Gesetzliche Pflegeversicherung Test

Die Pflegeversicherung hilft bereits rund zwei Millionen Menschen. Doch ihre Leistungen halten mit den Kosten nicht Schritt.

Fast jeder zweite Mensch in Deutschland wird irgendwann in seinem Leben pflegebedürftig – spätestens kurz vor dem Tod. Das zeigt, wie notwendig es war, diesen Zweig der gesetzlichen Sozialversicherung seit 1995 aufzubauen. Auch privat Krankenversicherte sind gesetzlich für den Pflegefall abgesichert: Die private Pflegepflichtversicherung funktioniert nach den gleichen Regeln.

Menschen erhalten Leistungen, wenn sie dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind, um ihren Alltag zu bewältigen. Je mehr Hilfe jemand benötigt, desto höher die Pflegestufe, die ihm zugeteilt wird und desto höher die Leistungen aus der Pflegeversicherung (siehe „Pflegestufen“).

Ziel: Satt und sauber

Dabei geht es um die materiellen Grundbedürfnisse der Menschen. Der Gesetzgeber hat definiert, bei welchen alltäglichen Verrichtungen jemand Hilfe benötigen muss, damit er als pflegebedürftig anerkannt wird:

  • Körperpflege. Waschen, Duschen, Baden, Zahnpflege, Kämmen, Rasieren, Darm- und Blasenentleerung.
  • Ernährung. Aufnahme der Nahrung, mundgerechte Zubereitung der Nahrung.
  • Mobilität. Aufstehen, Zubettgehen, An-und Ausziehen, Gehen, Stehen, Treppensteigen, Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung.
  • Hauswirtschaftliche Versorgung. Einkaufen, Kochen, Putzen, Spülen, Wechseln und Waschen der Wäsche und Kleidung, Beheizen der Wohnung.

Menschliche Bedürfnisse, die über diese elementaren Notwendigkeiten hinausgehen, zum Beispiel Zeit für Gespräche und Beziehungspflege statt bloßer Körperpflege oder Teilhabe am sozialen Leben, kommen nicht vor. Kritiker bezeichnen diese Definition deshalb als „Satt-und-sauber-Pflege“. Braucht jemand Unterstützung bei Dingen, die nicht in dieser engen Definition enthalten sind, hilft ihm die Pflegeversicherung nicht. Eine Ausnahme gibt es nur für Demenzkranke, die besondere Betreuung brauchen (siehe „Demenzkranke“).

Vom Antrag zur Leistung

Meist sind es Angehörige oder Freunde, denen zuerst auffällt, dass jemand nicht mehr alleine klarkommt, sei es aus körperlichen Gründen oder infolge einer psychischen oder demenziellen Erkrankung.

Die Pflegestufe beantragen muss jedoch der Versicherte selbst: Als gesetzlich Krankenversicherter wendet er sich an seine Krankenkasse, bei der auch die Pflegekasse angesiedelt ist. Ein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) kommt dann ins Haus, um festzustellen, ob und in welchem Umfang jemand pflegebedürftig ist. Für Privatversicherte ist ihr privates Versicherungsunternehmen zuständig, hier stellt ein Gutachter der Firma Medicproof die Pflegebedürftigkeit fest.

Mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen kommen zunächst in Pflegestufe I. Um die zu erreichen, muss es jemandem schon sehr schlecht gehen: Jeden Tag muss er mindestens bei zwei der oben genannten Verrichtungen Hilfe benötigen, zudem muss regelmäßig Hilfe im Haushalt nötig sein – insgesamt mindestens 90 Minuten am Tag.

Organisiert sich jemand diese Unterstützung mit nichtprofessionellen Helfern, erhält er das Pflegegeld. In Pflegestufe I sind das 215 Euro im Monat. Freunde und Angehörige freuen sich vielleicht, wenn sie zumindest eine symbolische Anerkennung erhalten. Muss jedoch jemand für die Pflege seinen Beruf aufgeben, sind 215 Euro im Monat kein Ausgleich.

Kommt ein professioneller Pflegedienst ins Haus, zahlt die Pflegeversicherung für dessen Einsätze in Stufe I bis zu 420 Euro im Monat. Das reicht noch nicht einmal, um den Mindestumfang an Hilfe zu bezahlen, der für die Eingruppierung in Pflegestufe I erforderlich ist.

Jeden Monat zuzahlen

Wenn sich jemand durch einen ambulanten Pflegedienst zuhause versorgen lässt, kommen oft höhere Kosten zusammen als bei einer Unterbringung in einem Pflegeheim. Je nach Umfang der Hilfe, die jemand in Stufe I benötigt, müssen Pflegebedürftige bis über 1 000 Euro pro Monat aus eigener Tasche zuzahlen. Leidet jemand zum Beispiel an Inkontinenz, können auch in Pflegestufe I schon drei tägliche Einsätze des Pflegedienstes notwendig werden.

In Pflegestufe II müssen Patienten, die umfangreiche Betreuung brauchen – zum Beispiel drei Mal täglich gefüttert werden müssen – bis zu 2 000 Euro im Monat selbst zahlen. In Pflegestufe III kann dieser Anteil im Extremfall über 3 000 Euro betragen.

Fast niemand hat eine so hohe Rente, dass er diese Kosten problemlos tragen könnte – zusätzlich zu Miete, Heizkosten, Essen und allen anderen laufenden Kosten. Ist auch das Vermögen aufgezehrt, muss das Sozialamt mit „Hilfe zur Pflege“ einspringen. Dieses Geld können die Behörden jedoch von Ehepartnern oder Kindern zurückfordern.

