Gesetzliche Rente Special

Länger arbeiten zahlt sich aus. Für Spitzen­politiker und Wirt­schafts­bosse ist die Berufs­tätig­keit im Renten­alter selbst­verständlich. Vielen anderen setzen Arbeits- und Tarif­verträge Grenzen.

Früher in Rente? Nicht unbe­dingt, denken offen­bar viele in Deutsch­land. Eine Mehr­heit der Arbeitnehmer hätte zumindest gerne die Möglich­keit, auf eigenen Wunsch später in Rente zu gehen. Das ergab eine repräsentative Umfrage des interna­tionalen Markt­forschungs­instituts Ipsos. Bleiben diese Arbeitnehmer länger im Job, bekommen sie von der Rentenkasse einen kräftigen Aufschlag.

Rente mit 70

„60 Prozent der Berufs­tätigen sind für einen flexiblen Renten­beginn. Nach ihrer Vorstellung solle es die Rente mit 63 künftig genauso geben wie die Rente mit 70“, sagt Zukunfts­forscher Horst Opaschowski von der Universität Hamburg. Er hat die Umfrage in Auftrag gegeben.

Tipp: Lesen Sie zu den Auswirkungen der jüngsten Rentenreform unser Special Rentenreform: Wer profitiert und wer handeln muss.

Immer mehr Ältere arbeiten

Gesetzliche Rente Special

Schon jetzt arbeiten immer mehr Menschen im Renten­alter. Das Wirt­schafts­forschungs­institut DIW ermittelte, dass sich die Zahl der Erwerbs­tätigen ab 65 Jahren zwischen 2001 und 2011 auf rund 760 000 verdoppelt hat. Neuere Zahlen des Statistischen Bundes­amts und der Bundes­agentur für Arbeit bestätigen den Trend.

Zwei Wege in den späten Ruhe­stand

Für Menschen, die im Renten­alter weiter voll arbeiten möchten, gibt es zwei Möglich­keiten: Sie schieben die Rente auf und bleiben Arbeitnehmer oder sie beantragen ihre Rente und arbeiten als Rentner weiter.

  • Vorteil der ersten Variante: Arbeitnehmer, die später in Rente gehen, bekommen lebens­lang deutlich mehr Rente.
  • Vorteil der zweiten: Rentner, die voll weiter­arbeiten, haben in dieser Zeit ein doppeltes Einkommen aus Rente und Gehalt.

Was lohnt sich mehr? Das über­schlagen wir für einen Durch­schnitts­verdiener, der nach Erreichen der Regel­alters­grenze – zurzeit 65 Jahre und drei Monate – noch ein Jahr weiter­arbeitet. Er hat schon 45 Jahre lang in die Rentenkasse einge­zahlt und bekäme jetzt regulär 1 287 Euro Monats­rente im Westen oder 1 188 Euro im Osten.

Erster Weg: Später in Rente

Ein Extra­jahr als Arbeitnehmer führt dazu, dass die Rente ein Jahr später beginnt. Sie fällt dann aber viel höher aus. Unser Mann bekommt für das Zusatz­jahr im Westen monatlich 108 Euro mehr Rente, fast 1 300 Euro im Jahr. Im Osten ist es ein Monats­plus von 99 Euro, rund 1 200 Euro im Jahr. Hinter dem starken Anstieg steckt vor allem ein hoher Zuschlag von der Rentenkasse. Arbeitnehmer bekommen für jeden Monat, den sie nach der Regel­alters­grenze noch arbeiten, 0,5 Prozent mehr Rente. Das sind für unseren Mann pro Monat 79 Euro im Westen oder 73 Euro im Osten. Nur der Rest der Erhöhung geht darauf zurück, dass er ein Jahr länger Beiträge gezahlt hat.

