Gesundheitsportale Test

Wer sucht, der findet nicht immer. Bei zwölf Gesundheitsportalen im Test gab es selten Schnitzer, aber häufiger unvollständige Infos. Cyber-Docs drücken sich bisweilen recht kompliziert aus. Drei sind knapp „gut“.

Kopfschmerzen, Grippe, Lungenentzündung, Gürtelrose, Windpocken, Scharlach, Frauenleiden, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme, Hühneraugen, Warzen: Wer früher wissen wollte, was zwischen Haarspitzen und Fußsohlen alles passieren kann und was dann zu tun sei, fragte den Bader, Pastor oder Arzt. Oder schlug noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts beim „Hausdoktor“ nach – Informationen „gegen fast alle vorkommenden Krankheiten“, übersichtlich auf 96 Seiten.

Millionen von Nutzern

Solch beschauliche Zeiten sind vorbei, Orientierung ist nötiger denn je. Denn auf dem Gesundheitsmarkt sprengt ein schier unermessliches Informationsangebot alle Grenzen. Besonders vielstimmig sind Gesundheitsinformationen im Internet zu finden. Als wir bei Google „Diabetes“ eingaben, erhielten wir in 0,12 Sekunden sagenhafte 73 600 000 Internetadressen. Bei Bluthochdruck waren es 990 000, und bei Gürtelrose immerhin 142 000 Treffer.

Mit dem Angebot ist der Wissensdurst gewachsen. Laut einer europäischen Studie nutzt etwa jeder dritte Deutsche das Internet für Gesundheitsfragen mindestens einmal pro Monat – Tendenz steigend. Millionen Menschen bereiten sich so auf die ärztliche Sprechstunde vor oder holen sich Rat zur Selbsthilfe. Laut Google-Trends gibt es allein bei netdoktor.de 45 000 Besucher pro Tag. Bei den von uns geprüften zwölf Gesundheitsportalen finden sich jeden Monat knapp 6 Millionen Nutzer ein.

Per Mausklick abrufbare Informationen bestimmen vielfach das Handeln von Gesunden und Kranken. Medizininformationen sollten deshalb vertrauenswürdig sein, dem letzten wissenschaftlichen Stand entsprechen. Das gesuchte Wissen sollte rasch aufzufinden, für Laien gut lesbar und verständlich sein. Wir haben vielgenutzte Portale geprüft, die im Netz zum Nutzen von Gesunden wie Kranken Ordnung in das In­formationsan­gebot bringen wollen. Sie kanalisieren die Informationsflut, sortieren medizinisches Wissen, trennen die Spreu vom Weizen. Wir haben medizinische Sachverhalte abgefragt und recherchiert. Dort, wo es möglich war, haben wir auch Fragen gestellt und die Antworten bewertet.

Suche wird oft erschwert

Die Leistung der Portale kann sich meist sehenlassen, doch besser gehts immer:

Navigation. Die Navigationselemente (z. B. Menüs) sind häufig nicht eindeutig und oft verwirrend, zum Beispiel durch mehrfache Anzeige an verschiedenen Stellen.

Wo bin ich? Teilweise fehlen Orientierungsmöglichkeiten für Nutzer, die nicht über die Homepage, sondern per Suchmaschine „ins Innere“ des Portals vorstoßen – wie die große Mehrheit der Besucher.

Ordnung schaffen. Die gefundenen Ergebnisse können in vielen Fällen nicht sortiert und eingeschränkt werden.

Eindeutigkeit fehlt. Bezeichnungen und Begriffe werden nicht einheitlich gewählt. So gibt es Foren, Laienforen und „Wartezimmer“ – gemeint ist stets das Gleiche.

Barrieren. Oft ist der Zugang zu Informationen durch technische und gestalterische Defizite erschwert: Sitemaps (Seitenwegweiser, Inhaltsverzeichnisse) fehlen. Es gibt recht häufig Rot-Grün-Darstellungen, die bei Rot-Grün-Sehschwäche nicht lesbar sind. Fachleute bezeichnen so etwas als „fehlende Barrierefreiheit“.

