Bahnfahrer haben endlich gesetzlich verbriefte Rechte. Sie erhalten bis zu 50 Prozent vom Fahrpreis zurück, wenn sie verspätet ihr Ziel erreichen.

Erstmals bekommen Bahnkunden einen gesetzlichen Anspruch auf eine Entschädigung oder auf die Nutzung eines Taxis, wenn ein Zug verspätet ankommt oder ausfällt. Das Gesetz über die neuen Fahrgastrechte muss der Bundespräsident zwar noch unterschreiben. Doch im August wird es wohl in Kraft treten.

Bislang erhielten nur Nutzer von Fernzügen wie dem Intercity-Express (ICE) bei großen Verspätungen Gutscheine. Nun können auch Kunden des Nahverkehrs eine Entschädigung verlangen. Die Kunden dürfen außerdem darauf bestehen, Bargeld zu bekommen.

Doch nicht alle Fahrgäste profitieren gleichermaßen von den neuen Rechten. Finanztest erläutert die wichtigsten Regeln.

Entschädigung bei Verspätung

Wer nicht pünktlich an dem auf der Fahrkarte angegebenen Reiseziel ankommt, erhält ab einer Verspätung von mindestens 60 Minuten eine Entschädigung:

  • Bei Verspätungen zwischen 60 und 119 Minuten erhält der Bahnkunde mindestens 25 Prozent seines Fahrpreises zurück.
  • Ab einer Verspätung von 120 Minuten sind 50 Prozent des Preises zu erstatten.

Für die Entschädigung ist entscheidend, ob der Kunde am Ziel seiner gesamten Reisekette 60 Minuten verspätet ankommt.

Beispiel: Ein Kunde bucht einen Einzelfahrschein von Wiesbaden über Frankfurt am Main nach Berlin für 125 Euro. Weil die S-Bahn von Wiesbaden nach Frankfurt um 15 Minuten verspätet in Frankfurt ankommt, verpasst er seinen ICE. Der Kunde nimmt den nächsten ICE und kommt deswegen 60 Minuten später als ursprünglich geplant in Berlin an. Seine Entschädigung beträgt rund 30 Euro.

Hat der Kunde ein Ticket für die Hin- und Rückfahrt und kommt er nur auf der Hinfahrt zu spät an, wird die Entschädigung auf Basis des halben Preises errechnet.

Wer seinen Anschluss verpasst, weil er mit einem Bus, der Straßenbahn oder einer U-Bahn verspätet am Bahnhof ankommt, erhält nichts. Geld gibt es nur bei Verspätungen im Eisenbahnverkehr, zu dem neben der S-Bahn auch die Privatbahnen zählen. Das neue Gesetz schließt alle Eisenbahnunternehmen ein.

Für Folgeschäden einer Zugverspätung haften die Eisenbahnunternehmen noch immer nicht: Verpasst jemand den Flug in die USA, weil der Zug zu spät am Flughafen ankommt, muss die Bahn diesen Schaden nicht ersetzen.

Erstattung des Reisepreises

Herrscht bei der Bahn Chaos, will mancher gar nicht mehr reisen. Wenn bereits vor der Abfahrt am Bahnsteig absehbar ist, dass der Reisende mehr als 60 Minuten verspätet sein Ziel erreichen wird, kann er auf die Fahrt verzichten und seinen Reisepreis zurückverlangen.

Ergibt sich die Verspätung während der Fahrt, darf er die Reise abbrechen und mit der nächsten Gelegenheit kostenfrei zurückfahren. Die Bahn muss ihm auch dann den vollen Reisepreis erstatten. Er kann aber nicht zusätzlich eine Entschädigung für die Verspätung beanspruchen.

Setzt der Fahrgast die Reise trotz Verspätung fort und wird während der Reise eine Übernachtung notwendig, muss die Bahn ihn entschädigen und ihm zudem eine kostenfreie Hotelunterkunft anbieten.

Umsteigen in einen anderen Zug

Bei Verspätungen dürfen die Reisenden in einen anderen Zug umsteigen. Zeichnet sich die Verspätung schon vor der Abfahrt ab, können sie die Reise gleich mit einem anderen Zug beginnen und dürfen dann sogar über eine andere Route fahren als ursprünglich geplant.

Kunden dürfen sogar in höherwertige Züge umsteigen und in Züge wechseln, die sie wegen einer Zugbindung unter normalen Umständen nicht nutzen dürften. Doch es kommt immer darauf an, wie groß ihre Verspätung am Zielort sonst wäre.

