Gesetzliche Krankenkassen Test

Jede der 123 Krankenkassen im Test bietet eine Fülle von Wahltarifen. Fast alle Kunden können damit ihren Schutz verbessern und sparen.

„Spülen Sie Ihre alte weg ...“ wirbt die IKK-direkt auf Plakaten im Duschraum eines Berliner Sportstudios. Kunden, die fit und modern sind und auf die Frage „Sie haben zu viel Geld?“ mit „nein“ antworten, sollen zu der billigsten bundesweit geöffneten Kasse wechseln.

Die IKK-direkt verschweigt: Ab dem 1. Januar 2009 zahlen die Kunden bei ihr genauso viel wie in jeder anderen Kasse. Dann gilt ein einheitlicher Beitragssatz, den die Bundesregierung am 1. November 2008 bekanntgeben wird.

Spätestens dann kommt es noch mehr als bisher darauf an, was die Kasse an Leistungen, Service und Beratung bietet. Einheitsbeitrag heißt nicht Einheitskasse: Kunden haben sogar innerhalb ihrer Kasse viele Möglichkeiten, das Angebot an ihre Bedürfnisse anzupassen. Über Wahltarife oder Bonusmodelle können sich die meisten außerdem finanzielle Vorteile sichern.

In unseren Tabellen stellen wir 123 Kassen mit ihrem Service, ihren Extraleistungen und ihren Wahltarifen vor. Hier können Versicherte sich informieren, was ihre Kasse alles bietet und wie sie ihren Schutz optimieren können.

Die Mühe lohnt sich. Denn eine Familie mit Kindern und chronisch kranken Familienmitgliedern braucht andere Leistungen als eine aktive Mittvierzigerin mit Interesse an Wellness und Alternativmedizin. Ganz anders ist wiederum der Bedarf eines jungen Existenzgründers, der möglichst billig und stressfrei versichert sein will.

Wir zeigen an diesen drei Modellkunden, wie gesetzlich Versicherte Vorteile aus der neuen Tarifvielfalt ziehen können.

Niemand muss Angst haben, dabei wichtige Teile seines Krankenversicherungsschutzes zu verlieren. Trotz aller Reformen sind die medizinischen Kernleistungen weiter vorgeschrieben. Die Unterschiede liegen in Sonderleistungen, die Kassen über das gesetzliche Maß hinaus anbieten.

Modell 1: Familie mit Kindern

Unsere erste Modellfamilie, ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, wohnt in Hessen. Der Mann ist Angestellter, die Frau ist zurzeit bei ihm mitversichert, weil sie bei den Kindern zuhause ist. Das eine Einkommen muss für alle reichen.

Die Mutter ist gesundheitlich angeschlagen: Sie hat Diabetes und leidet häufiger an heftigen Rückenschmerzen. Umso mehr achtet die Familie auf eine gesunde Lebensweise. Vollwertige Ernährung, viel Bewegung und regelmäßige Vorsorgetermine beim Arzt und Zahnarzt gehören zum normalen Programm. Die Familie braucht also eine Kasse, die sich um die gesundheitlichen Probleme gut kümmert und gleichzeitig das Engagement der Familie für ihre Gesundheit finanziell belohnt.

Die Kasse sollte außerdem ein medizinisches Beratungstelefon bieten, bei dem Kunden rund um die Uhr qualifizierte Auskunft erhalten. Eltern wissen, wie beruhigend so ein Service sein kann, wenn wieder ein Kind plötzlich nachts Fieber bekommt.

Eine Hotline zu medizinischen Fragen bieten 86 Kassen an, davon sind 41 rund um die Uhr erreichbar. In der Regel erfahren Kunden dort auch, welche Ärzte und Apotheken an ihrem Wohnort gerade Notdienst haben.

Eine weitere Bedingung für die rückengeschädigte Mutter: Ihre Kasse soll möglichst großzügig die Kosten für eine Haushaltshilfe übernehmen.

