Gesetzlich Krankenversicherte sollen möglichst preiswerte Medikamente einnehmen. Viele müssen deshalb häufiger das Produkt wechseln. Dafür sparen sie oft die Zuzahlung.

„Zahlt die Kasse jetzt meine Arznei nicht mehr?“, fragten in den letzten Monaten viele Patienten in Selbsthilfeforen im Internet. Vor allem Menschen, die dauerhaft Medikamente einnehmen müssen, beispielsweise gegen Bluthochdruck oder Asthma, bekamen in der Apotheke häufig nicht mehr ihr gewohntes Mittel.

Die gute Nachricht zuerst: Die Krankenkassen bezahlen weiterhin in der Regel alle verschreibungspflichtigen Medikamente, sofern der Arzt sie verordnet und sie medizinisch notwendig sind.

Die schlechte Nachricht: Das Gesetz schreibt Wirtschaftlichkeit vor. Versicherte sollen bei Mitteln mit identischem Wirkstoff das preisgünstigste nehmen. Das kann für Patienten stressig werden.

Hersteller und Pharmagroßhandel ändern alle 14 Tage ihre Preise, zudem haben viele Kassen spezielle Rabattverträge mit Pharmafirmen. Das hat zur Folge, dass auch Patienten, die bereits vom teuren Original auf billigere Produkte umgestiegen sind, nun wieder wechseln müssen.

Hersteller senken die Preise

Die großen Preisunterschiede bei Arzneimitteln mit demselben Wirkstoff hängen oft mit dem Patentrecht zusammen. Entwickelt ein Pharmahersteller einen neuen Wirkstoff, lässt er ihn unter Patentschutz stellen. Einen patentgeschützten Wirkstoff darf kein anderer Hersteller produzieren und vermarkten. Dank dieser Monopolstellung kann der Hersteller des Mittels hohe Preise verlangen.

Ist das Patent abgelaufen, dürfen auch andere Firmen den Wirkstoff produzieren. Die Nachahmerprodukte heißen Generika. Sie wirken gleich, kosten aber weniger.

Patienten mit erhöhten Blutfettwerten (Cholesterin) bekommen beispielsweise oft Tabletten mit dem Wirkstoff Simvastatin verschrieben. Eine 30er-Packung des Originalprodukts Zocor mit 20 Milligramm Wirkstoff je Tablette kostet 22,66 Euro (Preisliste vom 15. Oktober). Dafür müssen gesetzlich Versicherte 5 Euro zuzahlen.

Schreibt der Arzt nur den Wirkstoff, die Packungsgröße und die Dosierung auf das Rezept oder lässt zu, dass die Apotheke das Original gegen ein wirkstoffgleiches Mittel austauscht, muss der Apotheker dem Kunden eines der drei günstigsten vorrätigen Mittel geben.

Diese Regel heißt „aut idem“, lateinisch, „oder das Gleiche“, und gilt schon seit 2002. Aber erst seit kurzem haben Versicherte gute Chancen, solche Mittel zuzahlungsfrei zu erhalten.

Da es auch unter den Generika teurere und billigere gibt, hat der Gesetzgeber für nicht patentgeschützte Wirkstoffe Festbeträge festgelegt. Das sind Preisobergrenzen, bis zu denen die gesetzlichen Kassen die Kosten für ein Mittel übernehmen. Zuzahlungsfrei für Patienten sind Präparate, deren Preis mindestens 30 Prozent unter dem Festbetrag liegt.

Für unsere Beispielpackung mit dem Wirkstoff Simvastatin gibt es 31 zuzahlungsfreie Angebote verschiedener Hersteller, das günstigste für 14,40 Euro.

Diese gesetzliche Neuregelung gilt seit gut einem Jahr und hat dazu geführt, dass viele Generika billiger geworden sind. 12 245 Produkte waren am 15. Oktober schon ohne Zuzahlung zu haben.

Rezeptpflichtige Mittel

Rezeptpflichtige Medikamente bezahlt die Kasse, wenn ein Arzt sie verordnet. Erwachsene müssen oft zuzahlen, Kinder und Jugendliche nie.

