Grüner Knopf Meldung

Wer mit dem neuen Textilsiegel werben will, muss unter anderem nach­weisen, dass die von ihm produzierte Kleidung unter fairen Arbeits­bedingungen entstanden ist. Das Foto entstand 2018 in einer Textilfabrik in Bangladesch.

Ein neues, von der Bundes­regierung initiiertes Textilsiegel soll es Verbrauchern erleichtern, nach­haltige Mode zu erkennen. Vergeben wird es an Anbieter, die auf die Einhaltung sozialer und ökologischer Mindest­stan­dards achten – wie Mindest­lohn und ausreichender Gesund­heits­schutz für die Textilbeschäftigten. Zertifiziert wird dies durch externe Institute. Produkte mit dem grünen Knopf könnten schon bald erhältlich sein. Kritiker loben die Zielset­zung, fordern aber verbindlichere Vorgaben.

Der grüne Knopf soll für nach­haltige Lieferketten stehen ...

Grüner Knopf Meldung

Textilsiegel gibt es bereits einige. Mit dem grünen Knopf hat das Entwick­lungs­hilfe­ministerium ein über­greifendes Label aufgelegt.

Das neue Label wird vom Bundes­ministerium für wirt­schaftliche Zusammen­arbeit und Entwick­lung (BMZ) heraus­gegeben. Es berück­sichtigt nicht nur den Umwelt­schutz, sondern auch die Arbeits­bedingungen. Bis auf Weiteres werden lediglich die Produktions­schritte Färben und Bleichen sowie Zuschneiden und Nähen erfasst. Später sollen noch die Produktions­schritte Baumwoll­anbau beziehungs­weise Kunst­faser­herstellung, Spinnen der Fäden und Weben der Stoffe sowie Vertrieb hinzukommen. Das Nach­haltig­keits­siegel soll zunächst Verbrauchern beim Textilienkauf Orientierung bieten – vom T-Shirt über Bett­laken bis zu Ruck­säcken. Lang­fristig sollen sich damit aber auch die Lieferketten anderer Produktarten erfassen lassen.

... und ergänzt bestehende Textillabel

Der grüne Knopf ist eine Art „Über­siegel“. Erfüllt eine Modemarke bereits die Kriterien bestehender nach­haltiger Siegel im Textilbereich, kann sie sich auch um den grünen Knopf bewerben. Das gilt für folgende acht bestehende Siegel:

  • Global Organic Textile Stan­dard GOTS
  • Faitrade Textile Production
  • IVN Natur­textil
  • Oeko-Tex-Stan­dard „Made in Green“
  • Fair Wear Foundation
  • Certified Cradle to Cradle
  • Bluedesign Product
  • Stan­dard SA 8000 der Organisation SAI.

Textilfirmen müssen Einhaltung von Stan­dards nach­weisen

Die genannten Label stehen schon jetzt für die Einhaltung bestimmter Kriterien, zum Beispiel der Verwendung von Biobaumwolle sowie der Einhaltung von Mindest­stan­dards bei Arbeits­bedingungen, Löhnen und Umwelt­schutz in den Fabriken. Sie werden genauer dargestellt auf der vom Entwick­lungs­hilfe­ministerium betriebenen Website Siegelklarheit.de. Außerdem prüfen die Institute des grünen Knopfs selbst auch die Modemarken und ihre Firmen. Diese Prüfung geht über die der meisten bestehenden Siegel hinaus. Bisher wurden meist nur die Endprodukte und gegebenenfalls deren Herkunft zertifiziert. Anbieter müssen anhand von 20 Kriterien nach­weisen können, dass sie Umwelt- und Sozialstan­dards einhalten. Zum ersten Mal hat ein Bundes­ministerium in diesem Bereich eine eigene Zertifizierung aufgebaut.

Von Aldi über Tchibo bis Vaude

27 Unternehmen machen zum Anfang mit, darunter Start-Ups, Mittel­ständler wie hess­natur, Trigema und Vaude sowie Handels­konzerne wie Aldi, Rewe, Tchibo und die Schwarz-Gruppe (Kauf­land, Lidl). 26 weitere Unternehmen sind derzeit im Prüf­prozess, unter anderem auch Hugo Boss und die Otto-Group. Bis der grüne Knopf tatsäch­lich in den Geschäften auftaucht, kann es bei manchen Marken allerdings noch Monate dauern. Denn entsprechende Etikette können erst gedruckt werden, wenn für die Firma ein fertig unter­schriebener Lizenz­vertrag vorliegt.

