Gesetzliche Krankenkassen Test

Eine Testsiegerin für alle gibt es nicht. Doch jeder findet im Test die beste Kasse für sich und erfährt, wie er die Angebote seiner Kasse besser nutzt.

Yvonne Berlanga-Navarro will wechseln. Über ihre bisherige Kasse, die Schwenninger BKK, ist sie verärgert. Vor allem stört sie deren Informationspolitik.

Die Berlinerin fragte nach Zusatzleistungen für die Behandlung bei einem Arzt für Homöopathie. Daraufhin bekam sie Unterlagen, die sie „nicht aussagekräftig“ fand. Erst in der Beratung bestätigte ihr eine Mitarbeiterin der Kasse: Es gibt gar keine Zusatzleistungen in diesem Bereich.

Dabei bieten viele andere Krankenkassen ihren Versicherten mittlerweile die Möglichkeit, sich von Ärzten für Homöopathie untersuchen und behandeln zu lassen, ohne dass sie etwas dazuzahlen müssen.

Die aktive Mittfünfzigerin legt auch Wert auf Prävention, macht regelmäßig Kurse, zum Beispiel Yoga, Pilates, Aqua-Fitness. Hier kämpfte sie mit Schwierigkeiten, weil die Kasse zum Beispiel ihr Rückentraining nicht bezuschussen wollte.

Mit dem Bonus für gesundheitsbewusstes Verhalten hat sie ebenfalls keine guten Erfahrungen: „Es war eine Rennerei ohne Ende, um für alles einen Stempel zu bekommen. Und dann hat mir die Kasse doch keinen Bonus gewährt. Jetzt habe ich das Heft weggeschmissen.“

Ausgesucht hatte Berlanga-Navarro sich die Schwenninger BKK ohnehin nicht. Sie wurde durch eine Kassenfusion Mitglied. Nun will sie die Krankenkasse wechseln. Will die Berlinerin eine Kasse mit einer Geschäftsstelle in ihrer Stadt, die für homöopathische Behandlung mehr leistet und Gesundheitskurse in hohem Umfang bezuschusst, könnte sie zum Beispiel zur BKK 24, zur BKK Essanelle, zur Siemens BKK (SBK), zur Deutschen BKK oder zur Knappschaft gehen.

Wettbewerb um Qualität

Gesetzliche Krankenkassen: Mehr als 100 Kassen im Test

Bezahlen muss die sportliche Frau in ihrer neuen Kasse das Gleiche wie bisher. Seit Jahresanfang erheben alle gesetzlichen Krankenkassen einen Beitragssatz von 15,5 Prozent, im Juli sinkt er auf 14,9 Prozent.

Zum ersten Mal haben Versicherte die Chance, dass Kassen mit erweiterten Leistungen und besserem Service um Kunden konkurrieren. Deshalb haben wir die Kundenorientierung, die Zusatzleistungen, Gesundheitsförderung und Wahltarife bei 113 gesetzlichen Kassen verglichen.

Welche Extras und welcher Service für jemanden wichtig sind, hängt auch von der Lebenssituation ab. Wie jeder das Passende finden kann, zeigen wir an Beispielkunden wie Yvonne Berlanga-Navarro.

Die Kassen stehen jedoch weiter unter finanziellem Druck. Reicht ihnen das Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht, um die Ausgaben für ihre Versicherten zu bestreiten, müssen sie einen Zusatzbeitrag erheben. Schon zum 1. Juli wollen das nach Aussage des Bundesversicherungsamts 16 Kassen tun. Der Zusatzbeitrag darf maximal 1 Prozent vom Bruttoeinkommen eines Mitglieds betragen.

Welche Kassen erhöhen, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt, doch von den großen Kassen Barmer, AOK, DAK und Techniker ist nach eigenem Bekunden keine dabei.

Wer mehr zahlen muss, darf kündigen. Denn gesetzlich Versicherte haben die freie Kassenwahl. Sie dürfen auch dann mit einer Frist von zwei Monaten zum Monatsende wechseln, wenn ihre Kasse nicht die Beiträge erhöht. Dann müssen sie jedoch mindestens 18 Monate Mitglied der alten Kasse gewesen sein.

