Frauen, Arbeits­lose und Alters­teil­zeitler: Nur noch für kurze Zeit

Frauen, Arbeits­lose und Alters­teil­zeitler können ihre Zeit bis zur Rente leichter verkürzen. Das geht bis einschließ­lich Jahr­gang 1951.

Die konservative Regierung unter Konrad Aden­auer rang sich 1957 zu einem recht frauenfreundlichen Rentengesetz durch. Die Regierung erkannte die Mehr­fachbelastung vieler Arbeitnehme­rinnen an und setzte als Ausgleich die Alters­grenze für einen vorzeitigen Rentenbe­zug auf frühe 60 Jahre fest.

Sie folgte damit der Argumentation des damaligen Ausschusses für Sozial­politik, dass „die versicherte Frau vielfach einen Doppelberuf als Arbeitnehmer und Hausfrau erfüllt hat, der eine früh­zeitige Abnut­zung der Kräfte hervorruft.“

Gesetzliche Rente Special

Beliebt ist der frühere Renten­einstieg bei vielen Frauen heute noch. Im Jahr 2012 erhielten nach Angaben der Deutschen Renten­versicherung 410 569 Frauen erst­malig eine Alters­rente aus der gesetzlichen Renten­versicherung. Mehr als ein Viertel davon beziehen die vorgezogene Alters­rente für Frauen (siehe Grafik).

Mit der Vorzugs­behand­lung ist bald Schluss. Nicht weil die Doppelbelastung für jüngere Frauen abge­nommen hätte, sondern weil Aden­auers Regelung weder mit dem Gleichbe­hand­lungs­gebot des Grund­gesetzes noch mit dem des europäischen Gemeinschafs­rechts vereinbar ist. Schließ­lich gibt es auch immer mehr Männer, die Kinder, Haushalt und Beruf unter einen Hut bringen müssen.

Chance für Frauen ab 61 Jahren

Gesetzliche Rente Special

Erika Toll hat sich mit 62 Jahren zur Ruhe gesetzt. Die Berlinerin ist eine der Letzten, die mit der vorgezogenen Alters­rente für Frauen früher in Rente gehen konnte. Alle ab 1952 Geborenen können dies nicht mehr.

Arbeitnehme­rinnen, die vor 1952 geboren sind, können die spezielle Alters­rente für Frauen noch beantragen. Eine heute 61-jährige Frau erreicht ihr reguläres Renten­alter erst mit 65 Jahren und 5 Monaten. Mit der vorgezogenen Alters­rente für Frauen kann sie sofort in den Ruhe­stand gehen.

Zu den Schnell­entschlossenen gehört Erika Toll. Seit April 2013 ist die 62-Jährige Berlinerin im Ruhe­stand. „Ich hätte gerne noch weiter gearbeitet“, sagt die frühere Redak­tions­assistentin. Aber extreme Rücken­beschwerden machten ihr den Arbeits­alltag zur Strapaze.

Bei einem Informations­gespräch mit der Renten­versicherung erfuhr sie von der Möglich­keit, früher in Rente zu gehen. Danach lief alles schnell und glatt.

Im Januar 2013 stellte sie zusammen mit einem Berater der Renten­versicherung den Renten­antrag auf Alters­rente für Frauen, Ende Februar kam der Renten­bescheid und seit dem 1. April 2013 ist Toll Rentnerin.

Der Zug für die Rente mit 60 Jahren ist allerdings schon abge­fahren. Denn Frauen, die vor dem 1. Januar 1952 geboren sind, haben spätestens am 31. Dezember 2011 ihren 60. Geburts­tag gefeiert.

Weniger Rente bei früherem Ausstieg

Den früheren Ausstieg gibt es auch für Frauen nicht umsonst. Er hat Renten­abschläge zur Folge. Auch bei dieser Rente werden 0,3 Prozent für jeden Monat des vorgezogenen Renten­beginns fällig. Nur Frauen, die bis zur Voll­endung ihres 65. Lebens­jahres arbeiten, können die Alters­rente für Frauen ohne Abschläge beziehen.

Bei einem Renten­beginn mit Voll­endung des 62. Lebens­jahres – also 36 Monate vor dem 65. Geburts­tag – müssen Rentne­rinnen wie Toll mit 10, 8 Prozent weniger Rente auskommen (36 x0,3 Prozent = 10,8 Prozent). Der Abschlag gilt normaler­weise für die gesamte Renten­zeit. Bei Toll macht der Abschlag 150 Euro im Monat aus. „Das ist viel“, sagt sie. „Aber zusammen mit den Zahlungen aus meiner Betriebs­rente komme ich ganz gut über die Runden.“

15 Jahre sind Voraus­setzung

Das Alter ist nicht das einzige Kriterium, wenn Arbeitnehme­rinnen die Alters­rente für Frauen beantragen möchten. Die angehenden Rentne­rinnen müssen außerdem mindestens 15 Jahre in der gesetzlichen Rentenkasse versichert sein. Das sind zehn Versicherungs­jahre mehr, als für eine reguläre Alters­rente nötig sind.