Das hat die Stiftung Warentest zu Textilien heraus­gefunden

Anfang 2019 haben wir fünf Textilsiegel geprüft, ob sie Nach­weise für ihre nach­haltigen Anspruch beibringen können. Die Label sollten in den Geschäften und bei Onlineversendern häufig zu finden sein und für Umwelt­schutz und bessere Arbeits­bedingungen in der Textilbranche stehen. Im Test: Global Organic Textile Stan­dard (Gots), Cotton Made in Africa, Better Cotton Initative sowie die Unter­nehmens­label C&A „Wear the change“ und H&M „Cons­cious“. Welt­weit sind immerhin 19 Prozent der Baumwolle aus zertifiziertem nach­haltigem Anbau.

Beim aktuellen Test von Hemden prüften wir unter anderem Trage­komfort und Halt­barkeit. Im zugehörigen CSR-Test (Corporate Social Responsibility, gesell­schaftliche Unter­nehmens­ver­antwortung) untersuchten wir, unter welchen Bedingungen sie produziert wurden und wie ihre Anbieter sich für die Umwelt engagieren.

Grüner Knopf: 26 Kriterien sind auf Produkt­ebene relevant ...

Bei den Produkten selbst baut der Grüne Knopf auf den bisher acht bereits anerkannten Siegeln auf. 26 Kriterien müssen hier erfüllt werden. Im Umwelt­bereich sind zum Beispiel gefähr­liche Chemikalien verboten, die Abwasser­grenz­werte müssen einge­halten werden, die Fasern auf Schad­stoffe geprüft sein. Soziale Kriterien umfassen etwa den Arbeits- und Brand­schutz, das Verbot von Zwangs- und Kinder­arbeit, bezahlte Über­stunden oder das Recht auf kollektive Verhand­lungen im Betrieb, etwa über eine Gewerk­schaft. (Detaillierte Kriterien des Grünen Knopfs)

... aber die Unternehmen müssen 20 weitere Kriterien erfüllen

Neben den Kleidungs­stücken müssen sich auch die herstellenden Firmen einer Prüfung für den Grünen Knopf unterziehen. Die 20 Kriterien beruhen auf den Leitprinzipien der Arbeits­organisation ILO der Vereinten Nationen für Wirt­schaft und Menschen­rechte sowie Empfehlungen der OECD für den Textilsektor. Sie erfassen die gesamte Produktion der jeweiligen Firma. Diese muss unter anderem Risiken der Lieferkette analysieren, Maßnahmen ergreifen, öffent­lich berichten und ein Beschwerdemanagement in den Betrieben einrichten.

Kritiker erwarten mehr ...

Die „Kampagne für Saubere Kleidung“, die sich nach eigenen Angaben für die Rechte der Beschäftigen in der Lieferkette der Textil­industrie einsetzt, sieht noch „erhebliche Schwächen“ beim Grünen Knopf. Etwa sei „unklar, wie die Kriterien und die Nach­weisführung in der Praxis umge­setzt werden“. Außerdem hält die Kampagne für Saubere Kleidung die freiwil­lige Produktzertifizierung durch privatwirt­schaftliche Institute nicht für den richtigen Ansatz. Die Kampagne fordert ein Lieferkettengesetz, das Herstel­lern die Einhaltung von bestimmten Kriterien in der Produktion vorschreibt.

... und viele Verbraucher auch

Auch die Verbraucher hätten gerne mehr: Laut einer repräsentativen Umfrage von Hopp Markt­forschung im Auftrag des vzbv erwarten 74 Prozent der Befragten, dass die gesamte textile Wert­schöpfungs­kette vom Baumwoll­feld bis zum Bügel durch das Siegel abge­deckt wird. Und 84 Prozent erwarten demnach, dass existenz­sichernde Löhne gezahlt werden.

Mindest­lohn aber nicht existenz­sichernde Löhne

Der Grüne Knopf schreibt als Unter­grenze für die Bezahlung den Mindest­lohn vor. Das wäre oft mehr, als jetzt vor Ort bezahlt wird. Existenz­sichernde Löhne, also solche, von denen ein Mensch oder eine Familie leben kann, sind in den meisten Ländern aber noch weit höher. Solche existenz­sichernde Löhne sind bei den Stoff­herstel­lern diverser Länder sehr umstritten und sollen erst in einigen Jahren für das Siegel Pflicht werden. Irgend­wann nach Abschluss der Pilot­phase im Jahr 2021.