Die Details zum Umsteigerecht sind im Fernverkehr (etwa ICE und IC) und im Nahverkehr (etwa Regionalexpress, Regionalbahn und S-Bahn) unterschiedlich geregelt. Im Fernverkehr gilt das Umsteigerecht erst, wenn am Reiseziel eine Verspätung von 60 Minuten wahrscheinlich ist. Im Nahverkehr schon bei einer zu erwartenden Verspätung von 20 Minuten.

Im Nahverkehr kann die Bahn das Umsteigerecht jedoch einschränken. Sie darf Kunden das Umsteigen verbieten, wenn der Umstieg zu einer „erheblichen Störung des Betriebsablaufs“ führen würde.

Beispiel: Ein Regionalzug fällt aus und die Reisenden wollen auf einen ICE umsteigen. Weil dieser dann aus allen Nähten platzen würde, verbietet die Bahn den Umstieg.

Die Bahnunternehmen dürfen zudem in ihre Beförderungsbedingungen schreiben, dass im Nahverkehr Besitzer von stark verbilligten Tickets wie dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ vom Umsteigen ausgeschlossen sind.

Mit dem Taxi zum Zielbahnhof

Kunden, die spätabends Nahverkehrszüge nutzen, dürfen bei Verspätungen sogar mit einem Taxi weiterfahren. Und zwar dann, wenn der Reisende die letzte fahrplanmäßige Verbindung zum Zielort genommen hat und wegen eines Zugausfalls das Ziel nicht mehr bis 24 Uhr erreichen kann.

Ein Taxi nutzen dürfen auch die Reisenden, die planmäßig zwischen 0 und 5 Uhr früh an ihrem Zielbahnhof sein sollten und nun damit rechnen müssen, mindestens 60 Minuten verspätet anzukommen.

Der Kunde zahlt das Taxi erst selbst und erhält auf Antrag die Kosten ersetzt – allerdings maximal 80 Euro. In jedem Fall sollten Kunden die Taxiquittung aufheben.

ICE- und IC-Fahrer haben keinen gesetzlichen Anspruch auf ein Taxi. Aber die Bahn plant, die gesetzliche Taxiregelung im Nahverkehr auch im Fernverkehr anzuwenden.

Die meisten Kunden werden zu so später Stunde mit dem Taxi direkt nach Hause oder ins Hotel fahren. Die Bahn muss streng genommen aber nur die Fahrt zum Zielbahnhof ersetzen. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich kulant zeigt.

Pendler gehen oft leer aus

Viele Nutzer von Nahverkehrszügen werden keine Entschädigung sehen, vor allem Stammkunden: Monatskarten, die in einem Verkehrsverbund für eine unbegrenzte Anzahl von Fahrten benutzt werden dürfen, weisen keinen festen Abfahrts- und Zielort aus und sind deswegen von Entschädigungen ausgeschlossen. Gleiches gilt für das „Schönes-Wochenende-Ticket“.

Für Pendler mit einer Monatskarte für eine festgelegte Strecke dürfen die Bahnunternehmen spezielle Entschädigungsregeln festlegen. Derzeit ist geplant, ihnen pro Verspätung pauschal 1,50 Euro zu gewähren. Die Auszahlung einer Minientschädigung von bis zu 4 Euro darf die Bahn aber ausschließen. Die Inhaber solcher Monatskarten werden dann also erst entschädigt, wenn sie mindestens dreimal im Monat eine Verspätung hatten.

Die Entschädigungsgrenze hat auch für Käufer von Einzelfahrscheinen Folgen. Beispiel: Jemand fährt mit dem Regionalexpress von Rosenheim nach München und kommt 75 Minuten zu spät an. Die Fahrt kostet 11 Euro. Dem Kunden stehen an sich 25 Prozent des Fahrpreises als Entschädigung zu (rund 3 Euro). Wegen der Mindestgrenze erhält er aber nichts.

Keine Haftung bei höherer Gewalt

Die neuen Fahrgastrechte gelten nur, solange eine Verspätung oder ein Zugausfall nicht durch „höhere Gewalt“ zustande kam. Führt ein Schneesturm oder ein Selbstmord auf den Gleisen zu einer Verspätung, haftet die Bahn nicht.

„Ein technischer Defekt bei einem Zug ist keine höhere Gewalt“, sagt die Juristin Birgit Zandke-Schaffhäuser von der Schlichtungsstelle Mobilität. Umstritten ist aber, ob zum Beispiel ein Streik von Lokführern die Bahn entlastet.

Wer von einer großen Verspätung betroffen ist, sollte stets eine Entschädigung beantragen. Beruft sich die Bahn auf höhere Gewalt, muss sie diese belegen.

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