Zum 80. Mal findet in diesem Jahr die Grüne Woche statt. Die Veranstaltung in Berlin ist welt­weit die größte Messe rund um Ernährung und Land­wirt­schaft. Zu den wichtigsten Themen rund um die Grüne Woche gehören diesmal die Problematik von Antibiotikaresistenzen, die neue Tier­wohl-Initiative und die Verunsicherung um das geplante Frei­handels­abkommen TTIP (Trans­atlantic Trade and Investment Part­nership).

Frei­handels­abkommen TTIP im Fokus

Das Für und Wider fallender Wirt­schafts­grenzen im Rahmen des geplanten Frei­handels­abkommens TTIP mit den USA steht auch auf der Grünen Woche auf dem Programm. So findet am 22. Januar ein Forum über Lebensmittel im Freihandel des Verbraucherzentrale Bundes­verbands (vzbv) statt. Viele deutsche Konsumenten stehen dem geplanten Abkommen laut Umfragen bisher negativ gegen­über. Sie fürchten, dass der Verbraucher­schutz durch das geplante Abkommen unter­wandert wird und zum Beispiel Chlorhühn­chen oder Genmais in deutschen Supermärkten landen könnten (zur Meldung Chlorhähnchen - die Hygiene ist entscheidend).

Bauern und Industrie für das Abkommen

„TTIP kann auch Vorteile für den Verbraucher bringen“, erklärte Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundes­verbands (vzbv), im Rahmen der Grünen Woche. „Das Abkommen bedarf aber noch einiger Korrekturen, der jetzige Stand ist ungenügend“ (zum ausführlichen Interview mit Klaus Müller auf test.de). Positiver äußerten sich Bauern­verbands­präsident Joachim Rukwied und Christoph Minhoff von der Bundes­ver­einigung der Deutschen Ernährungs­industrie. Ihre Verbands­mitglieder seien mehr­heitlich für einen Abschluss des Frei­handels­abkommens, „so lange europäische Stan­dards beibehalten werden“, so Rukwied. Kürzlich hatte Bundes­land­wirt­schafts­minister Christian Schmidt durch ein Interview Sorgen geschürt, in dem er sagte: „Wir können nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“. Später relati­vierte er seine Aussage. Es gebe viel Zuspruch dafür, die geltenden Stan­dards bei regionalen Lebens­mitteln beizubehalten (zum Special Regionale Lebensmittel: Werbung oder Wahrheit?). Auf der Grünen Woche bekräftigte EU-Agrar­kommis­sar Phil Hogan, dass sich am System geschützter regionaler Angaben in der EU nichts ändern werde. Derzeit können Kunden die Herkunft eines Lebens­mittels anhand eines Logos ermitteln.

Staaten können Genpflanzen leichter verbieten

Auch das Thema „gentech­nisch veränderte Organismen dürfte für Besucher der Grünen Woche interes­sant sein (zum Special Gentechnik in Lebensmitteln). Erst kürzlich verabschiedete das Europa­parlament eine neue Richt­linie, nach der jeder EU-Staat den Anbau genmanipulierter Pflanzen künftig leichter verbieten kann. Bisher konnten EU-Staaten eine Genpflanze, die zum Anbau in der EU zugelassen ist, nur dann aus dem eigenen Land verbannen, wenn sie neue wissenschaftliche Belege über Gefahren für Gesundheit oder Umwelt vorlegten. Voraus­sicht­lich ab April 2015 sind auch nicht­wissenschaftliche Argumente, etwa öffent­liche Kritik, als Grund für ein Verbot zulässig. Derzeit lehnen laut einer Forsa-Umfrage rund 80 Prozent der Deutschen Gentechnik in Lebens­mitteln ab. Die einzige in der EU zum Anbau zugelassene gentech­nisch veränderte Pflanze, die Maissorte Mon810, dürfen Land­wirte hier­zulande nicht anbauen. Auf der Grünen Woche ist unter anderem der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik mit einem Stand vertreten.

Resistente Keime sind eine Heraus­forderung

Auf knapp 90 Prozent von 57 untersuchten Geflügel­fleisch­proben von deutschen Discountern fand der Bund für Umwelt und Natur­schutz jüngst antibiotikaresistente Keime und fordert, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast deutlich zu reduzieren. Er gilt als Haupt­ursache von resistenten Keimen in Lebens­mitteln. Auch die Stiftung Warentest entdeckte 2013 in zahlreichen Hähnchenschenkeln antibiotikaresistente Bakterien. Das Antibiotika-Problem dürfte Politik, Land­wirt­schaft und Verbraucher auch auf der Grünen Woche beschäftigen. Bisher gut heil­bare Erkrankungen könnten künftig wieder riskant werden, wenn gängige Antibiotika nicht mehr anschlagen. In Krankenhäusern sind antibiotikaresistente Keime schon heute ein Problem. Zwar wurden bereits erste Schritte unternommen, um entgegen zu wirken (zum Special Antibiotika: Warum zu viel krankmacht). Gesetzliche Grenz­werte für antibiotikaresistente Keime in Lebens­mitteln gibt es bislang aber nicht.

Tier­wohl-Initiative startet im April

Diskussions­stoff für die Grüne Woche liefert die Initiative Tier­wohl. Sie sieht vor, dass Land­wirte Unterstüt­zung erhalten, wenn sie freiwil­lig bestimmte Tier­schutz­maßnahmen ergreifen. Das Geld stammt aus einem Fonds, in den Einzel­händler seit Anfang 2015 einzahlen können. Alle großen Handels­ketten in Deutsch­land beteiligen sich und zahlen vier Cent pro verkauftem Kilogramm Fleisch. Ab April können sich zunächst Schweinehalter und kurz darauf auch Geflügel­produzenten an der Initiative beteiligen. Allerdings: Auf der Verpackung wird dann wohl nicht erkenn­bar sein, ob das Fleisch aus einem teilnehmenden Betrieb stammt. Der vzbv kritisierte schon im November die Kenn­zeichnung als „unzu­reichend“. Der deutsche Tier­schutz­bund lobte das Ziel der Initiative, kritisierte aber zugleich die Umsetzung. So führe die Honorierung von einigen wenigen Maßnahmen im Ganzen nicht zu einem besseren Tier­schutz. Die Stan­dards für Geflügel seien etwa zu gering (zum Special Tierschutzlogos im Vergleich).

Über­raschungs­gast Russ­land

Ein politisches State­ment setzt in diesem Jahr Russ­land: Obwohl der Import­stopp für zahlreiche Lebens­mittel aus der EU weiterhin gilt, präsentiert sich Russ­land in einer eigenen Halle. Ob Vertreter des russischen Land­wirt­schaft­ministeriums im Rahmen der Messe zu Gesprächen bereit sind, ist noch offen. Die Grüne Woche dürfte gleich­wohl den politischen Austausch befördern: So findet zum siebten Mal das Global Forum for Food and Agriculture statt. Hier diskutieren die Agrar­minister zahlreicher Länder Möglich­keiten, den Klima- und Natur­schutz bei der Nahrungs­mittel- und Energieversorgung stärker zu berück­sichtigen.

Tipp: Sie wollen zur Grünen Woche? Hier finden sie alle wichtigen Informationen zur Messe. Die Grüne Woche ist ab dem 16. Januar um 10 Uhr für Besucher geöffnet und endet am 25. Januar. Ein Tages­ticket kostet 14 Euro, für Schüler, Studenten und bestimmte Zeiträume gibt es ermäßigte Karten.

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