Zweiter Weg: Rente plus Job

In der zweiten Variante beantragt derselbe Versicherte nach 45 Jahren seine Rente und sein Arbeit­geber beschäftigt ihn trotzdem im Anschluss zu den gleichen Bedingungen weiter wie bisher. Die Folge: Unser Mann steigert in dem einen Jahr sein Einkommen beträcht­lich. Auf sein Gehalt kommt die Rentenzahlung in Höhe von 15 449 Euro (West) oder 14 250 Euro (Ost) oben­drauf.

Hilfe bei der Entscheidung

Die erste Abwägung am Beispiel der Zahlen für den Westen geht so: lebens­lang 1 300 Euro mehr Rente im Jahr gegen einmalig 15 449 Euro. Auswirkungen von Renten­steigerungen lassen wir außen vor. Zieht man die Lebens­erwartung in Betracht, schlägt bei unserem Durch­schnitts­verdiener das Pendel eher für Variante 1 aus. Laut statistischem Bundes­amt haben 65-jährige Männer im Schnitt noch 19 Jahre zu leben, bei Frauen sind es 22 Jahre. Bevor Arbeitnehmer sich für eine Variante entscheiden, sollten sie sich aber Rat beim Renten­versicherungs­träger und einem Steuerberater oder Lohn­steuer­hilfe­ver­ein holen. Denn je nach Gesamt­einkommen und Lebens­umständen fallen Steuern und Abgaben unterschiedlich aus und können für oder gegen eine Variante sprechen.

Rentner zahlen keine Rentenbeiträge

Rentner, die weiter­arbeiten, zahlen keine Renten­versicherungs­beiträge. Netto profitieren sie davon aber oft nicht, denn durch ihr höheres Gesamt­einkommen schlägt das Finanz­amt deutlich kräftiger zu. Auch bei Arbeitnehmern, die ihren Renten­beginn hinaus­zögern, erhöhen sich die Steuern. Je später sie in Rente gehen, desto höher ist der steuer­pflichtige Anteil davon. Bei nied­rigen oder durch­schnitt­lichen Renten fällt der Anstieg aber wenig ins Gewicht.

Kein Arbeits­losengeld für Ältere

Beiträge zur Arbeits­losen­versicherung sparen sich alle, die nach der Regel­alters­grenze noch arbeiten. Ihnen steht ohnehin kein Arbeits­losengeld zu. Verlieren sie den Job und beziehen noch keine Rente, sollen sie diese beantragen, um sich über Wasser zu halten. In Rente gehen sollen sie auch, wenn sie lange krank sind. Dauert die Krankheit mehr als sechs Wochen, steht ihnen nur für eine Über­gangs­frist Krankengeld zu. Die Krankenkasse kann sie auffordern, binnen zehn Wochen den Renten­antrag zu stellen. Mit der Rente entfällt das Krankengeld. Rentner, die arbeiten, zahlen deshalb auch einen nied­rigeren Beitrags­satz an die Krankenkasse: Statt 8,3 Prozent nur 7,9 Prozent.

Starre Alters­grenzen behindern

Trotz Tatkraft vieler Älteren ist es nicht selbst­verständlich, dass sie im Renten­alter in ihrer Firma bleiben können. Tarif-, Arbeits­verträge und Betriebs­ver­einbarungen enthalten oft Alters­grenzen. Die sind aus Sicht des Europäischen Gerichts­hofs in Ordnung und keine Alters­diskriminierung (Az. C-45/09). Ohne Einzel­ver­einbarung mit dem Chef geht dann nichts.

Politik will Flexibilisierung

Eine Hürde, die viele Arbeit­geber bisher davon abhielt, Menschen im Renten­alter weiter zu beschäftigen, ist mit der Rentenreform genommen: Künftig dürfen sie deren Arbeits­verhältnis mehr­fach befristet verlängern. Das war bisher schwierig. Laut Wirt­schafts­forschungs­institut DIW sind ältere Erwerbs­tätige zufriedener als ihre nicht arbeitenden Alters­genossen – mit ihrer Gesundheit, ihrem Einkommen und dem Leben allgemein.

Dieser Artikel ist hilfreich. 16 Nutzer finden das hilfreich.