Eine Haushaltshilfe müssen zwar alle Kassen bezahlen, wenn die Person, die normalerweise den Haushalt führt, ins Krankenhaus oder zur Kur muss. Einige zahlen für eine ärztlich verordnete Haushaltshilfe aber auch dann, wenn die Mutter nicht im Krankenhaus ist, sondern bewegungsunfähig zuhause liegt.

Medizin-Hotline und Haushaltshilfe hat die Familie schon bei ihrer bisherigen Kasse, der AOK Hessen. Aber mit finanziellen Vergütungen für gesundheitsbewusstes Verhalten gibt es bei der IKK Südwest-Plus mehr Geld. Deshalb wechselt die Familie zu dieser Kasse, die ebenfalls für Hessen geöffnet ist. Sie beantwortet medizinische Fragen zwar nur 15 Stunden am Tag, bietet aber unschlagbare finanzielle Vorteile.

Für gesundheitsbewusstes Verhalten bekommt die Familie dort pro Jahr bis zu 500 Euro Bonus. Punkte gibt es zum Beispiel für die Kinderuntersuchungen U 1 bis U 9, für regelmäßige Zahnarztbesuche und für die Teilnahme an Rückenkursen.

Um als Diabetikerin besser versorgt zu werden, meldet sich die Frau zudem zu einem Disease-Management-Programm (DMP) an. Diese strukturierten Behandlungsprogramme bieten die Kassen für fünf chronische Krankheiten an, um die Behandlung besser zu koordinieren und Geld zu sparen: Diabetes Typ I und II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma und andere chronische Atemwegserkrankungen sowie Brustkrebs.

Für die Teilnahme am Wahltarif Disease Management bekommt die kranke Frau von der IKK Südwest-Plus einen finanziellen Vorteil. Sie muss weder beim Arzt noch beim Zahnarzt Praxisgebühren zahlen und ist von sämtlichen anderen Zuzahlungen, beispielsweise für Medikamente oder Krankengymnastik, befreit. So großzügig sind wenige andere Kassen.

Neben Disease Management gibt es weitere Programme, mit denen die Kassen die Versorgung stärker steuern und besser organisieren wollen. Im Hausarztprogramm gehen die Versicherten künftig zuerst zum Hausarzt und suchen nicht ohne Überweisung einen Facharzt auf. In den Programmen zur integrierten Versorgung nutzen zum Beispiel Patienten mit Hüft- oder Knieoperationen oder Krebspatienten eine besser vernetzte Versorgung durch Ärzte, Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen.

Das alles sind jetzt Wahltarife. Die Patienten müssen sich anmelden und erhalten meist einen Teil der Praxisgebühr erlassen.

Modell 2: Anspruchsvolle Singlefrau

Unsere zweite Modellkundin, die gutverdienende Angestellte (45) aus Hamburg, hat zum Glück keine Probleme mit chronischen Krankheiten. Sie tut viel für ihr Wohlergehen. Ihr fehlt etwas, wenn sie keinen Yogakurs hat, und sie lernt auch gerne Neues, zum Beispiel Meditationstechniken. Je mehr solcher Gesundheitskurse ihre Kasse bezuschusst, desto besser für sie.

Zwar fördern die meisten Kassen Gesundheitskurse oder veranstalten sogar selbst welche. Doch wie viel die Kunden bezahlt bekommen, ist sehr unterschiedlich. Während die BKK ATU zum Beispiel nur einen Kurs im Jahr mit 80 Euro bezuschusst, kann unsere Modellkundin über die Techniker Krankenkasse (TK) viele verschiedene Kurse machen. Sie bekommt allerdings nicht zweimal den gleichen Kurs im Jahr bezahlt.

Nicht nur aus diesem Grund ist sie mit ihrer Kasse, der Techniker Krankenkasse, gut beraten. Im Urlaub unternimmt sie gerne Fernreisen, auch in Länder, für die teure Schutzimpfungen nötig sind. In unserer Tabelle sieht sie, dass ihre Kasse diese bezahlt – bei vielen Kassen müsste sie beispielsweise die rund 200 Euro für einen Hepatitis-Schutz selbst zahlen.

