Gesundheitsreform 2011 Special

Nicht ich bin schuld, scheint Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zu sagen: Die Beiträge für die gesetzliche Krankenversicherung werden ab Januar steigen.

Am 1. Januar 2011 tritt die nächste Gesundheitsreform in Kraft. Die Botschaft: Gesundheit soll Versicherten nicht nur lieb, sondern auch teuer sein. Denn für Kassenpatienten steigen die Beiträge. Finanztest beantwortet die wichtigsten Fragen für Versicherte.

Wie verändert sich mein Krankenkassenbeitrag?

Der Beitrag für die gesetzliche Krankenversicherung steigt von bisher 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohnes. Dort stand der einheitliche Beitragssatz bereits im Januar 2009, war dann aber abgesenkt worden.

Was ändert sich für mich als Arbeitnehmer oder Rentner?

Ihr Anteil am Gesamtbeitrag von 15,5 Prozent beträgt ab Januar 8,2 Prozent, der des Arbeitgebers 7,3 Prozent. Schon seit 2009 zahlen Sie als Arbeitnehmer 0,9 Prozentpunkte mehr als Ihr Arbeitgeber. Dieser Abstand bleibt vorerst unverändert. Steigt der Gesamtbeitrag in Zukunft weiter, erhöht sich aber nur Ihr Arbeitnehmeranteil. Bei einem Bruttoeinkommen von 2 500 Euro zahlen Sie 7,50 Euro mehr im Monat. Auch Rentner zahlen wie Arbeitnehmer jetzt einen Anteil von 8,2 Prozent. Eine Rente von 1 000 Euro wird mit 3 Euro mehr belastet.

Was hat es mit den Zusatzbeiträgen auf sich?

Jede Kasse darf künftig beliebig hohe Zusatzbeiträge verlangen. Der Wettbewerb soll dafür sorgen, dass sie angemessen bleiben. Kassenkunden dürfen bei der Veränderung des Zusatzbeitrags die Kasse wechseln, auch wenn sie die Bindungsfrist von 18 Monaten noch nicht erfüllt haben. Die Kündigung müssen Sie einreichen, bevor der Zusatzbeitrag erstmals fällig oder erhöht wird. Während der Kündigungsfrist müssen Sie den Zusatzbeitrag nicht bezahlen.

Müssen meine bei mir versicherten Familienmitglieder ebenfalls Zusatzbeiträge bezahlen?

Nein. Die Beiträge werden nur von beitragspflichtigen Mitgliedern der Krankenkasse verlangt.

Wie kommt der Zusatzbeitrag zur Krankenkasse?

Sie können den Zusatzbeitrag monatlich an die Kasse überweisen oder eine Einzugsermächtigung erteilen. Bleiben Sie den Zusatzbeitrag schuldig, drohen Strafgebühren.

Verliere ich meinen Versicherungsschutz, wenn ich den Zusatzbeitrag nicht bezahlen kann?

Nein. Dafür gibt es den Sozialausgleich. Erwarten Sie davon aber nicht zu viel. Ausgeglichen wird nämlich nicht der tatsächliche Zusatzbeitrag, den Sie als Mitglied entrichten müssen. Rechengröße ist ein „durchschnittlicher Zusatzbeitrag“. Übersteigt er 2 Prozent Ihres beitragspflichtigen Einkommens, soll die Hilfe greifen. Den durchschnittlichen Zusatzbeitrag legen Fachleute künftig jedes Jahr aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung der Krankenkassen neu fest. Wie die Rechnung für Sie aussehen kann, zeigt folgendes Beispiel:

Zusatzbeitrag Ihrer Kasse: 22 Euro
Durchschnittlicher Zusatzbeitrag: 20 Euro
Ihre Belastungsgrenze (2 Prozent von einem Einkommen in Höhe von 800 Euro): – 16 Euro
Sozialausgleich: = 4 Euro
Ihr tatsächlicher Zusatzbeitrag (22 Euro – 4 Euro): = 18 Euro

Was muss ich tun, um den Ausgleich zu erhalten?

Nichts. Die Verantwortung dafür liegt beim Arbeitgeber. Der führt ja auch Ihre Krankenkassenbeiträge ab. Ergibt sich für Sie der Sozialausgleich, verrechnet er das automatisch mit der Kasse.

Hat der zu erwartende Wettbewerb der Kassen untereinander Auswirkungen auf die Qualität der gesetzlichen Krankenversicherung?

Ja. Sie werden in Zukunft mehr Angebote erhalten, besonderen Versorgungsformen beizutreten. Ihre Kasse schlägt Ihnen zum Beispiel vor, bei Beschwerden bestimmte Ärzte oder Krankenhäuser aufzusuchen. Mit denen hat die Kasse Verträge abgeschlossen, um die ärztliche Versorgung günstiger einzukaufen. Wie und ob sich diese Systeme auf die Qualität der ärztlichen Versorgung auswirken, ist im Moment schwer zu beurteilen.

