Gesundheitskarte Meldung

Patientin. Gisela Großmann testet im sächsischen Landkreis Löbau-Zittau die elektronische Gesundheitskarte.

Eine neue Chipkarte ist der Schlüssel zum Abruf von Patientendaten. Derzeit laufen Tests mit gesetzlich und privat Versicherten.

Für Gisela Großmann stellt ihr Hausarzt zweimal das gleiche Rezept aus. Eines bekommt sie auf Papier mit Unterschrift von Dr. Gottfried Hanzl, das andere schreibt er auf ihre neue elektronische ­Gesundheitskarte. Das elektronische Rezept, das eRezept, ist das erste große ­Anwendungsfeld der Karte, das zurzeit in sieben deutschen Regionen getestet wird.

Die neue Chipkarte wird der Schlüssel zu einem Netzwerk sein, das mit riesigen Datenbanken im Hintergrund aufgebaut wird. Wenn es irgendwann steht, können 80 Millionen gesetzlich und privat Krankenversicherte mit knapp 200 000 Ärzten, rund 2 200 Krankenhäusern, 21 000 Apotheken und 300 Krankenversicherungen elektronisch verknüpft werden.

Der Hausarzt von Großmann und der Chirurg im Klinikum tauschen dann Arztbrief und Röntgenbilder elektronisch aus, auch der Physiotherapeut hat Einblick.

Die 68-Jährige kann den Austausch aber auch ablehnen. Dann sind ihre Daten nicht elektronisch verfügbar. Pflicht wird nur das elektronische Rezept, das Großmann und ihr Arzt gerade ausprobieren.

Arzt muss sich ausweisen

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Arzt. Das Gegenstück zur Gesundheitskarte ist der Heilberufsausweis für den Arzt.

Dr. Hanzl kann seiner Patientin das eRezept nur verschreiben, wenn ihre Karte im Lesegerät steckt. Ihre Geheimzahl muss sie in der Testphase noch nicht eingeben.

Der Arzt muss gleichzeitig seinen Heilberufsausweis, auch eine Chipkarte, in ein zweites Lesegerät schieben. Damit weist sich der Allgemeinmediziner als berechtigter Systemnutzer aus.

Die Verschreibungen auf der Karte muss der Arzt mit seiner elektronischen Unterschrift bestätigen, einer sechsstelligen Ziffernfolge. Er gibt sie als Signatur für jedes eRezept in das Lesegerät ein.

Zeit spart Hanzl so nicht. Die Informationssicherheit muss gewahrt werden. Kein Unbefugter soll auf die Chipkarte und auf die später damit zugänglichen Daten zugreifen können. Dafür werden alle Daten schon am Lesegerät zweifach verschlüsselt.

Basisdaten und Foto sind Pflicht

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Gisela Großmanns Gesundheitskarte zeigt ihr Passfoto, so wie es für jeden Versicherten über 15 Jahre zur Pflicht werden soll. Krankenkassen wollen so den Missbrauch eindämmen.

Steckt die Arzthelferin die Chipkarte ins Lesegerät, erscheinen auf dem Monitor Name, Geburtsdatum, Anschrift, Krankenkasse und Versicherungsnummer. Sie erkennt, ob die Patientin pflichtversichert oder freiwillig versichert ist und ob sie von Zuzahlungen befreit ist.

Das sind die Basisdaten, die auf der elektronischen Speicherkarte jedes Krankenversicherten vermerkt sein werden, auch Versichertenstammdaten genannt. Die bisherige Chipkarte enthält nur den Namen, die Krankenkasse, die Versicherungsnummer sowie die Gültigkeitsdauer.

Löbau-Zittau testet die Karte

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Dr. Gottfried Hanzl und viele seiner ­Patienten im sächsischen Niederoderwitz sind freiwillige Teilnehmer eines Feldversuchs für die Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte. 25 niedergelassene Ärzte, rund 10 000 Versicherte, das Klinikum, 29 Apotheker, 9 Krankenkassen und 8 private Krankenversicherungen machen seit Dezember 2006 im Landkreis Löbau-Zittau beim Test mit.

