflege eines alten kranken Menschen zuständig sein.“ Grundsätzlich sollte sie nur unter Aufsicht einer Pflegefachkraft arbeiten.
Tobias Immenroth vom Malteser Hilfsdienst sieht das anders: „Unter Aufsicht und Anleitung einer Pflegefachkraft kann eine bei uns ausgebildete Schwesternhelferin mit Berufserfahrung alle Maßnahmen der Grundpflege bei pflegedürftigen, älteren Menschen durchführen und einer Pflegefachkraft auch in der Behandlungspflege assistieren, etwa dem Verabreichen von Medikamenten.“

Grundpflege erlaubt

Auf dem Stundenplan der künftigen Hilfskräfte stehen zum Beispiel Lagerungstechniken, Zahnpflege, Waschen, Rasieren, An- und Auskleiden und das mundgerechte Zubereiten und die Aufnahme der Nahrung. Tätigkeiten also, die zur so genannten Grundpflege gehören und die in der Praxis viele Helfer ausüben.
Die so genannte Behandlungspflege schließen die Bildungsanbieter meist als Tätigkeitsfeld aus. Doch bei genauer Durchsicht der Curricula und Fragebögen verhalten sich viele von ihnen widersprüchlich. So gibt eine Reihe zum Beispiel auch die Krankenbeobachtung als Themenmodul im Lehrplan an. In einem Fall heißt es: Das Beobachten einer laufenden Infusion sei Aufgabe der Schwesternhelferin. Krankenbeobachtung aber sprengt die Aufgaben der Grundpflege. Sie gehört vielmehr in den Bereich der Behandlungspflege und ist Fachkräften, etwa Altenpflegern, vorbehalten. Nach Meinung der Stiftung Warentest sollten Anbieter ihre Informationen so klar formulieren, dass keine Grauzone entsteht und Interessenten sich ein eindeutiges Bild von ihrem zukünftigen Arbeitsfeld machen können.

Verantwortung ungeklärt

Unklar lassen auch viele Anbieter die Frage nach der Verantwortung und der Zusammenarbeit mit den Fachkräften. Zwar betonen einige, dass Hilfskräfte nicht injizieren oder Infusionen anlegen dürfen. Doch weder den Themenkomplex „Was gehört zu meinem Aufgabenbereich? Wie arbeite ich mit Pflegefachkräften und Ärzten zusammen?“, noch die Haftpflichtfragen und Auseinandersetzung mit den umstrittenen Arbeitsfeldern haben wir bei der Auswertung der Curricula und Konzepte gesondert gefunden. Genau dies aber wäre nach Meinung der Stiftung Warentest notwendig. Dieses Wissen zu vermitteln ist deshalb wichtig, weil viel zu oft im Alltag die Aufgaben nicht klar bestimmt sind: So haben nur knapp zwei Drittel aller stationären und ambulanten Dienste Aufgaben und Verantwortungsbereiche überhaupt durch Stellenbeschreibungen und ähnliches geregelt, wie eine Qualitätsprüfung aufzeigte.

Bezahlung nicht geregelt

Einig sind sich die Fachleute darüber, dass die Teilnehmer wissen müssen, dass sie keinen Beruf erlernen, sondern auch künftig als Hilfskraft arbeiten werden. „Unsere Absolventen erfahren, dass dies keine Berufsausbildung ist, sondern eine Qualifizierung für eine Hilfstätigkeit, vor allem in der häuslichen, stationären und ambulanten Pflege“, sagt Tobias Immenroth. In der Regel kann man sich die Kurse auch nicht auf eine mögliche spätere staatlich anerkannte Ausbildung, etwa zur Altenpflegehelferin, anrechnen lassen. Deshalb ist auch die Bezahlung meist nicht tariflich geregelt, sondern hängt vom Arbeitgeber ab. Die Caritas zum Beispiel gruppiert eine Hilfskraft in die zweitunterste Vergütungsgruppe Kr2 ein, wenn sie eine 110 Stunden umfassende Grundqualifizierung nachweisen kann. Eine ledige 20-Jährige in den alten Bundesländern erhält dann inklusive Zulagen rund 1 775 Euro.
Weniger in der Pflege, als vielmehr in patientenfernen Tätigkeiten sieht der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe ein passendes Einsatzgebiet für Hilfskräfte. Dazu gehören zum Beispiel Hol- und Bringedienste oder das Annehmen von Telefonaten. „Gerade bei der ständig wachsenden Zahl älterer Menschen wächst auch der Bedarf an Helfern, um die Versorgung zu sichern“, betont Schrader.

Ob man die Kurse in ihrer heutigen Form als berufliche Sackgasse einstuft, wie es der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe tut, oder als Chance für Schulabgänger, die Carebranche kennen zu lernen, oder für Wiedereinsteigerinnen, in Lohn und Brot zu kommen, hängt von der jeweiligen Perspektive ab.
Arbeit gibt es jedenfalls genug.

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