Fast drei Wochen nach Beginn der Affäre um giftige Badpflege-Sprays wissen die Experten immer noch nicht, was genau die Vergiftungen ausgelöst hat. Unterdessen hat sich die Zahl der Opfer auf 110 erhöht. Auch eine eigens einberufene Konferenz mit 60 Ärzten, Wissenschaftlern, Unternehmens- und Behördenvertretern brachte keine greifbaren Ergebnisse. Sicher ist nach Ansicht der Experten nur: Besondere Risiken birgt die feine Zerstäubung von Flüssigkeiten zu rund 10 Mikrometer kleinen Tröpfchen. Derart feiner Nebel dringt beim Einatmen tief in die Lunge ein und kann dort auf das so genannte Alveolargewebe einwirken. Welche Inhaltsstoffe der Badpflege-Sprays dort giftig wirken, ist allerdings nach wie vor unklar.

Mikro-Tröpfchen unter Verdacht

Bereits in den 80er Jahren löste ein Imprägnierspray für Leder eine Aufsehen erregende Serie von Vergiftungsfällen aus. Klar ist nach Ansicht der Experten im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) inzwischen: Die klassische toxikologische Einzelbewertung aller Bestandteile reicht bei Sprays nicht aus. Vor allem auch physikalische Eigenschaften wie die Tröpfchengröße entscheiden darüber, ob und welche Vergiftungserscheinungen auftreten können.

Sensibles Lungengewebe

Medizinischer Hintergrund: Zu rund 10 Mikrometer kleinen Tröpfchen zerstäubte Flüssigkeiten dringen beim Einatmen bis tief in die Lunge ein und erreichen dort das Alveolargewebe. Dort wird der Sauerstoff aus der Luft ins Blut übertragen. Bereits bekannt ist: Bis dorthin vordringende Partikel können zu Krankheiten wie Bronchitis führen. In Feinstaub enthaltene Mikro-Partikel können das Gewebe sogar dauerhaft schädigen. Weniger fein zerstäubte Flüssigkeiten und größere Partikel erreichen das Alveolargewebe nicht. Gefährlich feiner Nebel kann nur bei Einsatz von Treibgas entstehen. Die bei Pumpsprays entstehenden Tröpfchen sind nicht kleiner als 100 Mikrometer und haben bei sonst identischer Rezeptur keine Vergiftungsfälle ausgelöst.

Anbieter in der Pflicht

Nach Angaben des BfR kennen die Behörden immer noch nicht die genaue Rezeptur der beiden Badpflege-Sprays. Ob und welche Inhaltsstoffe besondere Probleme machen, sei daher nach wie vor unklar. Letztlich lassen sich nach Ansicht aller an der Giftspray-Konferenz beteiligten Experten gesundheitliche Auswirkungen nur mit Tests ermitteln, bei der die realen Anwendungsbedingungen in Innenräumen simuliert werden. Aus BfR-Sicht sind die Anbieter in der Pflicht. Sie müssen nach Recht und Gesetz für die Sicherheit ihrer Produkte sorgen und daher geeignete Untersuchungen anstellen, bevor die Produkte auf den Markt kommen.

Verdacht auf Körperverletzung

Unterdessen ist noch unklar, ob und welche juristischen Folgen die Giftspray-Affäre haben wird. Betroffene haben gute Chancen auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Der Hersteller eines fehlerhaften Produkts hat auch dann zu zahlen, wenn ihn kein Verschulden trifft. Ob die für die Entwicklung und Herstellung der Sprays Verantwortlichen sich wegen fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch schuldig gemacht haben, prüft die Staatsanwaltschaft. Sie hat die Kriminalpolizei in Reutlingen mit Ermittlungen beauftragt.

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