Die gesetzlichen Leistungen decken nur einen Teil der Pflege­kosten. Den Rest müssen die Versicherten selbst tragen.

Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit Franz Michalke aus seiner Berliner Fünf­zimmerwohnung ins nahe gelegene Pfle­geheim der Caritas gezogen ist. „Ich bin mir sicher, hier kann mir nichts passieren“, sagt der 86-Jährige.

Michalke hatte vor ein paar Jahren einen Schlag­anfall und fühlt sich seitdem unsicher auf den Beinen. Sollte der Rentner einmal stürzen, ist im Heim schnell jemand zur Stelle. In seiner alten Wohnung war das nicht der Fall. Die Entscheidung ins Heim zu gehen, traf der Elektroingenieur, nachdem er monate­lang jeden Tag herge­kommen war, um seine Frau zu besuchen.

Pflege rund um die Uhr

Gesetzliche Pflege­versicherung Test

Michalkes Ehefrau lebt schon länger hier, die 81-Jährige ist an Demenz erkrankt. Beide fühlen sich wohl und werden rund um die Uhr versorgt. Das kostet viel Geld.

Rund 2 500 Euro im Monat beträgt die Rechnung schon für Franz Michalke allein. Knapp 1 500 Euro davon bezahlt der 86-Jährige aus eigener Tasche. Die Pflegekasse über­nimmt 1 023 Euro, weil Michalke in Pfle­gestufe I einge­stuft ist.

Der Rentner hat Anspruch auf die Leistung der Kasse, weil er dauer­haft auf Hilfe angewiesen ist. Je mehr Hilfe ein Mensch benötigt, desto höher ist die Pfle­gestufe, die er bekommt, und desto höher sind die Leistungen aus der Pflege­versicherung.

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So sieht die Monats­rechnung von Franz Michalke aus.

Ein Heim­platz kostet jeden Monat zwischen 1 622 Euro in Sachsen-Anhalt in Pfle­gestufe I und 3 263 Euro in Nord­rhein-West­falen in Stufe III. Das zeigen die Zahlen des Barmer GEK Pflegereports 2012. Die Kosten sind abhängig von der Pfle­gestufe, der Einrichtung und dem Bundes­land.

Der größte Teil der Kosten entfällt auf die Pflege, ein kleinerer auf die Hotel­kosten, die zwischen 487 Euro und 835 Euro liegen. Hotel­kosten heißen die Ausgaben für eine Voll­verpflegung mit fünf Mahl­zeiten am Tag und die Kosten der Unterkunft. Die Zimmer- und Wäsche­reinigung gehören genauso dazu wie der Hausmeister, der zum Wechseln der Glühbirne kommt. Zusätzlich fallen noch Investitions­kosten an, zum Beispiel für die Instandhaltung des Gebäudes und die Qualitäts­kontrolle.

Der Heim­platz der Ehefrau ist teurer, weil sie mehr Pflege braucht. Sie ist in Pfle­gestufe III einge­stuft und bekommt 1 550 Euro von der Kasse. Fast 2 000 Euro muss sie selbst bezahlen.

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Ein Beispiel in Pfle­gestufe II

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Ilse Toppler (Name von der Redak­tion geändert) braucht nach einem Schlag­anfall zu Hause viel Hilfe. Da sie inkontinent ist, hat die Körper­pflege einen hohen Anteil. Die Rechnung zeigt, was ihr Pflege­dienst für Februar abge­rechnet hat. Das Geld von der Kasse deckt nicht einmal die Hälfte.

Pflege in den eigenen vier Wänden

Ilse Toppler will anders leben als die Eheleute Michalke. Sie will nicht ins Heim. Vor zwei Monaten hat sie in einer Pflege­wohn­gemeinschaft probegewohnt. Rund um die Uhr kümmerten sich Pfle­gekräfte um sie und die anderen Bewohner. Das Fazit der 88-Jährigen am Ende: „Zuhause bleibt doch zuhause.“ Nun kommt ein Pflege­dienst dreimal am Tag zu ihr nach Hause und ihr Neffe schaut ab und zu, wie es ihr geht. Den Rest der Zeit ist sie allein und ruht sich aus.

Die Rentnerin hat Pfle­gestufe II und bekommt 1 100 Euro von der Pflegekasse als Sach­leistungen. So heißt es, wenn ein Pflege­dienst kommt und mit der Kasse abrechnet. Rund 1 150 Euro muss die gelernte Masseurin noch extra an den Dienst zahlen.

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Wie ein Pfle­geheim rechnet auch der Pflege­dienst Investitions­kosten ab. Er bezahlt damit zum Beispiel seinen Fuhr­park.

Vom Antrag zur Leistung

Ob Pflege zu Hause oder im Heim – damit die Pflegekasse einen Teil der Kosten über­nimmt, müssen Menschen wie Ilse Toppler und die Eheleute Michalke Leistungen beantragen. Sie wenden sich mit einem formlosen Schreiben an ihre Krankenkasse, bei der auch die Pflegekasse angesiedelt ist.

Ist schon ein Pflege­dienst engagiert, veranlasst dieser meist die Einstufung, wenn der Hilfebedarf größer wird.

