Gesetzliche Krankenkassen Test

Katja Heller (li.) und Kathrin Paul wechseln die Krankenkasse. Sie haben genug von telefonischen Warteschleifen und Zuständigkeitswirrwarr. Ihre neue Kasse soll gut erreichbar sein und sie auch in medizinischen Fragen kompetent beraten können. Dafür nehmen sie auch einen etwas höheren Beitragssatz in Kauf.

Ob Akupunktur oder Asthmatikerschulung – manche Kassen bieten mehr Leistung als vorgeschrieben und sind nicht einmal teuer. Finanztest hat 162 gesetzliche Krankenkassen verglichen und hilft, die günstigste mit den passenden Extras zu finden.

Am 1. Mai ist es so weit: Katja Heller und Kathrin Paul wechseln ihre ­Krankenkasse. Die beiden Frauen sind Kolleginnen in einer Hamburger Personalmanagement-Firma. Von ihrer alten Kasse, der BKK Mobil Oil, fühlten sie sich schlecht behandelt.

„Meistens hing ich in der telefonischen Warteschleife. Und wenn ich mal jemanden erreichte, bekam ich keine Auskunft“, beklagt sich Kathrin Paul. Als sie unter starken Rückenschmerzen litt, habe ihr keiner sagen können, ob die Kasse Kosten für Akupunktur übernimmt. Entnervt gab sie auf und bezahlte die Behandlung selbst.

Wir sind dem nachgegangen, hatten aber bei der BKK mehr Erfolg: Bei unseren zwei Probeanrufen erfuhren wir, dass Patientinnen wie sie bis zu zehn Behandlungen im Jahr bezahlt bekommen können.

Doch Kathrin Paul will nicht mehr. Ihre Kollegin und sie wechseln in die Techniker Krankenkasse, die ihnen andere empfohlen haben. Sie nehmen in Kauf, dass der Beitragssatz mit 13,7 Prozent etwas höher ist als bei der BKK Mobil Oil. Deren Satz ist innerhalb von gut zwei Jahren von 11,2 auf 13,6 Prozent geklettert. Auch das hat die beiden geärgert.

Beiträge bislang kaum gesunken

Gesetzliche Krankenkassen Test

Katja Heller (li.) lässt sich in der ­Geschäftsstelle der Techniker Krankenkasse beraten: „Ich will meine Ansprechpartner auch mal sehen.“

Beide Kassen liegen noch deutlich unter dem Kassendurchschnitt von aktuell 14,2 Prozent. Entgegen der Ankündigung der Bundesgesundheitsministerin sind die Beiträge nämlich nicht gesunken.

Finanztest hat die Beiträge und Leistungen von 162 Krankenkassen untersucht und festgestellt: Gerade mal 30 ­Kassen haben seit In-Kraft-Treten der ­Reform ihren Beitragssatz gesenkt. Ebenso viele haben ihn erhöht.

Katja Heller und Kathrin Paul könnten sich billiger versichern als bei der Techniker Kasse: Die BKK ATU verlangt nur 12,9 Prozent. Sie ist die günstigste bundesweit geöffnete Kasse und auch die günstigste für Hamburg. Kunden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen können sich sogar für nur 12,7 Prozent bei der IKK Sachsen versichern. Einen Beitragssatz von 12,8 Prozent bietet die BKK Scheufelen Versicherten in Baden-Württemberg.

Durch einen Wechsel von einer teuren zu einer günstigen Kasse können Angestellte bis zu 35 Euro im Monat sparen ­(siehe Artikel „... und tschüss“). Doch der Preis ist nicht alles. Im Krankheitsfall sollen auch Betreuung und Leistung stimmen.

Katja Heller hat deshalb mehrmals bei der Techniker Krankenkasse angerufen und Fragen gestellt, bevor sie die Aufnahme beantragt hat. „Wenn ich da keinen erreicht hätte, wäre ich woanders hingegangen“, sagt sie. Eine Geschäftsstelle in ihrer Nähe war ihr ebenfalls wichtig. Denn schwierige Fragen lassen sich besser im persönlichen Gespräch mit einem Kassenmitarbeiter klären.

Unterschiedliche Leistungen

In der medizinischen Versorgung gleichen sich die Kassen stark. Das Gesetz schreibt ihnen zu schätzungsweise 95 Prozent vor, was sie bezahlen müssen (siehe Tabelle „Das bekommen Sie bei jeder Kasse“). Etwas Spielraum bleibt aber und so bieten manche Sonderleistungen an oder haben für chronisch Kranke Spezialangebote.

