Gesetzliche Krankenkassen Special

Die Kassen werben mit nied­rigeren Beiträgen und Extra­leistungen. 34 Kassen haben ihren Beitrag gesenkt. Doch nicht alle haben ihre Mitglieder recht­zeitig und umfassend informiert.

Viele fühlen sich von ihrer Kasse schlecht informiert

So viel Kassenwerbung gab es seit Jahren nicht mehr. Im Fernsehen, im Internet, im Radio, in Zeitungen – über­all werben die gesetzlichen Krankenkassen um neue Mitglieder. „Wir sind da, wenns drauf ankommt“, verspricht die AOK. „Mehr für Familien“, preist sich die BKK VBU in ganz­seitigen Zeitungs­anzeigen an. Werbung ist das eine, Fakten sind das andere. Bis Ende 2014 mussten die Kassen ihre Mitglieder über die Fakten informieren, also über ihren ab Januar 2015 geltenden Beitrags­satz und das Sonderkündigungs­recht, das alle Mitglieder haben, wenn ihre Kasse einen Zusatz­beitrag verlangt. Das hat nicht immer gut geklappt, wie die Reaktionen auf unseren Leseraufruf zeigen. Wir hatten unsere Leser in Finanztest und auf test.de gefragt, ob sie von ihrer Kasse verständlich über die neuen Beiträge informiert worden sind und haben 178 Zuschriften erhalten. Daraus ergibt sich ein zwiespältiges Bild: 94 Leser waren mit der Information zufrieden, 84 fanden sie nicht verständlich.

Den Zusatz­beitrag zahlt jeder alleine

Seit Jahres­anfang gilt für alle Kassen der allgemeine Beitrags­satz von 14,6 Prozent des Brutto­einkommens. Ihn muss jeder Versicherte mindestens zahlen. Doch die Kassen dürfen mehr verlangen als 14,6 Prozent, wenn sie damit nicht auskommen. Den Zusatz­beitrag müssen die Mitglieder komplett selbst zahlen. Ihr Arbeit­geber beteiligt sich nicht daran. Der gesamte Beitrag wird auf das Monats­einkommen bis zur Beitrags­bemessungs­grenze von 4 125 Euro fällig. Wer mehr verdient, muss auf den Teil, der diese Grenze über­steigt, keinen Beitrag mehr zahlen. Wechselt ein Arbeitnehmer mit 4 125 Euro Monats­verdienst von einer Kasse mit 15,5 Prozent Beitrags­satz zu einer mit 14,6 Prozent, spart er rund 445 Euro im Jahr.

Nur zwei ohne Zusatz­beitrag

Doch nur zwei von 92 Kassen kommen ganz ohne Zusatz­beitrag aus: BKK Euregio und Metzinger BKK. Im Vergleich zum allgemeinen Beitrags­satz von 15,5 Prozent, der für alle Kassen bis Ende 2014 galt, haben sie ihren Beitrag also um 0,9 Prozent­punkte gesenkt. Beide Kassen nehmen nur Mitglieder aus ihrer Region auf, sind also nicht für Versicherte aus ganz Deutsch­land zugäng­lich. Die Metzinger BKK nimmt nur Mitglieder aus Baden-Württem­berg auf, die BKK Euregio nur solche aus Nord­rhein-West­falen und Hamburg.

Kassentest monatlich aktuell

Immerhin 34 der 92 Kassen, die nicht auf Mitglieder aus bestimmten Firmen oder Branchen beschränkt sind, haben ihren Beitrag gesenkt. Oft jedoch nur um 0,1 Prozent­punkte, wie Techniker Krankenkasse (TK), Knapp­schaft und BKK Mobil Oil. Ein Beitrags­vergleich geht leicht mit unserem monatlich aktualisierten Produktfinder Gesetzliche Krankenkassen. Er enthält die Daten von 77 der 92 geöff­neten Kassen. Bei diesen Kassen sind 97 Prozent aller Kassen­mitglieder versichert. Der Produktfinder bietet also eine fast komplette Markt­über­sicht. Nur 15 kleinere geöff­nete Kassen konnten oder wollten unseren 32-seitigen Fragebogen nicht beant­worten. Die Liste der Nicht­teilnehmer finden Sie im Produktfinder Gesetzliche Krankenkassen (unter „Ergeb­nisse frei­schalten“).

Was unsere Leser geärgert hat

Ein Leser, der nicht mit der Information seiner Kasse zufrieden war, ist Mathias Umlauf. Er schreibt: „Ich bin seit über zehn Jahren bei der BKK Pfalz und über die Informations­politik sehr enttäuscht. In einem zweiseitigen Schreiben wurde mitten im Text auf der Rück­seite die Beitrags­erhöhung fast in einem Neben­satz erwähnt. Auch der Betreff sagt hierzu nichts, so dass ich vermuten muss, dass man darauf spekuliert, dass es die Mitglieder über­sehen. Meine Konsequenz: Kündigung.“ Als Notarzt kennt sich Umlauf mit Krankenkassen aus. Der 36-Jährige ist nun bei einer anderen BKK versichert und zahlt einen Beitrags­satz von 15 Prozent. Seine alte Kasse, die BKK Pfalz, verlangt 15,8 Prozent und gehört damit zu den teuersten Kassen. Umlauf spart nun fast 400 Euro im Jahr.

Nicht alle wurden bis Jahres­ende informiert

Unser Leser Horst Rolle bemängelt, seine Kasse R +V BKK weise nicht darauf hin, dass der Zusatz­beitrag allein von den Versicherten getragen wird. Das tun auch die meisten anderen Krankenkassen nicht. Bis Jahres­ende 2014 mussten die Kassen ihre Versicherten informieren. Doch das passierte nicht immer. So verschickte die Techniker Krankenkasse (TK) ein entsprechendes Schreiben mit Datum vom 4. Januar. „Ich habe es aber erst am 8. Januar im Brief­kasten gehabt“, schreibt Finanztest-Leser Detlef Meyer.

BKK VBU führt in die Irre

Irreführend ist die Information der BKK VBU. „Per Gesetz wurde ein Basis­beitrags­satz von 14,6 Prozent bestimmt, der um einen individuellen Zusatz­beitrag ergänzt werden muss“, schreibt sie ihren Mitgliedern. Von „muss“ kann jedoch keine Rede sein. Die Kassen entscheiden selbst, ob sie einen Zusatz­beitrag nehmen. Und die Mitglieder entscheiden selbst, ob sie in ihrer Kasse bleiben – oder wechseln.

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