In Flensburg haben die Tests gleichzeitig begonnen. Weitere Testregionen sind Bochum/Essen, Heilbronn, Ingolstadt, Trier und Wolfsburg.

Die Testpioniere sollen das geplante Mammutnetzwerk des Gesundheitswesens in fünf Stufen prüfen. Begonnen haben sie mit dem Lesen der Kartendaten. Zurzeit testen die Teilnehmer in den sieben Regionen die Gesundheitskarte auf Stufe 2.

Zum Testprogramm für die zweite Stufe gehört das elektronische Rezept und die Speicherung von Notfalldatensätzen auf der Karte. Der Haus- oder Facharzt hinterlegt auf der Karte Daten, die der Notarzt bei einem Unfall sofort abrufen kann.

Der Mediziner am Unfallort erfährt sofort, welche Vorerkrankungen und Besonderheiten der Patient hat, etwa Allergien oder Diabetes. Er kann den Patienten besser behandeln. Jedem Versicherten ist es aber freigestellt, seine Notfalldaten auf der Karte speichern zu lassen oder nicht.

In Löbau-Zittau hapert es zurzeit noch mit dem Testen der Notfalldatensätze. Es fehlt an den mobilen Lesegeräten für die Notärzte.

Patientenakten online verschicken

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Das Testziel aller Feldversuche ist erreicht, wenn der Datenaustausch von elektronischen Patientenakten mit Befunden und Arztbriefen zwischen Arzt und Krankenhaus funktioniert.

Längst wird auch über den elektronischen Zugriff auf Röntgenbilder, Aufnahmen des Magnetresonanz-Tomografen (MRT) oder EKGs nachgedacht. Sie stehen als weitere Ausbaustufen ganz hinten auf der Testliste.

Die Absicht ist, Patienten Doppelt- und Dreifachuntersuchungen zu ersparen und so die Gesundheitskosten zu senken. Außerdem müssen Krankenschwestern und Patienten Umschläge und Hängeakten nicht mehr herumtragen und können sie so auch nirgends liegenlassen.

Bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg. Denn die elektronische Patientenakte existiert bisher nur auf dem Papier. Für den Onlinetransfer zwischen Arzt, Apotheke, Klinikum, Notarzt und Therapeut fehlt bisher das Herzstück, das Telematik-­Infrastruktursystem. Das ist der komplexe Knotenpunkt aus Zentralrechnern und Datenbanken, über die sich der immense Datenverkehr bewegen soll.

Patientenakten mit Befunden, Diagnosen und Therapieplänen bleiben weiterhin beim Haus- und Facharzt, in der Zahnarztpraxis oder in der Klinik gespeichert. Die Telematik soll dafür sorgen, dass sie auf dem Bildschirm des behandelnden Mediziners zusammengeführt werden und zur Auswertung bereitstehen.

Der Arzt muss dazu auf der Gesundheitskarte einen informationstechnischen Verweis aktivieren, der ihn zu den elektronischen Patientendaten führt. Für das eRezept ist viel weniger Technik nötig. Zurzeit ist es auf der Karte selbst gespeichert.

Einfach für den Apotheker

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Apotheke. Die Angestellte in der Zittauer Johannis-Apotheke liest von der Gesundheitskarte ein elektronisches Rezept ein.

Gisela Großmann holt sich in der Niederoderwitzer Apotheke ihre Arznei. Die 68-Jährige könnte auch ihren Enkel schicken. Denn für das Anzeigen des eRezepts muss sie keine Geheimzahl eingeben.

An die Daten auf Großmanns Gesundheitskarte kommt der Apotheker, wenn er sich mit seinem elektronischen Heilberufsausweis legitimiert.

Das Schöne für den Apotheker: Er muss nicht mehr die vielen Rezeptdaten in seinen Computer tippen. Die Abrechnung mit den Krankenkassen wird ihm erheblich erleichtert.