Die Kasse schickt ein Formular, das der Versicherte ausfüllt. Anschließend kommt ein Gutachter des Medizi­nischen Dienstes der Kranken­versicherung (MDK) ins Haus und stellt fest, ob und wie viel Pflege nötig ist. Zu privat Versicherten kommen Mitarbeiter der Firma Medicproof.

Die Einstufung richtet sich danach, wie viel Hilfe bei welchen Tätig­keiten erforderlich ist. Um Pfle­gestufe I zu erhalten, muss ein Mensch bei mindestens zwei Tätig­keiten der folgenden drei Bereiche der Grund­pflege Hilfe benötigen:

  • Körper­pflege, dazu zählen Waschen, Duschen, Baden, Zahn­pflege, Kämmen, Rasieren sowie Darm- oder Blasen­entleerung,
  • Ernährung, dazu gehört die mund­gerechte Zubereitung und die Nahrungs­aufnahme,
  • Mobilität, sei es das Aufstehen und Zubett­gehen, das An- und Auskleiden, das Gehen, Stehen oder Treppen­steigen.

Der Bedarf an Grund­pflege allein genügt aber nicht. Der Antrag­steller muss auch Hilfe bei der haus­wirt­schaftlichen Versorgung benötigen, sonst bekommt er keine Pfle­gestufe. Zu dieser Versorgung zählen das Einkaufen, das Reinigen der Wohnung und das Waschen der Wäsche.

Der Gutachter des MDK schaut sich an, wie viel Hilfe ein Mensch braucht. Er prüft das beispiels­weise mit Körper­übungen, um zu sehen wie beweglich jemand ist, und stellt Fragen zum Tages­ablauf. Auch Angehörige können dem Gutachter schildern, was nicht mehr klappt.

Oft wollen Menschen, die Pflege brauchen, ihre Schwächen nicht zugeben und über­spielen diese, wenn der Gutachter sie befragt. Sie setzen damit manchmal ihre Einstufung aufs Spiel und bekommen dann kein Geld von der Kasse.

Jede Minute zählt

Der Gutachter schätzt den Pflegebedarf in Minuten. Für jede Tätig­keit setzt er eine Zeit an, fürs Zähneputzen zum Beispiel fünf Minuten. Zusammenge­rechnet ergibt sich der Zeitbedarf: Sind täglich mindestens andert­halb Stunden für die Pflege nötig, empfiehlt der Gutachter Pfle­gestufe I, bei mindestens drei Stunden Stufe II und bis mindestens fünf Stunden Stufe III.

Der Medizi­nische Dienst schickt das Gutachten und seine Empfehlung an die Pflegekasse. Die Kasse entscheidet und schickt den Bescheid an den Antrag­steller. Das muss binnen fünf Wochen nach Eingang des Antrags geschehen sein.

Nachdem der Pflegebedürftige den Bescheid über seine Pfle­gestufe erhalten hat, kann der Pflege­dienst die monatlichen Kosten für die Pflege zu Hause direkt mit der Pflegekasse abrechnen:

  • Pfle­gestufe I: bis 450 Euro
  • Pfle­gestufe II: bis 1 100 Euro
  • Pfle­gestufe III: bis 1 550 Euro

Die Abrechnung am Monats­ende

Ilse Toppler braucht mehr Hilfe, als die Pflegekasse in Stufe II bezahlt (siehe Rechnung). Da die 88-Jährige an Inkontinenz leidet, ist der Anteil für die Körper­pflege besonders groß. Neben der „kleinen Körper­pflege“ mit Teil­waschung, Zahn­pflege und Kämmen, ist abends täglich die „große Körper­pflege“ nötig. Dann hilft der Pflege­dienst ihr zum Beispiel beim Duschen.

Für sein Erscheinen kann der Pflege­dienst neben den anderen Leistungen eine Einsatz­pauschale abrechnen. Ihre Höhe hängt von der Uhrzeit und vom Wochentag ab. Am Wochen­ende ist sie höher.

Im Pfle­geheim von Franz Michalke wird anders abge­rechnet. Hier wird nicht nach Minuten gepflegt, sondern er bekommt die Pflege, wie er sie braucht. An einem Tag kann er sich gut alleine anziehen und an einem anderen braucht er mehr Hilfe. Wichtig ist das Erhalten der Selbst­ständig­keit.

Die Lücke schließen

Unsere Beispiele zeigen: Pflegebedürftige müssen einen Groß­teil selbst bezahlen. Das gilt für die Pflege zu Hause wie für die Versorgung im Pfle­geheim. Um zu sparen, verzichtet manch einer auf professionelle Pflege und Angehörige über­nehmen die Pflege. Dann steht ihnen Pflegegeld zu:

  • Pfle­gestufe I: 235 Euro
  • Pfle­gestufe II: 440 Euro
  • Pfle­gestufe III: 700 Euro

Die Leistungen der gesetzlichen Pflege­versicherung decken die Pflege­kosten nicht. Ist die Rente gering und gibt es keine Erspar­nisse, springt das Sozial­amt ein. Die Behörde versucht dann, sich von den Kindern Geld zurückzuholen.

Jeder kann auch selbst mit einer Pflegezusatzversicherung vorsorgen. Dann bekommt er im Pflegefall zusätzlich Geld aus seiner privaten Versicherung .

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