Kinder und Ehepartner können sich in der gesetzlichen Krankenkasse ohne eigene Beiträge versichern. Haben sie zu viel Geld, fliegen sie raus.

Saskia C. ist 15. Sie geht in die neunte Klasse einer Berliner Gesamtschule und war seit ihrer Geburt über ihre Mutter in der gesetzlichen Krankenkasse kostenlos versichert. Ende 2009 war damit Schluss. „Einen Tag vor Weihnachten rief die Techniker Krankenkasse an. Sie teilte mir mit, dass ich meine Tochter ab sofort nicht mehr familienversichern kann“, sagt Saskias Mutter Betina C. „Das kam dann doch etwas überraschend für uns.“

Saskia soll nun 138 Euro im Monat für ihre Kranken- und Pflegeversicherung zahlen, weil sie geerbt hat.

Geld da – Schutz weg

© Stiftung Warentest

Durch die Familienversicherung können Kinder, Ehepartner und eingetragene Lebenspartner die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung nutzen, ohne selbst Beiträge zu zahlen. Von rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland sind 18,5 Millionen familienversichert. Die Ausgaben für die Familienversicherung lagen nach Angaben des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2008 bei rund 22 Milliarden Euro.

Doch das solidarische System hat Grenzen. Die beitragsfreie Versicherung ist an Voraussetzungen geknüpft (siehe Grafik).

Saskia erfüllte eine wichtige Voraussetzung nicht mehr. Im Jahr 2008 hat sie geerbt und seitdem Pachteinnahmen aus einem Gewerbegrundstück. In die Familienversicherung können Kinder und Partner nur, solange sie wenig eigenes Einkommen haben. Die Grenze ändert sich jedes Jahr und liegt zurzeit bei 365 Euro monatlich.

Saskias Einnahmen lagen zwar nur einige Euro über der Grenze. „Das reichte aber schon“, sagt ihre Mutter. „Die Sachbearbeiterin der Techniker Krankenkasse meinte, dass schon bei einigen Cent über der Grenze Schluss ist.“

Rückwirkend ab dem 18. Oktober 2009 hat sich die Schülerin nun selbst als freiwilliges Mitglied der gesetzlichen Krankenkasse versichert. Der 18. Oktober ist der Tag, an dem Saskias Steuerbescheid für das Jahr 2008 vorlag. Auf Grundlage dieses Bescheids setzt die Krankenkasse die Beiträge für sie fest.

Als freiwilliges Mitglied unterliegt sie nicht mehr der Versicherungspflicht im gesetzlichen System. Sie könnte ihrer Kasse auch ganz den Rücken kehren und zu einem privaten Krankenversicherer wechseln. Preiswerter wäre das allerdings kaum. Außerdem würde dieser Schritt ihr die Rückkehr in die Familienversicherung verbauen, sollten ihre Einnahmen wieder sinken. Saskia hat sich deshalb entschieden, in der Techniker Krankenkasse zu bleiben.

Gratisschutz für Ehepartner

Die Einkommensregeln in der Familienversicherung gelten für Ehepartner und eingetragene Lebenspartner genauso wie für Kinder. Auch sie dürfen derzeit monatlich nicht mehr als 365 Euro verdienen. Nur der Verdienst aus einer geringfügen Beschäftigung im Rahmen eines Minijobs darf bis 400 Euro gehen – wenn keine weiteren Einnahmen dazukommen.

Zum Einkommen zählen nicht nur Lohn und Gehalt, sondern wie bei Saskia auch Miet- und Pachteinnahmen. Einmalzahlungen wie Weihnachtsgeld, Einnahmen aus selbstständiger Tätigkeit, aus Kapitalvermögen, Renten, Hinterbliebenenrenten und steuerpflichtige Unterhaltszahlungen werden ebenfalls mitgerechnet.

