Gewinnspiele Meldung

Typische Gewinnmitteilung. Wer allerdings glaubt, 400 Mark in bar zu erhalten, der irrt. Ausgehändt wird ein Reisegutschein fur ein Doppelzimmer. Das zweite Bett muss man selbst bezahlen.

70 Teilnehmer haben den 3. Preis gewonnen und dürfen eine Matratze für 1.498 Mark kaufen.

Mit zitternden Händen hält die 92-jährige Frieda B. das Schreiben in Händen: "Sehr geehrte Frau B. Herzlichen Glückwunsch ­ Sie haben gewonnen!" Sie kann es nicht fassen. So alt musste sie werden. Und nun dies. Und sie liest weiter: "Liebe Frau B., Ihr Gewinn in Höhe von 400,­ DM wird Ihnen im Veranstaltungslokal am 6. Juli um 15.00 Uhr persönlich überreicht." Dann folgt die Adresse eines Hotels in Berlin-Köpenick. Zusätzliche 400 Mark zu ihrer kleinen Rente! Das muss sie schleunigst Renate sagen, Renate, ihrer Tochter, der sie es zu verdanken hat, dass sie noch ganz allein zu Hause wirtschaften kann, die ihr aber die wichtigen, vor allem die schriftlichen Dinge abnimmt.

Renate B. war erstaunlicherweise wenig erfreut über den Gewinn, versuchte der Mutter den Besuch der Veranstaltung auszureden, und das auch dann noch, als sie von den zusätzlichen Geschenken gelesen hatte, die es geben sollte: Nuss-Schinken aus der Lüneburger Heide samt Schinkenbrett und Schinkenmesser, eine Flasche Korn für den Herrn, eine Flasche Sekt für die Dame. Herren versprach man einen 119-teiligen Werkzeugkoffer, den Damen ein Diät/Brat-Kochsystem. Nicht zu vergessen die echten Ölgemälde für Paare. Und das alles für einen Kostenbeitrag von nur 5 Mark. Am Schluss der Gewinnbenachrichtigung stand die Bitte, pünktlich zu erscheinen.

Renate B. konnte den Bitten ihrer Mutter auf Dauer nicht widerstehen, und so steht sie am angegebenen Tag pünktlich um 15 Uhr mit ihrer Mutter am Arm vor dem Hotel in Köpenick an der Tür zu einem Nebenraum mit ballsaalähnlicher Größe. In langen Reihen stehen Tische, die schon mit Kaffeegeschirr eingedeckt sind.

Sie muss schon einige Kräfte aufbieten, um die strahlende Gewinnerin daran zu hindern, gleich in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Kellner bringen Blechkuchen einfachster Art und Kaffee. Ein Mann, Mitte fünfzig, kassiert von jedem 5 Mark.

Und dann geht es los. Toni ­ heißt er wirklich Toni? ­ den Namen kann man schlecht verstehen, obwohl die Übertragungstechnik ausgezeichnet ist bis hin zum Funkmikrofon, also Toni begrüßt die Anwesenden zuerst sehr höflich, eben wie einer, der in der U-Bahn oder im Bus gleich Platz macht, wenn Ältere, Kranke oder Schwangere einsteigen. Dann spricht er über die schnelllebige Zeit, über den Mangel an Herzenswärme, der das Miteinander immer schwieriger macht. Toni zählt alle Sorgen auf, die man eben als Mensch im fortgeschrittenen Alter so hat.

Er, der smarte Enddreißiger, fühlt mit seinen ungefähr 70 Gästen, die meisten im Rentenalter. Das kommt an. Er, der natürlich nur lautere Absichten hat, spricht über die Betrüger, die ihren Mitmenschen das Geld aus der Tasche ziehen, die viel versprechen und wenig halten. "Die Politiker gehören auch dazu. Jetzt kürzen sie denen die Rente, die diesen Staat aus den Ruinen des 2. Weltkriegs aufgebaut haben!" Zustimmendes Gemurmel gibt ihm Recht. Er setzt nach, beklagt unter anderem den leichtsinnigen Umgang mit Geld. "Wer den Pfennig nicht ehrt " beginnt er den Satz. Und der Chor der Anwesenden vollendet mit "ist des Talers nicht wert". Das Eis ist gebrochen. Zufrieden lächelnd gönnt Toni den Zuhörern eine Pause. Es ist 17 Uhr. In der Pause hört sich Renate B. um. Erstaunlich, nicht nur ihre Mutter hat den 3. Preis gewonnen, alle anderen auch.