Zur Mindest­versicherungs­zeit für die Frauenrente zählen nicht nur Jahre, in denen die Frauen pflicht­versichert waren. Dazu kommen unter anderem noch Kinder­erziehungs- und Pflege­zeiten sowie Zeiten, in denen Versicherte freiwil­lige Beiträge gezahlt oder Arbeits­losengeld erhalten haben.

An diese 15 Jahre sind auch noch weitere Bedingungen geknüpft: Mehr als 10 Jahre (121 Monate) müssen aus Pflicht­beitrags­zeiten nach dem 40. Geburts­tag der Rentnerin bestehen. Freiwil­lige Beiträge, wie sie zum Beispiel freiwil­lig versicherte Selbst­ständige zahlen, zählen hier nicht.

Rente bei Arbeits­losig­keit und Teil­zeit

Auch für Arbeits­lose und für Arbeitnehmer, die mit ihrem Arbeit­geber einen Vertrag über Alters­teil­zeit abge­schlossen haben, gibt es noch Sonder­regeln. Alle, die vor dem Jahr 1952 geboren sind, haben die Möglich­keit, sich bereits mit 63 Jahren zur Ruhe zu setzen. Einige Arbeits­lose und Alters­teil­zeitler, für die besondere Vertrauens­schutz­regeln gelten, können ihre Rente sogar noch früher bean­spruchen.

Wie Frauen müssen auch Arbeits­lose eine ganze Reihe Voraus­setzungen erfüllen, wenn ein früherer Renten­einstieg klappen soll. Die wichtigste ist, dass sie – es liegt auf der Hand – zu Renten­beginn arbeitslos sind. Außerdem müssen sie nach der Alters­grenze von 58 Jahren und 6 Monaten insgesamt 52 Wochen arbeitslos gewesen sein.

Hinzu kommt eine Mindest­versicherungs­zeit von 15 Jahren. Außerdem müssen Arbeits­lose in den letzten 10 Jahren vor ihrem Renten­beginn auf mindestens 8 Jahre mit Pflicht­beiträgen kommen.

Für Arbeitnehmer in Alters­teil­zeit gelten dieselben Zeiten wie für Arbeits­lose. Zudem müssen sie mindestens 24 Monate in Alters­teil­zeit gewesen sein, um Anspruch auf einen früheren Renten­beginn zu haben. Sie müssen ihre Alters­teil­zeit von vorn­herein so planen, dass sie zum Wunsch­termin vorzeitig in den Ruhe­stand gehen können.

Claus-Peter Fontana hatte seinen Ausstieg aus dem Berufs­leben früh geplant. Bereits im Jahr 2005 hat der Rentner aus Grün­stadt mit seinem Arbeit­geber einen Alters­teil­zeit­vertrag über sechs Jahre abge­schlossen. Aktive und passive Phase betrugen jeweils drei Jahre.

Mit 60 Jahren hörte Fontana auf zu arbeiten, weil die passive Phase begann. Nach deren Ende ging er Anfang April dieses Jahres mit 63 Jahren in die vorgezogene Alters­rente nach Alters­teil­zeit: „Ich wollte nach rund 35 Jahren Unter­nehmens­beratung im Außen­dienst, unzäh­ligen Hotel­auf­enthalten und gefahrenen Kilo­metern und wenig Frei­zeit den früheren Einstieg in die Rente.“

Betriebs­rente gleicht Abschlag aus

Auch Arbeits­lose und Arbeitnehmer in Alters­teil­zeit müssen ihren früheren Ruhe­stand recht teuer erkaufen. Sie kostet der Renten­einstieg vor dem 65. Lebens­jahr ebenfalls 0,3 Prozent Rent­abschlag pro Monat. „Mir war natürlich schon klar, dass ein früherer Renten­einstieg Rentenkür­zungen zur Folge hat“, sagt Fontana.

Wie Toll halfen Fontana bei der Entscheidung Zahlungen aus seiner betrieblichen Alters­vorsorge, die seine gesetzliche Rente ergänzen. Bereut hat er seine Entscheidung bisher nicht. „Ich habe endlich Zeit, meinen privaten Interessen nach­zugehen. Und meiner Frau bin ich bis heute noch nicht auf die Nerven gegangen.“

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