Verbraucherzentrale Bundes­verband sieht „Potenzial“

Die Verbraucherzentrale Bundes­verband (vzbv) erkennt durch­aus Potenzial im Grünen Knopf „mehr Licht in den Siegel­dschungel zu bringen“, so eine aktuelle Erklärung. „In der Kombination der Unter­nehmens­kriterien zum Umgang mit Menschen­rechten und der Nutzung ausgewählter Textilsiegel sieht der vzbv einen echten Mehr­wert des ‚Grünen Knopfes‘ für Verbraucher“, sagt Kathrin Krause, Referentin für nach­haltigen Konsum beim vzbv. Der vzbv sieht aber ebenso weiteren Bedarf an gesetzlichen Rege­lungen, neben einem Lieferkettengesetz etwa beim Gesetz gegen den unlauteren Wett­bewerb, damit nicht jeder unge­straft mit unzertifizierten Logos und angeblichen „grünen“ Kriterien werben könne, ohne dass auch tatsäch­lich in der Produktion etwas dahinter stehe.

Die erste deutsche Gewähr­leistungs­marke

Der Grüne Knopf ist die erste sogenannte Gewähr­leistungs­marke in Deutsch­land. Sie beruht auf einem seit Januar gültigen Gesetz. Solche Marken sollen für Verbraucher bestimmte Eigenschaften der Waren sicher­stellen. Und zwar nicht nur für einen Hersteller, sondern auch für eine ganze Reihe von Firmen, die die Kriterien der Qualitäts­marke nutzen wollen. Diese Marken werden über­wacht vom Deutschen Patent- und Markenamt. Das Siegel erfüllt laut Entwick­lungs­hilfe­ministerium auch EU-Regeln, kann also prinzipiell auch von anderen Ländern genutzt werden.

Bürokratische Hürden für die Zertifizierung

Die Einführung des Siegels musste verschoben werden, weil es aller­hand recht­liche Hürden zu über­winden galt. Das BMZ baute ein eigenes Referat für die Sache auf; wasser­dichte und EU-konforme Rege­lungen mussten gefunden werden. Ein weiterer Engpass bestand am Schluss nicht mehr in den Kriterien, sondern in der Über­prüfung derselben: Es kann nicht jeder prüfen, die Prüf­institute müssen wieder von einem anderen Amt zugelassen werden, der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS). So waren Anfang August erst vier Prüf­institute für das komplexe Zertifizierungs­verfahren zugelassen.

Warten auf die Prüfung

Einige auch markt­bedeutende Unternehmen beschwerten sich, dass sie auf Grund mangelnder Prüf­kapazitäten zur Einführung des Grünen Knopfes nicht mit von der Partie sein können. Das spiegelt einen Umschwung in der Branche: In der Anfangs­zeit des Grünen Knopfes war es eher das Problem, dass nur wenige, meist kleinere Unternehmen des Textilsektors mitmachen wollten. Und diese waren meist bereits Branchen­vorbilder in Sachen Nach­haltig­keit.

Die Vorgeschichte des Grünen Knopfs

Schwere Unglücke. Treibende Kraft für den Grünen Knopf ist das Bundes­ministerium für wirt­schaftliche Zusammen­arbeit, kurz BMZ. Auslöser waren unter anderem zwei Fabrik­unglücke in Pakistan 2012 und Bangladesch 2013, bei denen zusammen etwa 1 400 Menschen ums Leben kamen. Oft sind nied­rigste Löhne, lange Arbeits­tage, fehlender Brand­schutz in Fabriken oder ein ungeschützter Umgang mit giftigen Chemikalien Probleme der Branche.

Start­schuss 2014. Bundes­entwick­lungs­hilfe­minister Gerd Müller hatte 2014 deshalb das Textilbündnis initiiert. Dort sollen freiwil­lig Textil­erzeuger und -verkäufer beitreten und zusammen mit Nicht­regierungs­organisationen an Reformen in den Erzeugungs- und Verarbeitungs­ländern mitwirken. Veränderung dauert. Die Zahl der Firmen im Textilbündnis stagniert jedoch seit längerem und Veränderungen in den Erzeugerländern von Kleidung und anderen Textilien kommen nach Angaben von Nicht­regierungs­organisationen nur sehr lang­sam voran. Auch gesetzliche Rege­lungen wie ein Lieferkettengesetz sind noch nicht in Sicht. Der Grüne Knopf soll jetzt für einen Ausweg sorgen.

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