Gesundheitsreform Meldung

Ab Januar dürfen Pharma­unternehmen die Preise für neue Medikamente nicht mehr frei festlegen. Das ist Teil der jetzt beschlossenen Gesundheits­reform. Neue Medikamente durch­laufen fortan eine Nutzen­bewertung. Dabei werden alle ihre Aus­wir­kungen auf den Patienten überprüft, und zwar im Vergleich zu Standard­therapien. Nach ähnlichen Kriterien bewertet auch die Stiftung Warentest in ihren Medikamenten­tests.

Freie Preisgestaltung nur noch im ersten Jahr

Nach monatelangen Verhandlungen, öffentlichen Diskussionen und viel Medienrummel ist es soweit: Gestern, am 11. November, hat der Bundestag das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) verabschiedet. Am 1. Januar 2011 tritt es in Kraft. Es soll nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler „das Preismonopol der Pharmaunternehmen brechen“. Denn diese durften bisher die Preise für ihre neuen patentgeschützten Arzneimittel frei festlegen. Dadurch schnellten die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen in den letzten Jahren in die Höhe. Ab 2011 ist die freie Preisgestaltung nur noch im ersten Jahr nach der Marktzulassung möglich.

Preisfestsetzung anhand von Nutzenbewertung

Innerhalb der ersten drei Monaten dieses ersten Jahres findet fortan eine sogenannte frühe Nutzenbewertung statt. Dabei prüft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der in Deutschland über den Leistungskatalog der Krankenkassen entscheidet, den therapeutischen Nutzen eines neu zugelassenen Medikaments. Er stützt sich dabei auf spezielle Dossiers, die die Hersteller vorlegen müssen. Außerdem kann der G-BA das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) hinzuziehen. Ergibt die Prüfung, dass das neue Mittel nicht besser ist als altbekannte Medikamente, darf es auch nicht mehr kosten. Schneidet das neue Medikament besser ab, verhandeln Pharmaunternehmen und der Spitzenverband der Krankenkassen auf Basis der frühen Nutzenbewertung über den Preis.

Kritik im Detail

An vielen Details der Neuregelung gibt es Kritik. Zum Beispiel an der weiterhin freien Preisgestaltung im ersten Jahr nach Zulassung, am frühen Zeitpunkt der Nutzenbewertung und daran, dass die Dossiers nicht von unabhängigen Forschern, sondern von den Pharmaunternehmen stammen. Zudem war der ursprüngliche Entwurf strenger als das nun beschlossene Gesetz. Dennoch: Eine routinemäßige Nutzenbewertung neuer Medikamente gab es vorher noch nie.

Nutzenbewertung strenger als Zulassungsprüfung

Bisher hat der GBA im Einzelfall Nutzenbewertungen für bereits zugelassene Medikamente beim IQWIG in Auftrag gegeben. Wenn ein Arzneimittel dabei schlecht abschnitt, konnte es der G-BA aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen streichen. Diese Möglichkeit bleibt auch nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes erhalten. Nutzenbewertungen sind übrigens strenger als die Prüfungen neuer Medikamente durch die Zulassungsbehörden. Letztere begutachten laut Arzneimittelgesetz die Wirksamkeit und Sicherheit anhand von klinischen Zulassungsstudien.

Auswirkungen auf gesamten Organismus geprüft

Ein Blutdrucksenker zum Beispiel sollte tatsächlich den Blutdruck senken und keine dramatischen Nebenwirkungen verursachen. Dabei reicht es, wenn das Mittel besser wirkt als ein Scheinmedikament (Placebo). Bei einer Nutzenbewertung wird ein Präparat dagegen nach Möglichkeit mit anderen wirksamen Medikamenten für dasselbe Einsatzgebiet verglichen. Außerdem sind die Kriterien strenger: Laut Sozialgesetzbuch V geht es um „Morbidität, Mortalität und Lebensqualität“, also um Auswirkungen auf den gesamten Organismus. Bei einem Blutdrucksenker wird also kontrolliert, ob er tatsächlich Folgekomplikationen, wie etwa Herzinfarkte, und Sterberaten verringert.

Auch Stiftung Warentest bewertet Nutzen

Auch die Stiftung Warentest orientiert sich bei ihren Medikamententests an den Regeln der Nutzenbewertung. Auf diese Weise bekommen Interessierte Informationen zur Eignung von rezeptpflichtigen und rezeptfreien Medikamenten. Hinzu kommen Angaben zur Anwendung der Arzneimittel und den zugrunde liegenden Krankheiten. Mit dem test Spezial Medikamente ist gerade ein Sonderheft zum Thema erschienen. Daneben veröffentlicht die Stiftung Warentest ihre Bewertungen in Buchform, nämlich im Handbuch Medikamente, im Handbuch Rezeptfreie Medikamente und im Buch Medikamente bei Krebs.

9 000 Medikamente im Test

Alle Bewertungen ständig aktuell finden Sie auch auf test.de: Insgesamt enthält die Datenbank der Stiftung Warentest fast 9 000 Medikamente – rund 7 000 rezeptpflichtige und etwa 1 750 frei verkäufliche. Alle diese Medikamente hat die Stiftung Warentest bewertet, von „geeignet“ bis „wenig geeignet“ – etliche Medikamente haben für unterschiedliche Anwendungsgebiete auch mehrere Bewertungen. Neben den Bewertungen gibt es verständliche Informationen zu Krankheitsbildern sowie zu Wirkweise, Anwendung, Nebenwirkungen und Vorsichtsmaßnahmen der Medikamente.

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