Sie berücksichtigen zwar Freibeträge, damit niemand durch die Pflegekosten seiner Angehörigen selbst zum Sozialfall wird. Vom Nettoeinkommen darf ein Alleinstehender rund 1 400 Euro im Monat behalten und Ehepaare 2 450 Euro. Familien mit Kindern haben höhere Freigrenzen.

Die Sozialämter können außerdem verlangen, dass Vermögen flüssiggemacht wird, um die Pflege der Eltern zu bezahlen. Als unantastbares Schonvermögen gelten lediglich selbstgenutztes Wohneigentum, ein Auto pro Haushalt sowie Geldanlagen, die ausdrücklich der Altersvorsorge dienen. Die Grenzen sind eng, und die Sozialämter prüfen jeden Einzelfall.

Wer seinen Angehörigen ersparen will, dass sie in dieser Weise ihre finanziellen Verhältnisse durchleuchten lassen müssen, für den kann eine private Pflegetagegeldversicherung sinnvoll sein. Wir haben solche Angebote untersucht und bewertet, welche Leistungen sie für die Pflege in den einzelnen Pflegestufen – zuhause oder im Heim – erbringen (siehe Pflegetagegeld).

Um zu beurteilen, wie weit eine private Zusatzversicherung den Betroffenen helfen kann, sind wir von folgenden monatlichen Zusatzkosten in der häuslichen Pflege ausgegangen.

Pflege zuhause: Zusatzkosten im Monat

Pflegestufe I 500 Euro
Pflegestufe II 1 200 Euro
Pflegestufe III 2 200 Euro

Muss jemand ins Pflegeheim, zahlt die gesetzliche Pflegeversicherung etwas mehr. Doch auch hier reichen die Leistungen bei weitem nicht aus, um die tatsächlichen Kosten zu decken. Wir haben verschiedene Statistiken ausgewertet und gehen davon aus, dass Heimbewohner heute schon so viel im Monat zuzahlen müssen:

Pflege im Heim: Zusatzkosten im Monat

Pflegestufe I 700 Euro
Pflegestufe II 900 Euro
Pflegestufe III 1 200 Euro

Zusätzlich zu den reinen Pflegekosten ist hierin schon ein großer Posten enthalten, der für viele überraschend ist: Heimbewohner zahlen für Investitionskosten für Anschaffung und Instandhaltung des Gebäudes durchschnittlich 400 Euro im Monat.

Hinzu kommen monatliche Kosten für Unterkunft und Verpflegung in Höhe von etwa 600 bis 900 Euro.

Frauen brauchen mehr Geld für Pflege

Niemand weiß im Voraus, ob er einmal pflegebedürftig wird und wie lange er dann auf Hilfe angewiesen sein wird. Das ist aber ganz entscheidend für die Frage, in welchem Umfang finanziell vorgesorgt werden muss. Statistische Daten über die heute pflegebedürftigen Menschen sind hilfreich, um zumindest ungefähr einschätzen zu können, welche Kosten über welchen Zeitraum auf einen zukommen können.

Der Bremer Wissenschaftler Professor Heinz Rothgang hat für den Pflegereport der Gmünder Ersatzkasse die „Pflegegeschichte“ von rund 18 000 Menschen über sieben Jahre ausgewertet.

Männer sind im Schnitt 75,3 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal in eine Pflegestufe eingestuft werden, Frauen dagegen schon 78,5 Jahre.

  • 56 Prozent der Männer und 68 Prozent der Frauen kommen in Pflegestufe I.
  • 34 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen kommen in Pflegestufe II.
  • 10 Prozent der Männer und 6 Prozent der Frauen kommen in Pflegestufe III.

Obwohl die Frauen schon älter sind, wenn sie pflegebedürftig werden, leben sie länger. Ein Jahr später sind bereits 30 Prozent der Männer verstorben, jedoch nur 18 Prozent der Frauen. Nach sieben Jahren leben nur noch 14 Prozent der Männer, jedoch immer noch 25 Prozent der Frauen.

Insgesamt bleiben die meisten Pflegebedürftigen lange in der Pflegestufe I und werden zuhause versorgt. Nur rund 16 Prozent von allen kommen direkt in ein Pflegeheim, etliche geben die eigene Wohnung erst auf, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wer den Übergang ins Heim gut verkraftet, kann dort aber auch noch mehrere Jahre leben. In der GEK-Studie zeigte sich beispielsweise, dass von den Pflegebedürftigen in Pflegestufe II im Heim die Frauen im Durchschnitt noch gute drei Jahre leben, die Männer zweieinhalb.

Frauen haben ein wesentlich höheres Risiko, viele Jahre als Pflegebedürftige zu verbringen. Wollen sie gut versorgt in den eigenen vier Wänden leben, solange das möglich ist, brauchen sie dafür oft mehr Geld, als die Unterbringung in einem Pflegeheim kosten würde. Aber auch die meisten Männer haben kein so großes Vermögen, dass sie sich über viele Jahre eine aufwändige Pflege leisten könnten.

Daher ist es wichtig, neben der „normalen“ Altersvorsorge soweit möglich finanziell für den Pflegefall vorzusorgen. Eine Möglichkeit dazu ist die private Pflegetagegeldversicherung, deren Angebote wir erstmals mit Qualitätsurteilen bewertet haben. 

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