Die Zuzahlung beträgt 10 Prozent der Kosten, jedoch mindestens 5 Euro und höchstens 10 Euro pro Packung. Hier können Versicherte dank der neuen Gesetze einiges sparen. Einen Überblick, wie Versicherte ihre Zuzahlungen reduzieren können, finden Sie in „Weniger zuzahlen“.

Vor finanzieller Überforderung schützen soll die Zuzahlungsobergrenze. Sie beträgt 2 Prozent des jährlichen Haushaltsbruttoeinkommens. Von diesem Einkommen können Versicherte Freibeträge für Kinder und Ehepartner abziehen. Chronisch Kranke müssen höchstens 1 Prozent Zuzahlungen leisten.

Ein Ehepaar mit einem Kind oder eine alleinerziehende Person mit zwei Kindern mit einem Jahresbruttoeinkommen von 30 000 Euro rechnet so:

Belastungsgrenze für gesetzliche Zuzahlung
Jahresbruttoeinkommen: 30 000 Euro
Minus Abschlag Ehepartner/-in (bei Alleinerz. Abschlag 1. Kind): -4 410 Euro
Minus Abschlag Kind (bei Alleinerziehenden 2. Kind): -3 648 Euro
Maßgebliches Einkommen: 21 942 Euro
Belastungsgrenze 2 Prozent: 438,84 Euro

Hat die Familie diesen Betrag erreicht, braucht sie für den Rest des Jahres nichts mehr zuzuzahlen.

Ganz oder teilweise zuzahlungsfrei können seit dem 1. April verschreibungspflichtige Medikamente sein, mit deren Hersteller die Kasse einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Apotheker sind dann verpflichtet, ein rabattiertes Präparat zu geben, selbst wenn es noch günstigere gibt.

Ob ein Patient eine Rabatt-Arznei erhält, hängt von seiner Kasse ab. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) hatten 2007 mit elf Herstellern Rabattverträge über insgesamt 43 häufig verordnete Wirkstoffe abgeschlossen. Versicherte haben dadurch nach Angaben des AOK-Bundesverbands von April bis Juni etwa 4 Millionen Euro an Zuzahlungen gespart.

Ganz reibungslos lief dies aber nicht. Da die AOK vor allem Verträge mit kleineren Anbietern hat, kam es gelegentlich zu Lieferengpässen. Trotzdem musste kein Patient auf seine Arznei verzichten. Ist ein Rabatt-Medikament nicht lieferbar, muss die Apotheke ihm ein anderes günstiges Präparat geben.

Andere Kassen wie die Techniker Krankenkasse oder die DAK haben mit großen Generikaherstellern wie ratiopharm oder Hexal Rabatte für deren gesamtes verordnungsfähiges Sortiment vereinbart.

Umstellungsprobleme

Solche Neuerungen sind verwirrend für die Patienten. Ärzte und Apotheker müssen viel erklären. Dennoch meint Michael Bartscherer, Internist aus Siegen: „Es hat kein großes Chaos gegeben, weil wir Ärzte schon seit Jahren Generika verordnen. Oft sind es aber Kleinigkeiten, die den Patienten das Leben schwermachen.“

Viele müssen zum Beispiel halbe Tabletten einnehmen. Manche Pillen lassen sich trotz Bruchrille aber auch mit größter Kraftanstrengung nicht zerteilen.

Probleme mit einem Mittel gebe es in etwa 10 Prozent der Fälle, berichtet Bartscherer. Eine häufige Unverträglichkeit ist die Laktoseintoleranz. Etwa 10 bis 15 Prozent der Westeuropäer vertragen Milchzucker nicht, der bei vielen Tabletten als Trägersubstanz für den Wirkstoff dient. Allergien gibt es auch gegen Farb- oder Konservierungsstoffe.

In so einem Fall bleibt der Patient natürlich bei der Tablette, die er verträgt. Auch ältere Menschen, die täglich mehrere Arzneimittel einnehmen und die wechselnde Formen und Farben ihrer Tabletten verwirren würden, können bei ihren Mitteln bleiben – in der Regel sind das ohnehin schon preisgünstige Generika.