Kundenorientierung und Service

Immer mehr Versicherte wechseln. In einer Online-Umfrage von Finanztest Anfang dieses Jahres gaben zwei Drittel der rund 1 000 Befragten an, sie hätten bereits ein- oder mehrmals die Kasse gewechselt. Rund 75 Prozent würden es wieder tun.

Nicole Rensmann dagegen würde selbst bei einem Zusatzbeitrag in der Techniker Krankenkasse bleiben: „Sparen ist wichtig, trotzdem kommt es auf die Qualität an. Wenn ich eine Kasse nicht erreiche oder sie mir nicht weiterhelfen kann, habe ich nichts davon. Da zahle ich lieber 20 Euro mehr im Monat.“ Immerhin 30 Prozent unserer Umfrageteilnehmer denken wie sie.

Mit ihren beiden Kindern ist Rensmann darauf angewiesen, dass die Kasse ihr kompetent zur Seite steht: Die Tochter ist Diabetikerin, der Sohn hat Asthma. Den Service der Techniker Krankenkasse findet sie sehr gut: „Immer mal wieder ruft mich ein Kassenmitarbeiter an: ,Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie noch Fragen?‘ “

Kundennähe wird hier großgeschrieben. Die Techniker Krankenkasse hat, wie auch die AOKs, die Barmer Ersatzkasse, die DAK und einige andere große Kassen ein dichtes Geschäftsstellennetz. Mitarbeiter solcher Kassen kommen sogar zur persönlichen Beratung nach Hause, zum Beispiel wenn jemand nicht mobil ist oder aufgrund ungünstiger Arbeitszeiten nicht in die Geschäftsstelle kommen kann.

Höherer Standard mit Extraleistungen

Egal wo Versicherte wohnen, in welcher Kasse sie sind und welche Krankheiten sie haben – sie haben das Recht auf eine medizinische Versorgung, die dem gesetzlichen Standard entspricht. Die medizinischen Leistungen sind einheitlich geregelt.

Besser als der Standard dürfen Kassen aber sein. Einige bieten beispielsweise Mehrleistungen bei häuslicher Krankenpflege oder für die Versorgung Sterbender in einem Hospiz. Reklame machen die Kassen mit solchen Extras eher nicht. Zu viele ältere und kranke Kunden wollen sie wohl doch nicht auf sich aufmerksam machen.

Doch für diejenigen, die darauf angewiesen sind, können diese Leistungen von elementarer Bedeutung sein. So beträgt der vorgeschriebene Kassenzuschuss für die Hospizpflege 151,20 Euro pro Tag, manche Kassen zahlen aber bis zu 302,40 Euro.

Viele Kunden wollen, dass ihre Kasse gerade dann viel hilft, wenn es ihnen schlecht geht. Rund die Hälfte unserer Umfrageteilnehmer gab an, Mehrleistungen bei häuslicher Krankenpflege seien für sie wichtig oder sehr wichtig, ebenso viele stuften den erhöhten Hospizzuschuss als wichtig oder sehr wichtig ein. Beide Mehrleistungen bieten nur wenige, von den bundesweiten Kassen beispielsweise die BKK aktiv, die BKK Essanelle, die BKK Vor Ort und die R + V BKK.

Wesentlich mehr Werberummel veranstalten die Kassen für ihre Programme zur Gesundheitsförderung – das Thema eignet sich offenbar besser zur Imagepflege. Mittlerweile bieten fast alle Zuschüsse zu Gesundheitskursen an oder veranstalten selbst welche, an denen ihre Versicherten kostenlos teilnehmen dürfen.

Die Kassen dürfen dafür in vier Handlungsfeldern Geld ausgeben: Bewegung, Ernährung, Entspannung und Sucht. Wenn jemand kontinuierlich an solchen Aktivitäten teilnimmt, summiert sich die Förderung durch die Kasse leicht auf mehrere hundert Euro im Jahr.

Familienfreundliche Kasse gesucht

Viele Kassen belohnen diese Aktivitäten sogar doppelt. Sie zahlen nicht nur die Kursgebühren, sondern vergeben für die Teilnahme zusätzlich Bonuspunkte.