Multimediainhalte. Videos und Clips dienen oft mehr der Werbung als der fachlichen Information des Nutzers.

Werbung. Manchmal fehlt eine klare Trennung zwischen inhaltlicher Information und Werbung. Das hinterlässt einen Beigeschmack, kann zu Fehlschlüssen führen.

Fehler beim Bluthochdruck

Gesundheitsportale Test

Wir haben Inhalte der Gesundheitsportale anhand von fünf Krankheitsbildern geprüft, die häufig vorkommen und auch besonders häufig abgefragt werden:Zu Blasenentzündung, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Gürtelrose und Masern.

Überragende Bedeutung haben die Informationsinhalte. Wird mit medizinischem Wissen verantwortungsvoll umgegangen, sind die Angaben vollständig, richtig und verständlich? Wird über Masern und die Notwendigkeit des Impfens sachlich informiert, werden beim Blutdruck die kritischen Werte genannt? Zu den für unseren Test gewählten Krankheitsbildern (siehe „Ausgewählt, geprüft, bewertet“) hielten alle Portale Informationen bereit. Fehler machten sie selten. Unterschiede in der Bewertung betreffen hier meist die Vollständigkeit und Ausführlichkeit. imedo.de und qualimedic.de lieferten zum Beispiel unvollständige Infos zu den Ursachen von Diabetes Typ 2.

Ein dicker Schnitzer fand sich im Portal Onmeda zum Thema Bluthochdruck: Wir erkundigten uns dort nach der medikamentösen Therapie. Bei Onmeda wurde im Zusammenhang mit Betablockern bei „Kontraindikationen“, also als Gegenanzeige, wie auch bei „Anwendungsgebieten“ Asthma genannt. Das ist eine gefährliche Fehlinformation: Betablocker verengen in der Regel die Bronchien und sind nichts für Asthmatiker. Es fiel auch auf, dass bei der Therapie der Blasenentzündung statt der pharmazeutischen Wirkstoffe oft spezielle Präparate genannt wurden – aber nicht vollständig. Naturheilmittel standen häufig im Vordergrund, zum Beispiel bei MedizInfo. Überhaupt: Bei Blasenentzündung knauserten die meisten Anbieter mit kompletten Therapieinformationen zum Thema und gaben nur unvollständige Informationen zu Medikamenten.

Fachchinesisch und Expertensprache

Sehr wichtig ist auch die Textverständlichkeit. Wegen zu viel Expertensprache erhielt Onmeda hier lediglich ein „Ausreichend“. Kennzeichen schwerverständlicher Texte sind lange Sätze und Nebensätze, nicht übersetzte und nicht erklärte Fachbegriffe. Wir haben das mithilfe einer speziellen Software systematisch ermittelt. Wir erwarten auch, dass bei den Texten Quellen angegeben werden sowie die jeweiligen Einstellungs- und Überarbeitungsdaten. Alle Informationen, die älter als zwei Jahre sind, sollten nach Meinung von Fachleuten entweder verfallen oder einen Vermerk tragen, dass sie nach wie vor gelten. Hier gab es gar keine Daten bei MedizInfo, dr-gumpert.de Medizin online, imedo.de, nur vereinzelt bei sprechzimmer.ch und gesundheit.de.

Verbessert werden kann die Verständlichkeit bei allen Gesundheitsportalen. Vor allem das Portal Onmeda sollte die Texte überprüfen, sie entsprechend verbessern.

Tipp: Weisen Sie den Betreiber des Portals per Mail darauf hin, wenn das Verständnis unter zu vielen Fremdwörtern leidet.

Deutliche Unterschiede fanden sich bei der internetgerechten Darstellung der Texte. Hier zeigten einige Portale wesentliche Defizite, insbesondere das textlastige, etwas altbacken gestaltete MedizInfo.

