Gesetzliche Krankenversicherung Meldung

Zukünftig entscheidet der Apotheker, welches Medikament der Patient bekommt. Der Arzt verschreibt auf dem Rezept lediglich einen bestimmten Wirkstoff.

Die Bundesregierung versucht, die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen in den Griff zu kriegen. Vor Billigmedizin brauchen sich Versicherte trotzdem nicht zu fürchten.

"Egal was Sie für Erfahrungen gemacht haben und was Ihr Arzt für gut für Sie hält: Der Apotheker darf nur die billigste Medizin abgeben." Mit einer Anzeigenkampagne in Tageszeitungen versucht der Ärzteverband Hartmannbund, gesetzlich Krankenversicherte gegen die Politik von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt aufzubringen. Auch die Verbände der Arzneimittelhersteller laufen Sturm und produzieren Schlagzeilen wie "Heilloses Chaos", "Gefahr für Patienten", "Arzneimittelskandale programmiert".

Was ist passiert? Den Kassen laufen die Arzneimittelausgaben davon. Bei den Ersatzkassen, zu denen die Barmer, die Techniker Krankenkasse und die DAK gehören, schnellten beispielsweise die Arzneiausgaben in den ersten neun Monaten des Jahres 2001 um 14,5 Prozent in die Höhe.

Deshalb hat die rot-grüne Bundesregierung ein Sparpaket auf den Weg gebracht. Das so genannte Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz (AABG) tritt voraussichtlich zum 1. April 2002 in Kraft. Mit seiner Hilfe sollen die Ausgaben für Medikamente um mindestens eine Milliarde Euro im Jahr reduziert werden.

Wirkungsgleich, aber günstiger

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Kassenpatienten müssen trotzdem nicht fürchten, dass sie nun schlechtere oder weniger Medikamente bekommen. Die wichtigste und am meisten diskutierte Neuheit ist die so genannte Aut-idem-Regelung. Sie besagt, dass der Arzt künftig statt eines Medikamentennamens den Wirkstoff aufs Rezept schreibt und der Apotheker unter den wirkungs- und wirkstoffgleichen Medikamenten ein kostengünstiges Arzneimittel aussucht. Das war schon immer möglich, soll aber nun nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein.

Patienten, die beispielsweise an der Volkskrankheit Rheuma leiden, bekommen künftig also kein Rezept mehr über das häufig verordnete Mittel Voltaren. Stattdessen steht auf ihrem Rezept der Wirkstoff Diclofenac. Der Apotheker kann dann unter den fünf preisgünstigsten Medikamenten wählen und wird eines finden, das nur etwa ein Drittel dessen kostet, was für das Originalpräparat Voltaren bezahlt werden müsste.

Außerdem müssen die Krankenhäuser in den Entlassungsberichten künftig den Wirkstoff des Arzneimittels angeben, das der Patient weiter einnehmen muss. Und sie müssen preisgünstige Alternativmedikamente für die ambulante Therapie vorschlagen.

Die Gegner des Aut-idem-Prinzips warnen davor, dass Patienten verwirrt oder sogar gefährdet werden könnten, wenn sie nicht mehr "ihr" gewohntes Arzneimittel, sondern immer wieder andere Tabletten bekommen. Doch der Gefahr von Dosierungsfehlern beugt der Arzt vor: Er verschreibt nicht nur den Wirkstoff, sondern auch die Wirkstärke, die Packungsgröße und die Darreichungsform. Dass jemand plötzlich Pillen statt Tropfen nehmen muss, kann also nicht passieren. Verordnet der Arzt gleich ein Medikament aus dem unteren Preisdrittel, darf der Apotheker es ebenfalls nicht durch ein anderes ersetzen.

Bei geistig verwirrten oder alten Patienten, die überfordert wären, wenn sie gegen die gleiche Erkrankung einmal gelbe, einmal rote und einmal blaue Tabletten nehmen müssten, kann der Arzt weiterhin die gewohnten Präparate verschreiben. Das Gleiche gilt für Patienten, die auf bestimmte Farb- oder andere Hilfsstoffe in Medikamenten allergisch reagieren.

Neue Regel im Ausland bewährt

Aut-idem-Verschreibungen werden in anderen Ländern, etwa in den Niederlanden, den USA und in Großbritannien, bereits erfolgreich praktiziert. Bislang ist nicht bekannt, dass das Verfahren den Patienten geschadet hätte. Auch in Deutschland sind Apotheker für die Aufgabe, ein wirkstoffgleiches Arzneimittel auszuwählen, bestens qualifiziert. Bei Ärzten dagegen bestünden "erhebliche Defizite in der pharmakologischen Aus-, Fort- und Weiterbildung", kritisiert Winfried Beck, Vorsitzender des Verbandes Demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Die Drohung ärztlicher Standesorganisationen, Patienten würden durch Aut idem gefährdet, sei "fahrlässig, verantwortungslos und deshalb unärztlich", sagt Beck.

Nicht am Patienten gespart

Patienten können beruhigt sein. Das Einsparziel von einer Milliarde Euro bedeutet nicht, dass ihnen Medikamente in diesem Gegenwert "weggenommen" werden. Mit Aut-idem-Verordnungen sollen die Krankenkassen nur um etwa 230 Millionen Euro im Jahr entlastet werden. Der Rest der Einsparsumme soll von den Pharmaherstellern und den Apotheken kommen.

Die Apotheken müssen einen größeren Anteil der Vergünstigungen, die sie vom Pharmagroßhandel bekommen, an die Krankenkasse weitergeben. Statt bisher 5 Prozent müssen die Apotheken den Krankenkassen nun 6 Prozent Rabatt auf den "Ladenpreis" für Arzneimittel geben. Durch die Erhöhung des Apothekenrabatts sollen die Kassen rund 205 Millionen Euro im Jahr weniger ausgeben. Nach Expertenschätzungen erhalten die Apotheken jährlich Preisnachlässe in der Größenordnung von einer Milliarde Euro.

Auch die Pharmaindustrie wird zur Kasse gebeten. Zunächst war eine gesetzlich angeordnete Preissenkung für solche Medikamente geplant, für die keine Festbeträge gelten. Dagegen intervenierten die Verbände der Pharmahersteller erfolgreich. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller zahlt nun einmalig 205 Millionen Euro an die Krankenkassen.

Zusätzlich zieht die Bundesregierung die Preisschraube bei denjenigen Arzneimitteln an, für die Festbeträge gelten. Zum 1. Januar traten neue Festbeträge in Kraft, die jährlich etwa 280 Millionen Euro einsparen sollen. Festbeträge sind gesetzliche Höchstpreise für bestimmte Gruppen von Arzneimitteln, die der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen zusammenstellt.

Bringt nicht viel

Was erwartet Patienten, wenn sie jetzt ein Rezept vom Arzt brauchen? Außer "Wirkstoff statt Markenname" ändert sich für sie nichts.

Für die finanziell angeschlagenen Krankenkassen ändert sich allerdings auch nicht sehr viel. Denn das Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz ist kein Allheilmittel, um die vorhandenen Lücken bei den Krankenkassen zu stopfen. Der Einsparbetrag von ­ bestenfalls ­ einer Milliarde Euro ist bei jährlichen Gesamtausgaben der Kassen von mehr als 133 Milliarden und einem Defizit von über zwei Milliarden Euro für das Jahr 2001 nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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