Für Oliver Schneider lohnt sich das auch finanziell. Das „Bon!Fit-Programm“ der BKK Dr. Oetker hat ihm vergangenes Jahr schon 150 Euro eingebracht. Dafür musste er eine Menge leisten: Er musste ein Körpergewicht im Normbereich vorweisen und durfte nicht rauchen, er ging zum Check-up 35 beim Arzt und zur Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt. Dazu kamen Schutzimpfungen, die Mitgliedschaft im Sportverein, das Sportabzeichen und die Teilnahme an einem Pilates-Kurs.

Wenn die ganze Familie ihre Bonuspunkte auf einem gemeinsamen Konto sammeln könnte, käme noch mehr zusammen. Doch seine Frau Sandra mit den Kindern Tobias und Fiona ist bislang in der Novitas BKK. Sie legt Wert darauf, dass ihre Kasse erweiterte Impfleistungen bietet. Auch die Haushaltshilfe, falls die Mama mal krank wird, sollte die Kasse so großzügig wie möglich bezuschussen.

Oliver Schneider hat in der Vergangenheit mehrmals gewechselt: „Mit den Jahren verändern sich die Schwerpunkte, vor allem seit der Familiengründung. Zum Beispiel sind Gesundheitskurse und erweiterte Leistungen bei der Haushaltshilfe nun ein wichtiger Punkt bei der Kassenwahl.“

Eine Alternative für die ganze Familie wäre die AOK in Rheinland-Pfalz, wo die vier leben. Sie bietet eine kundenfreundliche Haushaltshilfe-Regelung und viele Gesundheitskurse. Mit dem finanziellen Gesundheitsbonus sieht es allerdings mau aus. Die meisten AOK geben ihren Versicherten Sachprämien, zum Beispiel Spielzeug oder Sportartikel.

Sparen – aber nicht an der Gesundheit

Wenn er mit einem Gesundheitsbonus Geld sparen könnte, wäre Mark Sukra aus Köln auch interessiert. Der Mittzwanziger hat schon oft die Kasse gewechselt, um Beiträge zu sparen, zurzeit ist er Mitglied der BIG Direktkrankenkasse.

Leistung ist für ihn aber ebenso wichtig: Da er gerne reist, will er, dass seine Kasse die Kosten der Schutzimpfungen für private Auslandsreisen übernimmt. Das tun mittlerweile mehr als 70 Kassen im Test.

Um noch etwas Geld zu sparen, hat Sukra sich ins Hausarztprogramm seiner Kasse eingeschrieben. So zahlt er keine Praxisgebühr. Sein Hausarzt macht zum Glück beim Programm der BIG Direktkrankenkasse mit. Die Ärzte haben nicht mit jeder Kasse solche Spezialverträge geschlossen.

Außerdem lobt der Kölner die kostenlose Kunden-Telefonnummer, die sieben Tage erreichbar ist: „Eine Geschäftsstelle brauche ich nicht – Hauptsache, per Fax, Telefon oder Mail ist jemand erreichbar. Ich habe sogar schon einmal um 23.30 Uhr angerufen, und es ging sofort jemand ran, war freundlich und konnte mir weiterhelfen.“

Sukra würde wieder wechseln, zum Beispiel, wenn seine Kasse einen Zusatzbeitrag verlangen sollte. Nur auf eines will er sich nicht einlassen: Wahltarife mit Beitragsrückerstattung oder Selbstbehalt, bei denen es Prämien gibt, wenn man nicht zum Arzt geht: „Ich bin zwar noch jung, muss aber ab und zu zum Arzt. Außerdem möchte ich auf keinen Fall für drei Jahre an eine Kasse gebunden sein, sondern jederzeit wechseln können.“

Wahltarife: Für drei Jahre gebunden

Nehmen Versicherte ein Jahr lang keine medizinischen Behandlungen in Anspruch, bekommen sie eine Prämie. Das ist das Prinzip, nach dem Wahltarife mit Selbstbehalt oder Beitragsrückzahlung funktionieren. Die Kassen dürfen pro Jahr bis zu einem Monatsbeitrag inklusive Arbeitgeberanteil auszahlen, das können ein paar hundert Euro sein.