Werbungskosten, Abschreibungen, Sparerpauschbetrag und Beträge für Kindererziehungszeiten bei Renten können dagegen abgezogen werden. Wer mit seinen Einnahmen wie Saskia knapp über der Grenze liegt, kann versuchen, sie zum Beispiel durch höhere Werbungskosten wieder darunterzudrücken. In Saskias Fall könnte das zum Beispiel durch Ausgaben für die Instandhaltung des Grundstücks gelingen.

Alle Einnahmen angeben

Die Krankenkassen schicken Mitgliedern, über die Angehörige mitversichert sind, regelmäßig Fragebögen zur Einkommenssituation der Familie zu. Damit überprüfen sie, ob eine beitragsfreie Versicherung der Familienmitglieder noch infrage kommt. Auch C. hatte so einen Fragebogen ausgefüllt und darin die Angaben des neuen Steuerbescheids berücksichtigt.

Kassenmitglieder sind verpflichtet, der Kasse alle Auskünfte zu geben, die sie braucht, um den Status ihrer Versicherten und die Höhe der Beiträge zu klären. Die Kasse hat rückwirkend Ansprüche auf Beiträge. Sie verjähren erst vier Jahren nach Ablauf des Kalenderjahres, in dem sie fällig wurden. Verschweigen Versicherte vorsätzlich Einnahmen, verjähren die Ansprüche der Kasse sogar erst nach 30 Jahren.

Beitragssatz von über 35 Prozent

Die 138 Euro im Monat, die Saskia an die Techniker Krankenkasse überweisen muss, liegen deutlich über dem gewöhnlichen Beitragssatz für die Kranken- und Pflegeversicherung. Legt man den üblichen Satz zugrunde, würde sie für ihre Einnahmen nur etwa 60 Euro im Monat zahlen. Das ergibt sich aus 14,3 Prozent für die Krankenversicherung ohne Krankengeld und 1,95 Prozent für die Pflegeversicherung bis zum 23. Lebensjahr.

Die Kassen setzen aber bei nebenberuflich Selbstständigen, zu denen Saskia jetzt gehört, derzeit ein Mindesteinkommen von 851,67 Euro monatlich an. Dafür müssen die Versicherten Beiträge zahlen, auch wenn ihre Einnahmen in Wirklichkeit viel niedriger sind. Saskia hatte zum Beispiel nicht einmal die Hälfte der angesetzten Mindesteinnahmen. Für sie ergibt sich ein Beitragssatz von über 35 Prozent.

Bei hauptberuflich Selbstständigen liegt das vorgegebene Mindesteinkommen noch höher. Die Kassen gehen von monatlich 1 916,25 Euro aus, bei Existenzgründern von 1 277,50 Euro.

Zusatzbeitrag obendrauf

Wenn Saskia Pech hat, steigt ihr Krankenkassenbeitrag im Laufe des Jahres sogar noch. Denn die Kassen können seit der Einführung des Gesundheitsfonds 2009 Zusatzbeiträge von ihren Mitgliedern erheben, wenn sie mit dem Geld aus dem Fonds nicht auskommen.

Bis zu 8 Euro monatlich dürfen die Kassen pauschal ohne Einkommensprüfung von jedem Mitglied verlangen. Die Angehörigen in der Familienversicherung müssen diesen Beitrag nicht zahlen.

Saskias Techniker Krankenkasse rechnet zwar damit, dieses Jahr noch ohne einen Zusatzbeitrag auszukommen. In Kassenkreisen geht man aber davon aus, dass die meisten Kassen ihn im Laufe der Zeit einführen werden .

Einmal privat, doppelt kompliziert

Nicht nur hohe Einnahmen wie bei Saskia können die Familienversicherung vereiteln. Kinder können auch dann vom beitragsfreien Schutz ausgeschlossen werden, wenn ein Elternteil nicht in der gesetzlichen Kasse, sondern privat versichert ist. Ob ein Kind zum Beispiel bei seiner gesetzlich versicherten Mutter mitversichert sein darf, hängt vom Einkommen seines privat versicherten Vaters ab. Wenn das Gesamteinkommen des privat versicherten Vaters die Versicherungspflichtgrenze von derzeit 49 950 Euro im Jahr übersteigt und er gleichzeitig mehr verdient als die gesetzlich versicherte Ehefrau, ist die Familienversicherung für das Kind nicht möglich.