Wenn der Pharmazeut die Medikamente Großmann über die Theke geschoben hat, löscht er die Verordnung von Dr. Hanzl auf der Gesundheitskarte. Da zurzeit alles nur getestet wird, gibt Großmann auch das Papierrezept ab, weil es noch als Abrechnungsnachweis gebraucht wird.

Das Löschen des Rezepts von der Karte stellt die privaten Krankenversicherer vor ein Problem. Denn viele Privatpatienten rechnen erst zum Jahresende mit ihrem Versicherer ab. Dafür schicken sie ihm jetzt das Papierrezept als Nachweis. Die Not­lösung: Extra zum eRezept druckt der Arzt ein Rechnung aus.

Eine weitere Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte ist die Dokumentation aller Arzneimittel, die ein ­Patient nimmt. Sie ist noch in keinem Feldtest erprobt. Der Arzt oder Apotheker soll damit riskante Medikamentenkombinationen besser ausschließen können.

Der Versicherte entscheidet auch in diesem Fall selbst, ob er eine Biografie seiner Medikamenteneinnahme will.

Patient löscht Rezept von der Karte

In der Arztpraxis und im Krankenhaus macht der Versicherte mit einer Geheimzahl den Zugang zu seinen Daten frei. Daneben bekommt er eine zweite persönliche Geheimziffer, mit der er seine eigenen ­Gesundheitsdaten lesen oder sein elektronisches Rezept löschen kann. Denn wie mancher Patient heute ein Papierrezept einfach wegwirft, soll ihm das auch auf elektronischem Wege möglich sein.

Noch können die sächsischen Testpatienten nicht selbst die Daten lesen, die über sie gespeichert sind. Erst demnächst werden in den Krankenhäusern von Zittau und dem benachbarten Ebersbach elektronische Kioske aufgestellt.

An diesen Kiosken soll der Versicherte mit seiner Karte und Geheimzahl seine Daten einsehen und teilweise verwalten können, ähnlich wie er an einem Selbstbedienungsterminal einer Bank Überweisungen auslöst.

Wenn die elektronische Patientenakte Wirklichkeit geworden ist, kann der Patient durch eigene Eingaben Ärzte vom Einblick in Teile seiner Akte ausschließen. Vielleicht soll der Zahnarzt ja nicht wissen, dass sein Patient auch Sitzungen beim Psychotherapeuten belegt.

Selbst vom heimischen PC oder vom Notebook aus soll der Zugang auf alle Datensätze möglich sein. Bisher gibt es dafür aber noch kein spezielles Kartenlesegerät.

Wenig Kritik von Datenschützern

Die Tests in der Oberlausitz stehen unter Beobachtung des sächsischen Datenschutzbeauftragten. Er ist unzufrieden, weil er sich nicht ausreichend über die Abläufe informiert fühlt.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein, äußert sich wohlwollender. Er bescheinigt den gesetzlichen Regelungen zur elektronischen ­Gesundheitskarte, „dass sie in fast jeder Hinsicht wohl durchdacht sind und die Bedürfnisse nach Wahlfreiheit und Vertraulichkeit zu befriedigen versuchen.“

Neben der Verschlüsselung soll das Trennen von Personen- und Gesundheitsdaten Sicherheit bieten. Arbeitgebern und Versicherungsgesellschaften ist es per Gesetz verboten, vom Patienten die Offenlegung seiner Daten zu verlangen.

Vom Versicherten fordert die Gesundheitskarte einen Vertrauensvorschuss. Den hat er bisher vor allem dem Arzt entgegengebracht. Nun muss er sich auch noch der Informationstechnik anvertrauen. Ihre ­Sicherheit prüft die bundesweite Betriebsgesellschaft Gematik. Sie testet die Geräte und die Softwareentwicklungen.

Seit der Gesundheitsreform 2004 unter der Regierung Schröder ist die Einführung der Gesundheitskarte Gesetz. Doch gerade haben es die Tester in Löbau-Zittau abgelehnt, die Karte im Oktober sachsenweit einzuführen. Technisch sei vieles noch nicht so weit. Außerdem wollen alle Beteiligten, vor allem die Ärzte, Vorteile und wenig Zusatzarbeit mit der Karte.

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