Interview: Kassen sollen nicht um Gesunde konkurrieren

Damit die Reform nicht nur den Gesunden nützt, müssen Kassen mit vielen kranken Versicherten mehr Geld bekommen, fordert Rolf Rosenbrock, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Für Krankenkassen dürfe es kein Wettbewerbsnachteil sein, Kranke gut zu versorgen.

Finanztest: In den Eckpunkten zur Gesundheitsreform steht viel von einem Kassenwettbewerb. Nützt das den ­Versicherten?

Rosenbrock: Der Wettbewerb nützt ihnen nur, wenn eine Kasse mit vielen kranken Versicherten aus dem gemeinsamen Finanztopf einen vollen Ausgleich für ihren höheren Anteil an „teuren“ Patienten ­bekommt. Nur dann geht der Wettbewerb um Qualität und Transparenz. Das ist bisher nicht der Fall, weil der Risikostrukturausgleich den Gesundheits­zustand der Versicherten zu wenig ­be­rücksichtigt. Ändert sich das nicht, sind die Kassen gezwungen, um gesunde Kunden zu konkurrieren, um den Zusatzbeitrag kleinzu­halten. Sie haben keinen Anreiz, die Kranken besser zu versorgen.

Finanztest: Sollten Versicherte ab 2008 Kassen verlassen, bei denen sie nachzahlen müssen? Oder riskieren sie bei billigeren Kassen eine schlechtere Versorgung?

Rosenbrock: Sie können gefahrlos wechseln. Aber die Beiträge werden nicht mehr so weit auseinanderliegen. Die Eckpunkte begrenzen die Nachzahlung des Versicherten auf 1 Prozent des Haushaltseinkommens. Die Kassenwahl kann dann mehr nach Qualität gehen.

Finanztest: Sparen sollen die Kassen vor allem bei Medikamenten. Entlastet das auch die Patienten?

Rosenbrock: Es ist sehr erfreulich, dass Krankenkassen künftig direkt mit Pharmaherstellern und Apotheken über Preise verhandeln können. Es hat sich gezeigt, dass der Markt auf solche Anreize schnell und deutlich reagiert und die Unternehmen die Preise senken. Am meisten hat natürlich die Kasse davon. Aber auch die Versicherten sparen: Sie müssen dann weniger oder gar nichts mehr zuzahlen.

Finanztest: Ab 2007 wird der Wechsel in die private Krankenversicherung schwieriger. Also schnell noch privat versichern?

Rosenbrock: Das dürfen Sie mich nicht fra­gen! Meiner Meinung nach ist es der größte Mangel der Reform, dass sie die pri­vat Versicherten nicht in den Solidarausgleich einbezieht. Die Privatversicherung ist ein Relikt aus der Urzeit, als sich nur Industriearbeiter gesetzlich versichern konnten. Heute gibt es eine solidarisch fi­­nanzierte Vollversicherung für alle, und es ist nicht einzusehen, warum sich 10 Pro­zent der Bürger dem entziehen sollen.

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