Reine Verkaufsveranstaltung

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Vom Gewinn ist allerdings auch nach der Pause nicht die Rede, sondern von Gesundheit und was man selbst dafür leisten kann. Toni präsentiert auf einem der vorderen Tische eine Matratze, nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere mit Magnetbändern. Und die hilft wirklich gegen alles, angefangen von allgemeinen Erschöpfungserscheinungen bis zum Rheuma, vor allem gegen den altersbedingten körperlichen Verschleiß.

Eine etwas fülligere Dame darf vor aller Augen Probe liegen, während Toni über die gewaltigen Kosten spricht, die die Werbung in Hörfunk und Fernsehen verursacht, und die Firmen lobt, die den Werbeetat den Kunden zugute kommen lassen. Und die Herstellerfirma der Magnetbandmatratzen sei so eine und sie habe ihn ermächtigt, heute hier an dieser Stelle eine bedeutende Summe aus dem Werbeetat zu verteilen. "Was glauben Sie, wie viel?" Eine Dame in der zweiten Reihe meint: "5.000 Mark!", eine andere verbessert auf 8.000. Ein Herr ganz hinten wagt sogar 10.000. "Nein, 20.000!" Toni genießt die Verblüffung der Zuhörer. "Sonst könnten sich die wenigsten unter ihnen die Matratzen leisten! Durch die Werbeaktion sinkt der Preis von 3.498 Mark auf 1.798 Mark. Das Problem bei diesem Schnäppchen: Wir haben nur noch acht Matratzen übrig." Er hält tatsächlich nur acht Kaufberechtigungskarten ­ wie er sie nennt ­ in die Höhe. Die Zuhörer zeigen reges Interesse, vor allem, als noch weitere Rabatte angekündigt werden. Wer am gleichen Abend bei Anlieferung die Kaufsumme bar bereithält, zahlt nur 1.498 Mark.

Sein Partner schreibt derweil in einer Ecke hastig die Kaufverträge und übernimmt dann das Mikrofon. Es ist 18 Uhr. "Nicht jeder hat 1.500 Mark für so eine Anschaffung fürs Leben, aber 20 oder 30 Mark, um Tag für Tag seinem Körper etwas Gutes tun zu können." Die Zuhörer ohne Matratze werden aufmerksam, als der Mittfünfziger Flaschen, Dosen und Cremetiegel aus großen Kartons holt und durch die Reihen reichen lässt. "Alles Bio, keine chemischen Mixturen, und das Tollste, keines dieser Produkte kostet mehr als 30 Mark, viele sogar weniger als 20 Mark." Einen ganzen Liter Fußbalsam, der in der Apotheke ohne Bio in der 200-ml-Flasche fast 15 Mark kostet, gibts hier für knapp 30 Mark. Ähnlich sieht es bei der Körperlotion für Allergiker aus.

Bargeld gibt es nicht

Jetzt wird auch unsere Gewinnerin Frieda B. nervös. Manches, was sie sich bisher aus Preisgründen versagt hatte, gibt es hier ihrer Meinung nach für kleines Geld. Die Tochter merkts und schüttelt energisch den Kopf. Alle anderen werden zum Kauf ermuntert, auch mal mit der Drohung, dass der, der gar nichts kauft, nie wieder zu einem so schönen Nachmittag eingeladen werde.

Es ist schon fast 19 Uhr, als sich ein älterer Herr zu Wort meldet: "Wie ist das denn nun mit meinem Gewinn?" "Ja, also Barauszahlung geht leider nicht. Wir hätten es gerne gemacht, aber das Gesetz verbietet es!", nuschelt Toni und bietet als Entschädigung einen Reisegutschein über 450 Mark, einzulösen bei einem Touristikbüro in Bayern. Frieda B. ist enttäuscht - ein Reisegutschein?! Der Scheck gilt für ein Doppelzimmer, das zweite Bett muss man selbst bezahlen. Das kann sie sich nicht leisten. Und was ist mit dem versprochenen Essen? Das gibt es draußen am Lieferwagen, denn die Veranstaltung ist jetzt zu Ende.

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