Dann schreibt der Arzt nicht den Wirkstoff, sondern den Produktnamen auf das Rezept und kreuzt das Feld „aut idem“ an. Das bedeutet, dass der Apotheker das angegebene Produkt nicht gegen ein wirkstoffgleiches austauschen darf.

Würde ein Arzt aber systematisch teure Präparate verordnen und den Austausch gegen wirkstoffgleiche durch das „aut idem“-Kreuz verhindern, bekäme er schnell Ärger wegen unwirtschaftlicher Verordnungsweise. Schlimmstenfalls müsste er sogar Geld an die Krankenkassen zurückzahlen.

Nicht verschreibungspflichtig

Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel sind seit der Gesundheitsreform von 2004 für Jugendliche und Erwachsene von der Erstattung durch die Kassen ausgeschlossen. Nur Kindern bis zum zwölften Geburtstag darf der Arzt solche Mittel noch auf Kassenrezept verschreiben. Erwachsenen bezahlt die Kasse rezeptfreie Mittel nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel, wenn sie bei einer schweren Erkrankung zur Standardtherapie gehören.

Alle anderen erhalten eine grün gedruckte ärztliche Empfehlung anstelle des roten Kassenrezepts und sie müssen das Mittel aus eigener Tasche zahlen. Diese Ausgaben können sie nicht zu den gesetzlichen Zuzahlungen rechnen.

Aber sie können auch hier sparen. Es gibt nämlich keine Preisbindung mehr. Das heißt, die Apotheken können diese Mittel günstiger abgeben oder ihren Stammkunden über eine Kundenkarte Rabatte gewähren.

Nur aus der Apotheke

Damit die Kasse ein Medikament überhaupt bezahlen darf, müssen Patienten es aus einer zugelassenen Apotheke beziehen. Das kann auch eine Versandapotheke sein, bei der Patienten übers Internet bestellen.

Sparen können sie hier vor allem bei rezeptfreien Mitteln. Sie sind bis zu einem Drittel billiger als in normalen Apotheken.

Für verschreibungspflichtige Mittel kann der Kunde bestenfalls einen Nachlass bei der Zuzahlung bekommen. Er muss das Rezept mit der Post einschicken und erhält das Medikament ebenfalls per Post. So dauert es mehrere Tage, bis der Kunde sein Mittel erhält. Bei akuten Erkrankungen ist dieser Weg also ungeeignet.

Besonders teure Mittel

Besteht ein Arzt oder ein Patient auf einem bestimmten, besonders teuren Arzneimittel, kann dies den Patienten hart treffen. Kostet ein Medikament mehr als der Betrag, den die Kasse höchstens übernimmt, muss er die Differenz selbst bezahlen.

Für Kinder und Jugendliche gibt es keine Ausnahmen. In Zukunft können die Spitzenverbände der Krankenkassen auch für patentgeschützte Mittel einen Höchstbetrag für die Kassenerstattung festlegen.

Höchstbeträge sollen sich nach einer Kosten-Nutzen-Bewertung des staatlichen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen richten. Seit Anfang 2007 beurteilt das Institut, ob der Preis eines neuen Medikaments in einem angemessenen Verhältnis zu dem zusätzlichen Nutzen steht, den es für den Patienten bringt. Anhand wissenschaftlicher Studien wird zum Beispiel geprüft, ob ein neues Mittel besser wirkt oder weniger Nebenwirkungen hat als die bereits zur Verfügung stehenden Medikamente.

Denn oft lassen Pharmaunternehmen einen neuen Wirkstoff patentieren, der chemisch kaum von bereits bekannten abweicht. Mit solchen Analogpräparaten versuchen sie, die Festbeträge zu umgehen.

Ob Fest- oder Höchstbetrag: Bislang ging der Machtkampf zwischen Gesetzgeber und Pharmaherstellern häufig zugunsten des Patienten aus. Früher oder später senkten die Anbieter die Preise auf das Niveau der gesetzlichen Obergrenzen.

In der Übergangszeit mussten die Patienten allerdings draufzahlen, wenn sie das teurere Mittel wollten. Diese Kosten können sie nicht als Zuzahlung geltend machen.

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