Schwerbehinderte: Früher als Gesunde

Auch Schwerbehinderte müssen inzwischen länger arbeiten. Sie können aber weiterhin früher in Rente gehen als gesunde Kollegen.

Gesetzliche Rente Special

Jürgen Armbrecht hätte aufgrund seiner Schwerbehin­derung bereits mit 60 Jahren vorzeitig in Rente gehen können. Der Berliner hielt aber noch zwei Jahre länger durch, weil ihm die Arbeit gefiel.

Jürgen Armbrecht hat sich mit 62 Jahren aus dem Berufs­leben verabschiedet. Abzüge von der Rente gab es bei ihm für den früheren Ausstieg nicht. Da er schwerbehindert ist, endete sein reguläres Arbeits­leben früher als das von Gesunden. Der 66-jährige Berliner Betriebs­wirt ist schon seit Jahren schwerhörig und leidet an einem Schief­stand des Beckens.

Aufgrund seiner Behin­derung hätte Armbrecht sogar schon mit 60 Jahren in den Ruhe­stand gehen können. Aber er mochte seinen Job als Projektleiter. „Auf Konferenzen und größeren Veranstaltungen machte mir dann die Schwerhörig­keit aber doch zu schaffen“, sagt er.

Renten­start hängt vom Geburts­tag ab

Für Armbrecht galt Vertrauens­schutz – wie für einige andere, die vor dem 16. November 1950 geboren sind. Deshalb durften sie bereits mit 60 Jahren abschlags­frei in die Alters­rente für Schwerbehinderte gehen.

Gesetzliche Rente Special

Inzwischen gibt es keine einheitliche Alters­grenze mehr. Das Renten­eintritts­alter steigt wie bei der regulären Alters­rente in Stufen. Wann schwerbehinderte Menschen in Rente gehen können, hängt davon ab, wann sie geboren sind und wie viel Renten­abschlag sie verkraften (siehe Grafik).

Schwerbehinderte, die spät im Jahr 1950 oder im Jahr 1951 geboren wurden, können noch an ihrem 63. Geburts­tag ohne Abschläge in Rente gehen. Beide Jahr­gänge dürfen auch schon mit 60 Jahren aufhören, dann werden ihnen aber lebens­lang von ihrer Rente 10,8 Prozent abge­zogen. Für jüngere Jahr­gänge steigen die Grenzen: Ein Schwerbehinderter, der 1963 geboren wurde, kann erst ohne Abzug in Rente, wenn er 64 Jahre und zehn Monate alt ist.

Alte Regelung bleibt bei Sonderfällen

Ein paar Sonderfälle gibt es weiterhin. Für sie steigt die Alters­grenze nicht, sondern bleibt bei 60 Jahren für die Rente mit Abschlag und bei 63 Jahren für die Rente ohne Abzug. Die Regelung gilt für Menschen, die vor 1955 geboren sind und bereits am 1. Januar 2007 als Schwerbehinderte anerkannt waren und vor diesem Datum Alters­teil­zeit mit ihrem Arbeit­geber vereinbart hatten.

Ähnliche Vereinbarungen gibt es unter anderem für schwerbehinderte Arbeitnehmer des Berg­baus, die entlassen wurden und Anpassungs­geld bekamen.

Grad der Behin­derung entscheidet

Armbrechts Grad der Behin­derung liegt auf einer Skala von 0 bis 100 bei 50 Prozent. Damit erfüllte er gerade so die Voraus­setzung, um den früheren Renten­start der Alters­rente für Schwerbehinderte bean­spruchen zu können. Als schwerbehindert gelten Renten­versicherte nämlich erst, wenn ihnen die je nach Bundes­land zuständige Behörde einen Grad der Behin­derung von mindestens 50 Prozent bescheinigt.

Schwerbehinderte, die vor 1951 geboren sind, brauchen die Bescheinigung nicht immer. Sie haben auch dann Anspruch auf die Schwerbehindertenrente, wenn sie nach dem bis Ende 2000 geltenden Recht berufs- und erwerbs­unfähig sind. Später Geborene müssen dagegen immer ihre Schwerbehin­derung nach­weisen.

Den Nach­weis der Behin­derung wollen die Renten­versicherungs­träger bei der Rentenbewil­ligung sehen. Das kann ein Schwerbehinderten­ausweis oder -bescheid des Versorgungs­amts sein oder – nach Arbeits­unfällen und bei Berufs­krankheiten – auch ein Bescheid der Berufs­genossenschaft.

Rente recht­zeitig beantragen

Arbeitnehmer, bei denen noch nicht geklärt ist, wie hoch der Grad ihrer Behin­derung ist – weil vielleicht noch ihr Wider­spruchs­verfahren läuft –, sollten die Alters­rente trotzdem schon beantragen. Den Antrag sollten sie für den Termin stellen, an dem sie vorhaben, in den Ruhe­stand zu gehen, und nicht auf das Ende des Verfahrens warten.

Wird die Schwerbehin­derung rück­wirkend anerkannt, heißt das nämlich nicht, dass Arbeitnehmer rück­wirkend auch auto­matisch einen Anspruch auf Rente haben. Ohne recht­zeitigen Renten­antrag gibt es erst einmal keine Rente.

Keine rück­wirkende Aberkennung

Ist die Alters­rente erst einmal bewil­ligt, ist Behinderten ihre Rente sicher. Und zwar selbst dann, wenn sich ihr Gesund­heits­zustand im Ruhe­stand verbessert. Auch wenn sie nach einiger Zeit nicht mehr schwerbehindert sein sollten, bleibt ihr Renten­anspruch auf die Alters­rente für Schwerbehinderte bestehen.

Ausnahme: Sie über­schreiten ihre Hinzuverdienstgrenze zu oft. Dann nämlich kann ein neuer Antrag auf vorgezogene Alters­rente fällig werden und mit ihm der erneute Nach­weis über ihre Schwerbehin­derung.

Warte­zeit von 35 Jahren

Eine weitere Voraus­setzung, die Arbeitnehmer für eine Schwerbehindertenrente erfüllen müssen, ist eine lange Mindest­versicherungs­zeit in der gesetzlichen Renten­versicherung. Die verlangte Zeit ist mit 35 Jahren genauso lang wie die für die Alters­rente für lang­jährig Versicherte.

Zur Mindest­versicherungs­zeit zählen neben Pflicht­beitrags­zeiten unter anderem Zeiten als freiwil­lig Versicherte, Zeiten der Kinder­erziehung und des Bezugs von Kranken- oder Arbeits­losengeld.

Armbrecht hatte bereits früh ange­fangen, renten­versicherungs­pflichtig zu arbeiten. Mit 16 Jahren begann er eine Lehre zum Industriekaufmann. Im Laufe seines Berufs­lebens hat er so fast 40 Jahre lang Beiträge an die gesetzliche Renten­versicherung gezahlt. „Die lange Warte­zeit war für mich kein Thema“, sagt er.

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