Beim Wahltarif mit Beitragsrückzahlung verpflichtet sich das Kassenmitglied, außer den Vorsorgeuntersuchungen keine Leistungen in Anspruch zu nehmen. Hält jemand das für ein volles Jahr durch, gibt es im folgenden Jahr eine Prämie. Geld verlieren können Versicherte nicht, sie sind nur drei Jahre lang an die Kasse gebunden.

Mit einem Selbstbehalttarif geht der Versicherte dagegen ein finanzielles Risiko ein. Er vereinbart mit der Kasse, dass er Behandlungskosten bis zu einem bestimmten Betrag im Jahr aus eigener Tasche bezahlt. Dafür gewährt ihm die Kasse eine Prämie. Sie ist immer niedriger als der Selbstbehalt. Wird jemand wider Erwarten krank oder hat er einen Unfall, zahlt er mehr, als wenn er „normal“ versichert geblieben wäre.

Wählt zum Beispiel ein Versicherter der Deutschen BKK den Tarif mit 1 000 Euro Selbstbehalt im Jahr, bekommt er eine Prämie von 600 Euro im Jahr. Bleibt er drei Jahre lang gesund, gewinnt er 1 800 Euro. Erkrankt er jedoch und muss in allen drei Jahren die maximale Selbstbeteiligung von 1 000 Euro für Behandlungen zahlen, macht er 1 200 Euro Minus.

Nicht in der Tabelle steht eine andere Art Wahltarife, durch die sich Versicherte ebenfalls für drei Jahre binden: Sie zahlen einen zusätzlichen Beitrag und erhalten dafür Extraleistungen, zum Beispiel einen höheren Zuschuss zum Zahnersatz oder Geld für homöopathische Arzneimittel. Nach diesen Angeboten sollte sich aber niemand seine Kasse aussuchen.

Chronisch krank und gut versorgt

Gernoth-Rüdiger Gregor und seine Frau Regina brauchen eine Kasse, die sich gut um Kranke kümmert. Beide sind früher zur See gefahren, nun sind sie Rentner und leben in Bremen. Nach harter Arbeit und schweren Unfällen macht die Gesundheit heute oft Probleme. Die Seekasse, die inzwischen zur Knappschaft gehört, hat sie durchs ganze Leben begleitet.

Da es häufiger mal etwas zu klären gibt, legt Herr Gregor Wert auf einen guten Draht zur Kasse: „Viele Jahre lang wurden wir in der Geschäftsstelle in Bremen von einer sehr kompetenten Mitarbeiterin betreut. Die ist nun in Rente, jetzt gibt es dort kaum noch jemanden mit Bezug zur Seefahrt. Seither fahren wir lieber zur Hamburger Geschäftsstelle.“

Aufgrund einer chronischen Herzkrankheit macht Gernoth Gregor beim Disease- Management-Programm „gut dabei“ der Knappschaft mit. Wer sich in ein solches Programm einschreibt, entscheidet sich damit für einen Arzt, der die gesamte Behandlung steuert und organisiert. Disease- Management-Programme (DMP) bieten mittlerweile alle Kassen für Patienten mit bestimmten chronischen Krankheiten an.

Den Patienten bringt die Teilnahme häufig weitere Vorteile. So übernimmt die Knappschaft die Kosten für den Blutgerinnungs-Selbsttest, den Gregor regelmäßig macht. Außerdem erlässt sie DMP-Teilnehmern die Praxisgebühr beim Arzt. Bei einigen Kassen wie der AOK Rheinland-Pfalz, der HEK sowie einzelnen IKKs und BKKs sind die Versicherten sogar komplett von allen Zuzahlungen befreit, auch für Medikamente oder Krankenhausaufenthalte.

Die Kasse wechseln würden Gregors wegen so etwas aber nicht. Stattdessen nutzen sie alle Sparmöglichkeiten, die ihre Knappschaft bietet. „Na klar sammeln wir auch Bonuspunkte, zur Vorsorge gehen wir ja sowieso“, meint Gernoth-Rüdiger Gregor. 

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