Interview: Hoher Informationswert ist möglich

Gründungsseminare Test

Professor Klaus Anderseck, wissenschaftlicher Leiter des Gründer-Fernstudiums an der Fernuniversität Hagen.

Was können Teilnehmer von drei- oder viertägigen Existenzgründungsseminaren erwarten?

Wenn die Dozenten sich an konkreten Gründungskonzepten orientieren und den Teilnehmern Schritt für Schritt die wichtigsten Punkte einer Existenzgründung vermitteln, können diese Seminare sehr informativ sein. In einem solchen Fall haben die Teilnehmer durch die chronologische Abfolge der Themen einen Ankerpunkt oder roten Faden, an dem sie sich orientieren können. Unter dem Strich erlangt man durch den Besuch eines solchen Seminars allerdings nicht die Kompetenz, auch wirklich erfolgreich gründen zu können – selbst wenn es gut gemacht ist. Die Seminare dienen vor allem der Informationsvermittlung und geben den Teilnehmern im besten Falle einen ersten Überblick.

Sollten die Seminare stärker auf die individuelle Situation der Teilnehmer eingehen?

Für Teilnehmer, die wirklich gründen wollen, wäre dies absolut notwendig. Die Frage ist aber, ob das in solchen Seminaren möglich ist: Sobald die Dozenten auf die individuellen Belange der einzelnen Teilnehmer eingehen, verwandelt sich die Informationsveranstaltung in eine Beratung. In diesem Fall hat der Dozent eine höhere Verantwortung und muss Beratungskompetenz mitbringen. Was ist zum Beispiel, wenn ein Gründer seinem Rat folgt und Schiffbruch erleidet?

Wenn die Seminare vor allem Informationen vermitteln, reicht es dann nicht auch aus, ein gutes Buch zur Hand zu nehmen?

Das kommt auf die Klientel an. Ich habe meine Zweifel, ob viele Kleingründer den Inhalt der einschlägigen Sachbücher auch verstehen würden. Außerdem kann man in Seminaren Rückfragen stellen. Was diese Möglichkeit angeht, sind sie dem Buch nun einmal überlegen. Nützlicher ist es, erst nach dem Besuch eines Seminars in so ein Buch zu schauen.

Gibt es eine Zielgruppe, für die sich die Seminare besonders eignen?

Pauschal angeboten, so wie es momentan meistens der Fall ist, bringen die Seminare niemandem spezielles Wissen. Es wäre deshalb wünschenswert, wenn sie auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten wären. Ein Seminar für innovative Gründer zum Beispiel kann man gar nicht in drei Tagen abhalten. Denn solche Gründer sind in ganz anderen Beziehungen eingebettet, zum Beispiel in der Technologieentwicklung, und müssen sich mit ganz anderen Themen befassen als zum Beispiel Kleingründer, etwa mit Patentrecht. Umgekehrt kann man bei Seminaren für Kleingründer über die Reduzierung der Stofffülle nachdenken, da diese sich mit Aspekten wie etwa Personalführung in der Regel gar nicht beschäftigen müssen.

Wie sollten die Seminarteilnehmer ihr erworbenes Wissen festigen und weiterentwickeln?

Ich würde in der Region, in der ich wohne, nach Initiativen und Netzwerken für Existenzgründer suchen, zum Beispiel bei den Kammern, Gründerzentren oder Wirtschaftsfördergesellschaften. Auch das Wirtschaftsministerium hält im Internet unter www.existenzgruender.de eine Fülle von Informationen für Existenzgründer bereit.

Aufgrund veränderter Förderbedingungen werden nun in der Regel eher vier- als dreitägige Seminare angeboten. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Auf jeden Fall, allerdings unter einer Bedingung: Die Anbieter sollten darauf verzichten, noch mehr Stoff in die Seminare zu packen, sondern diese zusätzliche Zeit zum Sichern des Gelernten verwenden.

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