Die Eltern haben dann die Wahl, ihre Kinder privat zu versichern oder sie für 138 Euro monatlich freiwillig in der Kasse weiterzuversichern. Auch für diese Kinder würde die Kasse wie bei Saskia Mindesteinnahmen von 851,67 Euro ansetzen. Im Jahr macht das für zwei Kinder 3 312 Euro Beitrag aus. Käme ein Zusatzbeitrag hinzu, wären das nochmal 192 Euro mehr im Jahr.

Die Einnahmen steuern

„Vor allem bei mehreren Kindern macht es finanziell einen großen Unterschied, ob eine Familie ihre Kinder familienversichert oder nicht“, sagt Carsten Rothbart vom Deutschen Steuerberaterverband. Eltern, von denen der eine privat und der andere gesetzlich versichert ist, schauen besser genau hin, wenn das Einkommen des privat Versicherten in der Nähe der Versicherungspflichtgrenze liegt.

Rothbart rät: „Bei Freiberuflern, deren Einnahmen sich um die Grenze herum bewegen, lohnt es sich, ein wenig zu steuern, damit sie darunterbleiben. Sie können vor dem Jahreswechsel Betriebsausgaben vorziehen, das Schreiben von Rechnungen auf das neue Jahr vertagen oder für spätere Investitionen einen Abzugsbetrag in Höhe von maximal 40 Prozent der voraussichtlichen Anschaffungskosten bilden.“

Unverheiratete Paare haben es leichter. Unabhängig vom Gehalt des privat Versicherten dürfen ihre Kinder in die Familienversicherung, solange ein Elternteil Mitglied in der gesetzlichen Kasse ist.

Keine Möglichkeit auf gesetzlichen Schutz haben dagegen Kinder von Eltern, die beide privat versichert sind. „Wenn beide Elternteile privat versichert sind, kann das Kind nicht freiwillig gesetzlich versichert werden“, sagt Christine Göpner-Reineke vom AOK-Bundesverband. Das Kind braucht einen privaten Vertrag.

Eigener Vertrag ab 18 Jahren

Auch das Alter eines Kindes setzt der beitragsfreien Versicherung eine Grenze. Kinder sind zunächst nur bis zum 18. Lebensjahr familienversichert. Sie können aber bis zum 23. Geburtstag mitversichert bleiben, wenn sie nicht beschäftigt oder selbstständig tätig sind. Und sie dürfen sogar bis zum 25. Geburtstag bleiben, wenn sie noch in der Schul- oder Berufsausbildung sind, ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr oder einen Jugendfreiwilligendienst im Ausland leisten.

Länger geht es dann nur noch, wenn ihre Ausbildung durch Grundwehr- oder Zivildienst unterbrochen oder verzögert wird. Die Familienversicherung verlängert sich um den Zeitraum der gesetzlichen Dienstpflicht. Das Gleiche gilt für gesetzliche Dienste, die als Ersatz der Wehrpflicht zählen, wie den Entwicklungsdienst.

Kinder, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung nicht für den eigenen Lebensunterhalt sorgen können, bleiben ohne Altersgrenze in der Familienversicherung. Die Behinderung muss allerdings während der Zeit der Familienversicherung eingetreten und von nicht absehbarer Dauer sein.

Familienversicherung trotz Reform

Doch was wird aus der Familienversicherung nach der nächsten Reform? Die Regierungskommission zur Reform des Gesundheitswesens beschäftigt sich in diesen Wochen auch mit diesem Thema.

Ende vergangenen Jahres sagte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass sich selbst bei einer Umstellung des Systems auf Kopfpauschalen an der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern und Kindern nichts ändern würde. Ina Klaus, Pressesprecherin im Bundesgesundheitsministerium, bestätigte, an diesem Vorhaben hätte sich bisher noch nichts geändert. „Kopfpauschale und Familienversicherung schließen sich nicht automatisch aus“, sagte sie gegenüber Finanztest.

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