Da sie regelmäßig zur Vorsorge geht, freut sie sich auch über einen Gesundheitsbonus von 60 Euro im Jahr. Wichtig sind der 45-Jährigen alternative Behandlungsmethoden. Ein Anruf bei der Kasse ergibt, dass diese wie viele andere mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte einen Vertrag geschlossen hat. Sie kann sich auf Chipkarte homöopathisch behandeln lassen und muss die ausführlichen Anamnesegespräche nicht privat zahlen.

Außerdem bietet ihr die Kasse einen Wahltarif für alternative Arzneien an (siehe Tabelle „Wahltarif Arzneimittel besonderer Therapierichtungen“). Für einen Zusatzbeitrag von 6,90 Euro im Monat würde ihr die TK 90 Prozent jeder Rechnung für anthroposophische, homöopathische oder pflanzliche Medikamente erstatten, bis zu einem Höchstbetrag von 180 Euro im Jahr.

Dieses Angebot lehnt unsere Kundin ab und schließtstattdessen eine private Zusatzversicherung ab. Diese deckt nicht nur Alternativbehandlungen beim Arzt, sondern auch beim Heilpraktiker ab und ist auch nicht auf bestimmte Therapierichtungen begrenzt. Solche Policen kosten mehr, enthalten aber meist auch Leistungen für Zahnersatz sowie eine Auslandskrankenversicherung – wichtig für Reisen.

Der Wahltarif der gesetzlichen Kasse wäre für unsere Modellkundin interessant, wenn sie zum Beispiel bereits eine Krebsbehandlung hinter sich hätte. Ein privates Unternehmen würde sie dann wahrscheinlich nicht versichern. Die gesetzliche Kasse darf dagegen niemanden ablehnen. Außerdem zahlt sie auch für die Behandlung bestehender Krankheiten, was in der Privatversicherung ausgeschlossen ist.

Bei der Techniker Krankenkasse gibt es noch einen anderen Wahltarif gegen Extrabeitrag. Doch der Tarif „Kostenerstattung für ärztliche Behandlung“ bringt Versicherten nicht viel. Er ist für diejenigen gedacht, die alle ambulanten ärztlichen Behandlungen zunächst privat bezahlen. Die Mehrkosten für die Abrechnung nach der privatärztlichen Gebührenordnung deckt der Wahltarif zu 90 Prozent ab. Für unsere Modellkundin würde er 29,90 Euro im Monat kosten. Sie erhält jedoch keine anderen medizinischen Behandlungen als sonst, und auch die Sparzwänge der Ärzte, zum Beispiel bei Arzneimitteln, gelten weiter. Allenfalls bekommen die Kunden vielleicht schneller Termine – ähnlich wie Privatpatienten.

Unter dem Motto der Kostenerstattung bieten die AOK Rheinland / Hamburg und die IKK Nord weitere Tarife an, bei denen der Kunde Zusatzleistungen gegen Extrabeitrag bekommt, zum Beispiel ein Einbettzimmer im Krankenhaus oder eine höhere Erstattung bei Zahnersatz.

Modell 3: Junger Existenzgründer

Für den 29-jährigen Webdesigner aus Bremen ist vor allem wichtig, dass er für möglichst wenig Geld versichert ist. Bisher ist er wegen des niedrigen Beitragssatzes bei der BKK Gildemeister / Seidensticker. Als Existenzgründer muss er so viel Beitrag zahlen, als hätte er ein monatliches Einkommen von 1 242,50 Euro.

Er will die Kosten weiter drücken und auch in Zeiten des Einheitsbeitrags in Grenzen halten. Aber eines ist ihm wichtig: Wenn er eine Frage hat, soll ihm jemand helfen – wenn es sein muss nachts um drei Uhr. Diesen Service bietet seine Kasse. Aber ist sie auch zum Sparen die beste?

Da der Webdesigner jung ist und noch nie richtig krank war, kommt für ihn ein Wahltarif mit dreijähriger Bindung infrage, bei dem es hohe Prämien für Gesunde zu gewinnen gibt.

