Interview: Mängel in der Unfallmedizin

Arbeitgeber fordern die Abschaffung des Monopols der gesetzlichen Unfallversicherung, die sie mit ihren Beiträgen finanzieren. 2008 soll der Europäische Gerichtshof entscheiden. Finanztest befragte dazu Karl Lauterbach, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie der Universität Köln und SPD-Bundestagsmitglied.

Finanztest: Viele staatliche Monopole wurden schon aufgelöst. Unternehmer fordern das jetzt auch für die gesetzliche Unfallversicherung? Ist das sinnvoll?

Lauterbach: Das wäre nur dann sinnvoll, wenn es unterschiedliche Versicherungsstufen beim Unfallschutz gäbe. Teilkaskoversorgung und Vollkaskoversorgung, unterschiedliche Qualitätsgrade und Umfänge des Versicherungsschutzes. Das halte ich medizinisch wie politisch aber nicht für wünschenswert.

Finanztest: Welche Folgen könnte so eine Privatisierung für die Versicherten haben?

Lauterbach: Die Privatisierung würde darauf hinauslaufen, dass die Beiträge dann aus dem Lohn der Beschäftigten gezahlt würden. Dann würden Unfallgefährdete, zum Beispiel Ältere oder Menschen mit Krankheiten, die zu Unfällen führen können, wie zum Beispiel Diabetiker, deutlich benachteiligt. So ähnlich, wie wir es jetzt bei der privaten Krankenversicherung schon haben.

Finanztest: Die Arbeitgeber kritisieren die Selbstverwaltung der Unfallversicherung als zu bürokratisch. Ist das berechtigt?

Lauterbach: In allen Bereichen haben wir eine aufgeblähte Selbstverwaltung in Deutschland. Daher ist die Kritik daran zum Teil zumindest berechtigt. Aber das ändert nichts daran, dass die Art und Weise, wie die Unfallversicherung grundsätzlich funktioniert, sich bewährt hat.

Finanztest: Sind die medizinischen Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung denn besser als die der Krankenkassen, wie die Berufsgenossenschaften behaupten?

Lauterbach: Nein, die Leistungen sind in der Qualität nicht besser. Der gleiche Unfall, egal, ob er im Beruf oder in der Freizeit passiert, wird in der deutschen Medizin mit ähnlichem Aufwand und mit den gleichen Versorgungszielen behandelt, und das halte ich auch für richtig.

Finanztest: Wo sehen Sie denn die Probleme derzeit?

Lauterbach: Die gesetzliche Unfallversicherung sollte sehr viel kritischer sein in der Auswahl ihrer Ärzte. Wir haben hierzulande eine relativ zersplitterte Unfallmedizin: Die langfristigen Folgen von Unfällen dürfen, wenn die akute Versorgung abgeschlossen ist, von zu vielen Nichtspezialisten behandelt werden. Es kommt vor, dass Handchirurgie von Chirurgen durchgeführt wird, die hier nicht ausreichend qualifiziert oder erfahren sind.

Finanztest: Woran liegt das?

Lauterbach: Zum Teil liegt das daran, dass sich die Durchgangsärzte der gesetzlichen Unfallversicherung mit den Qualitätsunterschieden der Kliniken bei der Behandlung langfristiger Unfallfolgen nicht ausreichend auskennen. Da sehe ich große Schwächen. Das liegt auch ­daran, dass die Daten der spezialisierten Zentren zum Teil nicht veröffentlicht werden und es zu viele Kliniken gibt, die eine Unfallversorgung durchführen.

Finanztest: Wie sollte man das lösen?

Lauterbach: Wir brauchen mehr Wettbewerb zwischen den Kliniken und Ärzten, die Unfälle versorgen. Die Unfallversicherung sollte ihre Marktstellung nutzen, zum Beispiel durch Ausschreibungen oder Qualitätsprüfungen der anbietenden Kliniken und Ärzte. Außerdem könnte sie den versicherten Unfallopfern die entsprechenden Daten zur Verfügung stellen. Ein Wettbewerb um die Versicherung selbst bringt nichts, wenn alle den gleichen Schutz genießen sollen.

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