Recherchemöglichkeiten nur mäßig

Neben Experten fanden auch exemplarisch Prüfungen durch Laien statt (nicht bewertet): Sie haben zum Beispiel versucht, über die Portale Sachverhalte zu recherchieren. So wurden Informationen zu gängigen Medikamenten gegen Kopfschmerzen gesucht und versucht, über bestimmte Krankheitssymptome (Schüttelfrost, plötzlich auftretendes hohes Fieber, ausge­prägtes Krankheitsge­fühl) die Ursache zu ermitteln (Grippe/Influenza). Bei vielen Portalen war eine Kombination von Symptomen nicht möglich. Bei dr-gumpert.de Medizin online gab es aber zum Beispiel zum Thema Kopfschmerzen schnell Treffer und Informationen zu der großen Anzahl verschiedener Kopfschmerzformen.

Gesundheitsportale liefern lexikalisches Wissen zu Krankheitsbildern relativ rasch, bei „intelligenten“ Datenverknüpfungen, zum Beispiel bei Abfrage von Symptomen, tun sie sich aber schwer. Der lexikali­sche Aufbau erschwert vielen Nutzern das Recherchieren. Hilfreich ist es hier zumindest, wenn Listen von verschiedenen Krankheitssymptomen angelegt worden sind.

Genervte Antwort auf kritische Frage

Einige Anbieter beantworten auch Anfragen. Wir haben diesen Service getestet und zum Beispiel nach dem Sinn von Masernimpfungen und nach den Therapiemöglichkeiten bei Blasenentzündung mit und ohne Medikamente gefragt. vitanet.de schnitt dabei „gut“ ab, qualimedic.de dagegen nur knapp „befriedigend“ (siehe Tabelle) – vor allem wegen einer Antwort ohne viel Aussagekraft zu einer kritischen Anfrage zur Masernimpfung, die zudem (genervt) polemisch war sowie lückenhaften Auskünften zum Bluthochdruck. Für qualimedic.de war das mäßige Auskunftsergebnis eigentlich nicht zu erwarten: Dort wird betont, 80 Fachärzte stünden für Auskünfte zur Verfügung. Falls angeboten, wurde im Test auch exemplarisch versucht, einen News­letter zu bestellen und ihn dann später wieder abzubestellen. Das nahm meist etliche Minuten in Anspruch – oder der Versuch wurde abgebrochen.

Portal paradisi.de ohne Suchfunktion

So wichtig wie die Inhalte selbst ist ihre Zugänglichkeit für Nutzer. Die Mehrzahl der getesteten Online-Gesundheitsportale ist nach gängigen Internet-Standards gestaltet. Struktur und Funktionalität sind weitgehend nutzerfreundlich und leicht zu bedienen. Erstaunliches leistet sich allerdings das Portal paradisi.de: Hier fehlt die Suchfunktion – ein gezielter Zugang zu Informationen ist von vornherein stark erschwert. paradisi.de ist eher ein Gemischtwarenladen und im Test Schlusslicht.

Am besten handhaben lassen sich die Webseiten von netdoktor.de, Onmeda, gesundheit.de und vitanet.de.

Barrieren, nicht nur bei Handicaps

Bei allen Portalen stoßen Nutzer mit körperlichen Einschränkungen oder Behinde­rungen auf technische und gestalterische Barrieren. So können Grafikinformationen ohne Alternativtext von technischen Ausgabegeräten, die für Blinde und Sehschwache den Inhalt von Internetseiten in Blindenschrift „auslesen“ oder akustisch wiedergeben, nicht erkannt oder dargestellt werden. Solche Barrieren behindern aber letztlich alle Nutzer: Jeder würde zum Beispiel von Sitemaps profitieren. Die sind aber nicht überall zu finden.

