Glutenfrei, laktosefrei und Co. Special

Fertigpizza. Ohne Geschmacks­verstärker und Konservierungs­stoffe, aber mit viel Fett und Salz.

Fertigpizza. Ohne Geschmacks­verstärker und Konservierungs­stoffe, aber mit viel Fett und Salz.

„Laktosefrei“, „glutenfrei“, „ohne Konservierungs­stoffe“, „ohne Geschmacks­verstärker“ – solche Aussagen stehen auf vielen Lebens­mittel­verpackungen. Die entsprechenden Lebens­mittel sind freilich nicht per se gesünder als andere. Nach Recherchen der Stiftung Warentest nutzen manche Anbieter die Kenn­zeichnung, um für ihre Lebens­mittel mit Selbst­verständlich­keiten zu werben oder ungesunde Eigenschaften zu kaschieren. Doch es finden sich auch Produkte im Handel, deren „frei-von-“ und „ohne-“Kenn­zeichnung beim Einkauf durch­aus hilf­reich sein kann. test erklärt, für wen entsprechende Hinweise wichtig sind – und für wen nicht.

Schwungvoll gesetzte Häkchen markieren: Aufgabe erfüllt. Lebens­mittel­hersteller setzen sie vor allem auf Verpackungen von Fertigge­richten, Süßig­keiten und süßen Getränken. „Laktosefrei“, „glutenfrei“, „ohne Konservierungs­stoffe“, „ohne Geschmacks­verstärker“ – Häkchen davor, schon scheint alles prima zu sein.

Vielen Kunden vermitteln die Botschaften ein gutes Gefühl. Sie brauchen nicht mehr das Zutaten­verzeichnis abzu­suchen nach Stoffen, die sie – wie Gluten – nicht vertragen oder – wie Konservierungs­stoffe – ablehnen. „Einige Anbieter nutzen die ,Ohne’- und ,Frei-von’-Kenn­zeichnung auch, um zu werben oder ungesunde Merkmale ihrer Produkte zu kaschieren“, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Anders ausgedrückt: Manche Aussagen klären auf, manche stünden besser nicht drauf.

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Ein gutes Image verpassen

Die Methode hat einen eng­lischen Namen: Clean Labelling. Wort­wörtlich über­setzt heißt das „sauber etikettieren“, mitunter bedeutet es aber auch rein­waschen. Kurz: ein gutes Image verpassen. Spezielle Grenz­werte für diese Kenn­zeichnung gibt es nicht. Allein für die Aussage „glutenfrei“ gilt eine Rechts­vorschrift, für „laktosefrei“ die Empfehlung der Lebens­mittel­chemischen Gesell­schaft. Mehr Informationen: Wer auf die Kenn­zeichnung glutenfrei und laktosefrei achten sollte.

Die Kenn­zeichnung darf aber nicht in die Irre führen. Der Anbieter darf etwa keine Eigenschaft auf dem Produkt hervorheben, die viele Konkurrenz­produkte auch haben. So ist es auf gewachsenem Schinken nicht erlaubt, „laktosefrei“ auszuloben. Denn selbst­verständlich sind solche Produkte aus einem Stück immer laktosefrei.

Reine Alibi-Aussagen

Vor allem auf Süßig­keiten und zuckerhaltigen Limonaden ist oft zu lesen: „ohne Konservierungs­stoffe“, „ohne künst­liche Farb- und Aroma­stoffe“. Das mag Naschkatzen ein gutes Gewissen bereiten. Doch sie sollten nicht vergessen, dass die Produkte viel Zucker und teils auch Fett enthalten. Beides macht im Über­maß dick und krank.

Eine Clean-Labelling-Aussage stand bis vor kurzem stark in der Kritik: „ohne Kristall­zucker“. Viele Anbieter nutzen sie inzwischen nicht mehr. Sie über­tünchte, dass Produkte andere Zucker­arten mit ähnlich viel Energie enthielten, zum Beispiel Glukosesirup oder Frucht­zucker. Verbraucher brauchen Häkchen nicht vor Alibi-Aussagen, sondern vor echter Information.

Der Verkauf boomt

Das Verneinen von Negativem: Dieser Trend beim Kenn­zeichnen hat seit 2010 zugenommen. Seither gilt die Verordnung für gesund­heits­bezogene Angaben. Danach dürfen Hersteller Produkte nur noch mit Gesund­heits­aussagen bewerben, die wissenschaftlich belegt sind und für die die Europäische Behörde für Lebens­mittel­sicherheit spezielle Formulierungen genehmigt hat. Die Auslobungen „glutenfrei“ und „laktosefrei“ zählen zwar nicht dazu, lassen aber ein Hintertürchen offen: Sie sprechen Menschen mit ernährungs­bedingten Krankheiten an. 40 Prozent der Bundes­bürger glauben laut Umfragen, bestimmte Lebens­mittel nicht zu vertragen. Doch der Kreis der wirk­lich Betroffenen ist viel kleiner: So leidet zum Beispiel nur 1 Prozent der Bundes­bürger an der Darm­krankheit Zöliakie. Sie müssen Lebens­mittel mit glutenhaltigem Getreide wie Weizen und Roggen bis aufs kleinste Krümelchen meiden. Die Auslobung „glutenfrei“ hilft dabei. Bei glutenfreien Produkten wird Weizenmehl etwa durch Mais- oder Lupinenmehl ersetzt. Ihr Umsatz kletterte von 39 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 54 Millionen Euro im Jahr 2013.

Die geschätzten 20 Prozent der Deutschen mit Laktoseun­verträglich­keit können es gelassener angehen als ein Zöliakie-Kranker. Die meisten von ihnen vertragen kleine Mengen an Laktose, die zum Beispiel in gesäuerten Milch­produkten oder verarbeiteten Lebens­mitteln vorkommen. Betroffene müssen meist nur laktosereiche Produkte ersetzen, zum Beispiel herkömm­liche Milch durch laktosefreie. Die kostet oft ein Drittel mehr. Der Verkauf laktosefreier Milch­produkte boomt. 20 Prozent der deutschen Haushalte kaufen sie laut Gesell­schaft für Konsumforschung aktuell, 2010 waren es nur halb so viele.

Selt­sam: „Glutenfrei“ auf Rapsöl

Unsere Tester stoßen bei Lebens­mittel­prüfungen immer wieder auf Produkte, die es mit den „Frei-von“-Versprechen über­treiben. So stand 2009 auf einem Rapsöl und auf einem Frisch­käse „glutenfrei“, obwohl Gluten aus Getreide aufgrund der Produktions­vorschriften per se nicht enthalten sein konnte. Wegen Werbung mit Selbst­verständlich­keiten gab es daher Punkt­abzüge bei der Bewertung der Deklaration.

Das betraf 2012 auch ein tief­gefrorenes Nudelge­richt. Der Hinweis „ohne Konservierungs­stoffe“ ist bei Gefrostetem über­flüssig. Die Minus­temperaturen konservieren die Gerichte genug. 2013, beim Test von Gouda, fiel die Auslobung „laktosefrei“ auf. Sie erweckt den Eindruck, nur bestimmte Goudas verfügten über diese Eigenschaft. Dabei ist jeder praktisch frei von Laktose. Sie zersetzt sich beim Reifen. Sinn­voll für alle gereiften Käse, von Mozzarella bis Parmesan, wäre eine Aufklärung wie „durch natürliche Reifung laktosefrei“. Sonst hat die Konkurrenz das Nach­sehen. Und der Verbraucher zahlt womöglich drauf.

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