Ich nutze einen Hausarztvertrag. Was muss ich jetzt beachten?

Die bestehenden Hausarztverträge laufen zunächst weiter wie bisher. Änderungen stehen möglicherweise ab dem Jahr 2014 an.

Bin ich noch krankenversichert, wenn meine Kasse pleitegeht?

Ja. Wenn Ihre Krankenkasse insolvent ist oder geschlossen wird, ändert sich beim Versicherungsschutz nicht viel. Laufende Behandlungen bei Ärzten und Zahnärzten, im Krankenhaus oder einer Rehaklinik werden zunächst von der alten Kasse weiterbezahlt. Nach einer Schließung müssen Sie sich eine neue Krankenkasse suchen, die die Leistungen übernimmt. Den Übergang des Versicherungsschutzes klären die alte und die neue Krankenkasse untereinander. Etwa 95 Prozent der Leistungen sind bei allen gesetzlichen Krankenkassen gleich. Die fünf Prozent, in denen sie sich unterscheiden, können für den Einzelnen jedoch entscheidend sein. Informieren Sie sich daher eingehend darüber, was Ihre neue Kasse außer den gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen sonst noch anbietet. Durch den über die Zusatzbeiträge entstehenden Wettbewerb könnten Krankenkassen zumindest in die Gefahr einer Insolvenz geraten.

Kann ich als gesetzlich Versicherter künftig meine Rechnung beim Arzt selbst bezahlen und mir das Geld dann von der Kasse zurückholen?

Ja. Sie können bei Ihrer Kasse Kostenerstattung wählen. Der Arzt rechnet dann aber seine Leistungen nach der privaten Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ab. Deren Sätze liegen zum Teil deutlich über dem, was die Kasse erstattet. Zusätzlich darf die Kasse für ihren Verwaltungsaufwand bis zu 5 Prozent vom Erstattungsbetrag abziehen. Das Risiko, auf den Mehrkosten sitzen zu bleiben, können Sie bei manchen Kassen mit einem Wahltarif, ansonsten mit einer privaten Zusatzversicherung eingrenzen . Ein Vorteil der Kostenerstattung kann sein, dass Ärzte sich mehr Zeit nehmen, weil sie für die gleichen medizinischen Leistungen mehr Geld erhalten. Im Jahr 2009 nutzten lediglich 132 000 gesetzlich Versicherte die Kostenerstattung. Das sind 0,19 Prozent der Versichertengemeinschaft.

Muss ich trotz eines eventuellen Zusatzbeitrags weiterhin Praxisgebühr sowie Zuzahlungen für Medikamente leisten?

Ja. Diese Regelungen bleiben unverändert. Praxisgebühr und Zuzahlungen müssen weiterhin bis zu 2 Prozent vom Bruttohaushaltseinkommen entrichtet werden. Bei chronisch Kranken reicht 1 Prozent.

Was ändert sich für mich bei den Wahltarifen?

Künftig kommen Sie aus Wahltarifen schon nach einem Jahr wieder heraus. Bei Wahltarifen mit Selbstbehalt- und Krankengeldregelungen bleibt es allerdings bei der dreijährigen Bindungsfrist. Neu ist auch, dass Sie Wahltarife verlassen dürfen, wenn Ihre Kasse einen Zusatzbeitrag erstmals erhebt oder einen vorhandenen erhöht.

Ich bin privat versichert. Wirkt sich die Reform auch für mich aus?

Ja. Der Arbeitgeberzuschuss zu Ihrer Versicherung steigt ab Januar etwas an. Der Höchstzuschuss für eine hälftige Beteiligung des Arbeitgebers steigt auf 271,01 Euro bei einer Beitragsbemessungsgrenze von 3 712,50 Euro monatlich. Der einheitliche Basistarif der privaten Krankenversicherer kostet 2011 mindestens 575,44 Euro. Künftig ist die Höhe des Beitrags für diesen Tarif nicht mehr nur von der Beitragsbemessungsgrenze und dem Beitragssatz in der GKV abhängig, sondern auch vom durchschnittlichen Zusatzbeitrag. Die Tendenz weist also nach oben.

Ich möchte mich privat versichern. Wann ist das möglich?

Ab 2011 reicht es, wenn Sie als Arbeitnehmer ein Jahr lang über der Versicherungspflichtgrenze verdienen, um in die Privatversicherung wechseln zu können. Schon wer im Jahr 2010 mehr als 49 950 Euro verdiente, kann zum 1. Januar 2011 wechseln. Im kommenden Jahr reichen 49 500 Euro. Bedenken Sie, dass die Beiträge der privaten Krankenversicherer in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind – auch für jüngere Versicherte. Der Wechsel aus dem Volltarif einer privaten Versicherung in den Volltarif einer anderen ist nur unter Verlusten möglich. Die Altersrückstellungen können Sie nicht mitnehmen.

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