Sonderfälle Wikipedia und imedo.de

Sonderfälle sind Wikipedia („Die freie Enzyklopädie“; nicht in der Tabelle) und imedo.de. imedo.de ist eine Gesundheitsge­meinschaft, unter anderem mit Medizinlexikon, Arzt-, Therapeuten- und Apothekensuche, News-Seite mit ärztlichem Beirat und Gesundheits-TV (ein Mediziner moderiert). Nur ein Teil des Angebots stammt von medizinischen Experten. Der Inhalt der Foren, geliefert von medizini­schen Laien, steht im Vordergrund. Beim Prüfpunkt Masern zeigte sich, dass offiziell der Text von Wikipedia übernommen wurde – allerdings in stark verkürzter Fassung. In der inhaltlichen Qualität und im test-Qualitätsurteil ist imedo.de nur „ausreichend“.

Fast immer unter den ersten Zehn

Gesundheitsportale werden nur selten direkt über die Eingabe der Webadresse aufgesucht. Nutzer finden meist beim „Googeln“ den Weg dorthin. Wer über die Suchmaschine recherchiert, wählt in der Regel aus jenen Adressen aus, die dort geliefert werden. In der Google-Rangliste rangiert bei Nennungen im Zusammenhang mit Gesundheitsinformationen Wikipedia weit oben – oft sogar vor oder zusammen mit namhaften Gesundheitsportalen. Wikipedia (www.wikipedia.de) findet sich meist unter den ersten zehn Treffern. Als wir zum Beispiel in einer Momentaufnahme bei Google das Stichwort „Masern“ suchten, führte Wikipedia die Liste der Nennungen an, ebenso bei Diabetes. Bei „Gürtelrose“ stand „Die freie Enzyklopädie“ auf Platz zwei, bei „Blasenentzündung“ auf Platz fünf, bei „Bluthochdruck“ auf Platz sechs.

Und so haben wir auch bei Wikipedia die Handha­bung der Website getestet, nicht aber die Inhalte. Denn die können sich durch „freie“ Ergänzungen und Korrekturen der Nutzer rasch ändern. Qualitätsschwankungen sind stets möglich.

Die Autorenschaft ist in der Regel unklar, die Verantwortung liegt bei dem Leser unbekannten Verfassern, nicht bei Wikipedia. Es gibt allerdings ein Bewertungssystem durch Nutzer selbst. Artikel können – wie der über Masern – als Exzellenzleistung klassifiziert werden. Das geschieht etwa bei 0,2 Prozent aller Beiträge in Wikipedia.

Wikipedias lesefreundliche Struktur

Die Struktur der „freien Enzyklopädie“ ist anders als die der Gesundheitsportale (zum Beispiel keine thematisch sortierte Navigation für Gesundheitsthemen, kein interaktiver Bereich). „Die freie Enzyklopädie“, spendenfinanziert und werbefrei, lag bei Navigation und Suche dennoch vorne – und zwar vor den Gesundheitsportalen netdoktor.de, Onmeda, gesundheit.de und vitanet.de. Auch bei Darstellung und Einsatz von Multimedia war Wikipedia vorn. Aber der Zugang ist auch hier zum Beispiel für Sehschwache erschwert. Inhalte zu Krankheiten und ähnliches werden bei Wikipedia meist sehr ausführlich abgehandelt. Der Artikel über Masern zählt zum Beispiel über 6 000 Wörter. Häufig schreiben Fachleute für Fachleute. Durch „Expertenhandschrift“ und oft nicht erklärte Fachbegriffe wird die Verständlichkeit erschwert, trotz vieler erklärender Links: „Masernexanthem“, „Komplementbindungsreaktion“ oder „eosinophile Granulozyten“ sind vor allem Medizinern geläufig. Otto Normalpatient käme mit „einem für Masern typischen Hautausschlag“, „bestimmter Nachweis auf Antikörper im Blut“ und der ergänzenden Umschreibung, dass es um „an der Immunreaktion beteiligte weiße Blutzellen“ geht, besser zurecht.

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