Kann zum Beispiel eine allein stehende Patientin wegen einer Verletzung einige Zeit beide Hände nicht benutzen, steht ihr bei allen Kassen eine Pflegekraft zu, die Verbände wechselt oder Medikamente verabreicht. Hilfe beim An- und Ausziehen, Essen oder Sauberhalten der Wohnung ­bekommt sie aber nur bezahlt, wenn ihre Kasse in der häuslichen Krankenpflege ­erweiterte Leistungen bietet.

Wenn die Kasse diese Leistung im Programm hat, haben alle ihre Versicherten darauf Anspruch, egal wo sie wohnen. Das gilt nicht nur für die Mehrleistungen bei häuslicher Krankenpflege, sondern auch für solche bei Haushaltshilfen, ambulanten Kuren und der Versorgung Sterbender in einem Hospiz. Auch die Kosten für Schulungen chronisch Kranker, zum ­Beispiel für Asthmatiker oder Patienten mit Rückenschmerzen, übernehmen die Kassen unabhängig vom Wohnort.

Etliche Extras bieten die Kassen hingegen nicht flächendeckend an, weil sie auf Verträgen mit bestimmten Ärzten oder auf der Zusammenarbeit mit einer Spezialabteilung eines Krankenhauses beruhen. Legt jemand Wert auf solche Extras, sollte er vor dem Eintritt in eine Kasse fragen, wo die gewünschte Leistung geboten wird. Die Palette der regionalen Extras ist groß:

  • Erprobung neuer Vorsorge- und Behandlungsmethoden: Hierzu gehören beispielsweise Akupunktur- oder Homöopathiebehandlungen für Patienten mit chronischen Schmerzen. Das Akupunkturprojekt ist das einzige, das nahezu alle Kassen flächendeckend anbieten. Es wurde vor kurzem bis 2009 verlängert.
  • Disease-Management-Programme: Mit diesen Behandlungsprogrammen wollen die Kassen die Versorgung von Patienten mit bestimmten schweren oder chronischen Krankheiten verbessern. Bisher gibt es Programme für Diabetiker, für Brustkrebspatientinnen und für Menschen mit koronaren Herzkrankheiten.

Da die Kassen für jeden Patienten, der an einem Chronikerprogramm teilnimmt, zusätzliches Geld aus dem Risikostrukturausgleich bekommen, werden wohl alle früher oder später diese Programme einführen (siehe Artikel „Chronisch Kranke“ aus Finanztest 3/05). Die Tabelle „Krankenkassen“ zeigt, ob eine Kasse schon so weit ist oder das langwierige Zulassungsverfahren noch vor sich hat.

  • Förderung neuer Versorgungsformen: Diese Extras spürt der Kunde nur indirekt: Sie bedeuten zum Beispiel, dass spezialisierte Praxen eine bessere Vergütung bekommen, wenn sie Schmerzpatienten behandeln.

Extras zukaufen

Gesetzlich Krankenversicherte können ihren Gesundheitsschutz durch eine private Zusatzversicherung ergänzen. Viele dieser Zusatzversicherungen – zum Beispiel für Heilpraktikerbehandlung, Brillen und Kontaktlinsen und Zahnzusatzversicherungen – sind nicht dringend nötig. Eine sinnvolle Erweiterung des gesetzlichen Schutzes ist jedoch die Krankenhauszusatzversicherung. Sie ermöglicht dem Versicherten die Chefarztbehandlung und die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer im Krankenhaus seiner Wahl.

Wählt ein Kunde das Angebot, das seine Kasse vermittelt, bekommt er die Zusatzversicherung mit einem Beitragsrabatt. Der ist jedoch sehr gering. Deshalb ist es gut, immer auch direkt bei privaten Versicherern Angebote einzuholen und zu vergleichen.

Senioren könnten allerdings einen Vorteil haben, wenn sie über die eigene Kasse abschließen. Ist jemand schon über 65 Jahre alt, bekommt er auf dem freien Markt nämlich oft keine Krankenhauszusatzversicherung mehr.

Über ihre gesetzliche Krankenkasse ­haben Ältere aber ­vielleicht eine Chance, doch noch einen Vertrag zu bekommen. Denn die Krankenkassen haben mit ihren privaten Partnern teilweise höhere Altersgrenzen für die ­Aufnahme von Neukunden vereinbart.

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