Gesetzliche Krankenversicherung: Sprudelbad und Power-Ei

Die Beitragssätze gleichen sich immer mehr an. Darum ­versuchen die Kassen jetzt auch mit neuen Bonus­programmen und Spezialtarifen zu überzeugen.

„Zuerst war ich begeistert, dass meine Krankenkasse jetzt Bonuspunkte für Raucherentwöhnungskurse anbietet“, sagt Sylvia Dittrich aus Berlin. „Als ich mich dann aber anmelden wollte, war kein Platz mehr frei und viele der anderen Gesundheitskurse kommen für mich nicht infrage. Ich mache sowieso regelmäßig Sport, weshalb sollte ich dann noch an einem Herz-Kreislauf-Training teilnehmen?“

Die 46-jährige Buchhalterin sieht das Bonusangebot der Techniker Krankenkasse inzwischen skeptischer. „Da soll ich dann 3 500 Punkte sammeln, um ein Springseil zu bekommen?“

Seit Anfang des Jahres dürfen die gesetzlichen Krankenkassen gesundheitsbewusstes Verhalten ihrer Versicherten mit ­einem Bonus belohnen. Wer zum Beispiel regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen geht, die Impfangebote der Kassen nutzt, im Sportverein aktiv ist oder an einem Ernährungskurs teilnimmt, wird dafür von vielen Krankenkassen belohnt.

Mehr als 80 Prozent der 144 von Finanztest untersuchten Krankenkassen bieten solche Bonusprogramme an.

Jede Kasse entscheidet selbst, wofür sie ihre Mitglieder belohnt und wie sie das tut. Neben Massiergeräten, Trampolinen und Heimtrainern gibt es auch das Sprudelbad „Pao Tang“, das Sportgerät „Colani Power-Ei“ oder das Antischnarchmittel „Schnarchstop.“

Gesund per Stempel

Viele Kassen halten für ihre Mitglieder Bonushefte bereit, in denen Arzt, Fitnessstudio oder ein anderer die unterschiedlichen Aktivitäten durch Stempel dokumentieren.

Die Techniker Krankenkasse verteilt für die Mitgliedschaft im Sportverein zum Beispiel 500 Punkte, für die jährliche Krebsvorsorgeuntersuchung 1 000 Punkte. Je nach Sammelleidenschaft und Vorliebe bekommt der Versicherte dann für 3 000 Punkte eine Moor-Wärmflasche oder für 19 000 Punkte ein Laufband.

Andere Kassen wollen mit Geldprämien ihre Mitglieder zu einem gesundheitsbewussteren Verhalten bewegen. Die meisten belohnen ihre Mitglieder mit 30 bis 50 Euro im Jahr. Einzelne Kassen zahlen auch deutlich mehr.

Einige Angebote sind aber gar keine echten Bonusprogramme – auch wenn sie sich so nennen: Die Mitglieder von 15 der 17 Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) dürfen nur dann an dem Gesundheitsbonusprogramm teilnehmen, wenn sie sich gleichzeitig für eine Eigenbeteiligung an den Krankenbehandlungen entscheiden.

Wer gesund bleibt, kann damit Geld sparen, wer öfter zum Arzt muss, zahlt unter Umständen sogar drauf. Bis zu 150 Euro im Jahr kann das so genannte Bonusprogramm bei den meisten AOKs dann zusätzlich kosten.

Speziell für freiwillige Mitglieder

Diese Bonusprogramme der AOKs laufen offiziell als „Erprobungsregelung“. Das ist ein Trick, um auch Pflichtversicherten einen Tarif mit Eigenbeteiligung anbieten zu können.

Vom Gesetz erlaubt sind die Selbstbehalttarife nämlich nur für freiwillig Versicherte. Die Kassen versuchen damit die oft besser verdienenden, freiwillig Versicherten im gesetzlichen Gesundheitssystem zu halten. Sie sollen nicht in die private Krankenversicherung abwandern.

Die Selbstbehalttarife sind eine Neuerung der Gesundheitsreform. Rund 60 Prozent der von uns untersuchten Kassen bieten solche Tarife an.

Die Versicherten tragen Behandlungskosten bis zu einer bestimmten Höhe selbst, ausgenommen sind meist Vorsorgeuntersuchungen und Leistungen für mitversicherte Kinder unter 18 Jahren. Im Gegenzug bekommen sie eine Beitragsermäßigung von etwa 75 bis 85 Prozent des Selbstbehalts.

Das Mitglied trägt dann zum Beispiel anfallende Behandlungskosten bis zu 250 Euro im Jahr selbst und zahlt dafür im Jahr 200 Euro weniger Beitrag.

Doch selbst Gesunde, die selten zum Arzt müssen, sollten diese Tarife nicht wählen. Denn solche Selbstbeteili­gungstarife sind abgesehen von den AOK-Programmen immer an das Kostenerstattungsverfahren gekoppelt (siehe Finanztest 5/04, „Nur die Ärzte profitieren“).

Dabei tritt der Beitragszahler als Privatpatient auf, bekommt von seinem Arzt eine Privatrechnung und reicht diese bei der Kasse ein. Das Kassenmitglied bekommt aber nicht den vollen Rechnungsbetrag ersetzt.

Die Kasse erstattet die Arztrechnung nur bis zur Höhe des Kassensatzes. Bei Privatrechnungen können die Ärzte aber mehr Geld verlangen und tun das auch oft. Der Restbetrag bleibt am Patienten hängen. Außerdem zieht die Kasse noch einmal gesetzliche Zuzahlungen und Verwaltungskosten ab.

Belohnung fürs Gesundsein

Eine weitere Neuerung der Gesundheitsreform, die freiwilligen Mitgliedern die gesetzlichen Krankenkassen schmackhafter machen soll, sind Tarife mit Beitragsrückzahlung.

Wenn ein Kassenmitglied und die mitversicherten erwachsenen Angehörigen in einem Kalenderjahr keine Krankenversicherungsleistungen in Anspruch nehmen, können die Krankenkassen dies honorieren. Leistungen für Kinder und Vorsorgeuntersuchungen zählen nicht mit. Die Kassen dürfen dem Mitglied nachträglich einen Teil seines Beitrags zurückerstatten, höchstens jedoch einen Monatsbeitrag inklusive des Arbeitgeberanteils.

40 Prozent der untersuchten Kassen bieten solche Tarife an. Gut ein Viertel davon verlangt dann aber das ungünstige Kostenerstattungsverfahren.

Für Sylvia Dittrich kommen weder Selbstbehalttarif noch Beitragsrückzahlung kommen infrage. Denn sie ist pflichtversichert. Bis ihre Kasse den nächsten Raucherentwöhnungskurs anbietet, wollte sie nicht warten. Seit dem 22. März hat sie nicht mehr geraucht. Ganz ohne Bonusprogramm.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1882 Nutzer finden das hilfreich.