Beim Selbstbehalttarif verpflichtet sich der Kunde, Kosten bis zu einer bestimmten Summe selbst zu tragen und erhält bis zu 600 Euro jährlich als Prämie. Die meisten erreichen diesen Höchstbetrag aber nicht, selbst wenn sie kerngesund bleiben. Denn Selbstbehalte und Prämien sind bei den meisten Kassen nach Einkommen gestaffelt. Außerdem ist die Prämie gesetzlich auf 20 Prozent dessen begrenzt, was der Kunde jährlich an Beitrag zahlt.

Die hohen Prämien sind also meist Besserverdienenden vorbehalten. Unser Existenzgründer sucht einen Wahltarif mit Selbstbehalt und möglichst hoher Prämie, den er einkommensunabhängig wählen kann. So kommt er zur Metro Kaufhof BKK.

Das Serviceangebot am Telefon ist nicht schlechter als bei der BKK Gildemeister / Seidensticker. Doch er hat die Chance auf 500 Euro Prämie im Jahr bei einem Selbstbehalt von 600 Euro im Jahr. Da er nur den Mindestbeitrag zahlt (bei der Metro Kaufhof BKK derzeit rund 2 300 Euro im Jahr), wird seine Prämie bei rund 460 Euro gekappt. Wenn er drei Jahre lang gesund bleibt, hat er so 1 380 Euro Plus gemacht. Im ungünstigsten Fall zahlt er in drei Jahren 420 Euro drauf.

Geht er zum Arzt oder Zahnarzt, ohne dass dieser ein Rezept ausstellt, bleibt sein Selbstbehalt unberührt. Falls der Zahnarzt eine Füllung auswechselt oder der Orthopäde den verknacksten Fuß röntgt, muss er außer der Praxisgebühr nichts bezahlen.

Die 100 Euro Bonus, die die Metro Kaufhof BKK für gesundheitsbewusstes Verhalten verspricht, könnte der junge Mann gut gebrauchen. Er wird aber wohl darauf verzichten müssen. Denn die Bonuspunkte, die er zum Beispiel fürs Nichtrauchen oder für sein Idealgewicht erhalten würde, reichen nicht aus. Er müsste nicht nur aktiv im Sportverein oder Studio sein, sondern auch auf eigene Kosten zu mehreren Vorsorgeuntersuchungen gehen, die in seinem Alter noch keine Kassenleistung sind. Das lohnt sich weder zeitlich noch finanziell.

Bald wieder Beitragsunterschiede?

Eine Auszahlung von seiner Kasse könnte er zukünftig trotzdem bekommen. An die Stelle der heutigen unterschiedlichen Beitragssätze wird möglicherweise schon im Lauf des Jahres 2009 ein neuer Unterschied treten: Prämien bei den einen Kassen und zusätzliche Beiträge bei den anderen.

Ab 2009 fließen die Beiträge aller gesetzlich Versicherten in einen Topf, den Gesundheitsfonds. Aus ihm bekommt jede Kasse Geld für jeden Versicherten zugeteilt. Für die Versorgung kranker Menschen gibt es Ausgleichszahlungen aus dem Fonds. Doch die werden nie perfekt funktionieren.

Hat eine Kasse Geld übrig, darf sie es an ihre Mitglieder ausschütten. Kostet die Behandlung der Versicherten mehr, als der Fonds bereitstellt, muss die Kasse Geld bei ihren Mitgliedern eintreiben. Bis zu 1 Prozent des Monatseinkommens müssen Kunden in diesem Fall noch extra zahlen, Geringverdiener sogar noch mehr, da bis zu 8 Euro im Monat ohne Einkommensprüfung verlangt werden dürfen.

Der Arbeitgeber beteiligt sich daran nicht. Immerhin haben Kunden in diesem Fall ein Sonderkündigungsrecht und können wie bisher die Kasse wechseln – außer sie sind durch einen Wahltarif für drei Jahre gebunden.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1645 Nutzer finden das hilfreich.