Gewusst wie Patienten­akte lesen

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Patienten dürfen die Patienten­akte jeder­zeit einsehen. Das kann wichtig sein, wenn sie zum Beispiel einen ärzt­lichen Fehler vermuten. Zur Akte zählen zum Beispiel die Dokumentation des Aufklärungs­gesprächs, Labor­ergeb­nisse oder Angaben zu Prothesen und Implantaten.

Sie benötigen

Eventuell die Kopie einer Vorsorgevoll­macht, einer Betreuungs­urkunde oder eines Erbscheins

Schritt 1

Sprechen Sie zuerst mit dem Arzt und bitten Sie um Akten­einsicht. Informieren Sie die Krankenkasse, wenn Sie einen Fehler vermuten. Manchmal erstellen die Kassen ein Gutachten und fordern selbst die Akte an.

Schritt 2

Fordern Sie die Kopie der Akte per Einschreiben an, wenn sich der Arzt quer­stellt. Schreiben Sie genau, welche Papiere Sie brauchen – etwa die „voll­ständigen Unterlagen“ ab einem bestimmten Datum. Berufen Sie sich auf den Bundes­gerichts­hof (Az. VI ZR 222/79) oder auf Paragraf 10 Absatz 2 der Berufs­ordnung der jeweiligen Ärztekammer im Bundes­land. Legen Sie die Kopie der Vorsorgevoll­macht oder Betreuungs­urkunde bei, wenn Sie für einen anderen tätig werden. Wollen Sie die Akte eines verstorbenen Angehörigen einsehen, müssen Sie ein berechtigtes Interesse belegen. Das kann aus der Kopie des Erbscheins hervorgehen, denn im Falle eines Ärzte­fehlers hätten die Erben einen Anspruch auf das Schmerzens­geld und den Schaden­ersatz.

Schritt 3

Kopien dürfen Ihnen in Rechnung gestellt werden, üblich sind 50 Cent je Blatt. Subjektive Eindrücke, die über naturwissenschaftliche Befunde und den Behand­lungs­verlauf hinaus­gehen, darf der Arzt schwärzen.

Schritt 4

Haken Sie nach, wenn Sie die Akte nicht erhalten oder etwas Wichtiges fehlt. Beschweren Sie sich bei der Klinik­verwaltung, dem Kranken­hausträger oder – im Falle nieder­gelassener Ärzte – bei der Rechts­abteilung der Ärztekammer, wenn sich nichts tut. Wünschen Sie anwalt­liche Hilfe, suchen Sie sich einen Fach­anwalt für Medizinrecht mit Tätig­keits­schwer­punkt Arzt­haftungs­fälle. Übrigens: In der Regel muss der Patient den Behand­lungs­fehler belegen. Ist die Patienten­akte jedoch lückenhaft, liegt die Beweislast beim Arzt. Dann gilt im Zweifel: Was nicht dokumentiert ist, ist auch nicht geschehen.

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Profilbild Stiftung_Warentest am 30.04.2020 um 13:24 Uhr
Akteneinsicht für Kinder nur mit Vollmacht

@jh155test: Ein gemeinsames Sorgerecht bedeutet eben, dass beide Elternteile gemeinsam Entscheidungen für den Nachwuchs treffen. Die Vorlage eine Ausweises und einer Geburtsurkunde besagt ja nicht, dass der andere Elternteil Bescheid weiß. (dda)

jh155test am 29.04.2020 um 12:02 Uhr
Akteneinsicht für Kinder nur mit Vollmacht?

Hallo,
für meine leiblichen, ehelichen Kinder (gemeinsames Sorgerecht) möchte ich Akteneinsicht nehmen und die Klinik verlangt eine Vollmacht des anderen Elternteils - obgleich ich Kopie meines Ausweises und der Geburtsurkunden beigelegt habe.
Ist die Forderung rechtes oder kann auch ein Elternteil alleine Akteneinsicht erhalten?
Vielen Dank.
MfG

otm am 22.01.2013 um 15:32 Uhr
Pragmatisch

Sich beim Auskunftsersuchen auf die jeweilige Berufsordnung zu beziehen, ist für beide Seiten wahrscheinlich am einfachsten. In Berlin heißt es bspw. für die Humanmedizin (Paragraf 10 Absatz 2): "Der Arzt hat dem Patienten auf dessen Verlangen grundsätzlich in die ihn betreffenden Krankenunterlagen Einsicht zu gewähren; ausgenommen sind diejenigen Teile, welche subjektive Eindrücke oder Wahrnehmungen des Arztes enthalten. Auf Verlangen sind dem Patienten Kopien der Unterlagen gegen Erstattung der Kosten herauszugeben.". Für die Zahnmedizin gilt dasselbe, im Text oben taucht dann statt "Arzt" eben "Zahnarzt" auf (s. bspw. die Berufsordnung für Zahnärzte in Berlin, Paragraf 7 Absatz 4).

anon am 20.03.2012 um 00:53 Uhr
@unentschieden

Nach welcher gängigen Rechtssprechung konkret (Aktenzeichen) sehen Sie einen Anspruch auf eine solche Versicherung des Arztes? Und was versprechen Sie sich von einer solchen Versicherung?

anon am 20.03.2012 um 00:42 Uhr
@Stiftung_Warentest Teil 2

Hinter der archaischen BGH-Rechtsprechung steht ein ausgesprochen autoritäres Arzt-Patienten-Verhältnis-Bild. Nichts könnte doktrinärer sein als die Argumentation "Dabei erwarte der Arzt, dass der Patient diese persönlichen Notizen nicht einsehen kann. Die vollständige Offenlegung aller Notizen könne daher die Rechte des Arztes verletzten." Aus der falschen unverschämten Erwartunghaltung des Arztes heraus erwachsen ihm Rechte? Also bitte! So verhindert man faire Kontrollle des Arztes; das gilt es zu bekämpfen. Daher sollte man als Patient den BGH ignorieren und sich, ich wiederhole mich, auf das BDSG in Verbindung mit den Persönlichkeitsrechten berufen. Nicht auf Standesordnungen und nicht auf BGH-Urteile o.ä. Und von Ihnen als verbraucherorientierter Organisation erwarte ich gefälligst, dass Sie sich auf die Seiten der Patienten stellen, die Nutzung der Mittel des BDSG empfehlen und nicht pseudoneutral und ohne Not die Rechtsprechung so konservativ lesen, wie es nur irgendwie geht.