Gerüche aus Teppichböden Mir stinkts

7

Wir haben 50 Teppichböden auf Gerüche und Schadstoffe überprüft. Die gute Nachricht: Gefahren für die Gesundheit bergen sie in der Regel nicht. Die schlechte: Mindestens jeder dritte Boden riecht auch nach vier Wochen noch unangenehm. Kein Spaß für die Bewohner.

Als Anne P. versuchte, ihren Teppichboden zu reklamieren, musste sie mitanhören, wie der Verkäufer zu einer Kollegin „Die spinnt wohl“ sagte. Dabei hatte sie Grund zur Beschwerde: Der Teppich roch Wochen nach dem Kauf noch so deutlich, dass Tester der Stiftung Warentest ihm eine „sehr deutliche Geruchsbelästigung“ attestierten. Gut für Anne P., dass sie den Teppich gar nicht in ihrer Wohnung verlegt hatte. Er befand sich im Prüflabor, und sie war für uns unterwegs, um den Service im Handel zu prüfen.

Seit Jahren berichten uns Leser immer wieder von Geruchsproblemen mit Teppichböden. Auch die Berater in den Verbraucherzentralen erreichen viele Beschwerden. Eigentlich kein Wunder, denn in Deutschland werden jährlich etwa 200 Millionen Quadratmeter Teppichboden verlegt, fast 90 Prozent aus Synthetik, 10 Prozent aus Wolle, Wolle-Synthetik-Gemischen, Sisal oder Kokos.

Wir wollten wissen, welche Teppiche stinken, woran das liegt, ob es Gesundheitgefahren birgt – und was der Kunde dagegen unternehmen kann.

Schnüffler rümpften die Nase

Wenn ein Teppich vier Wochen nach dem Verlegen immer noch stärker riecht als üblich oder zugesichert, sind Reklamationen möglich. Wir haben unsere Auftragsschnüffler – drei Frauen und drei Männer – deshalb mehrmals an den Teppichen riechen lassen: 24 Stunden nach dem Auspacken und nach vier Wochen noch einmal. Und weil auch Untergrund und Kleber Einfluss nehmen können, wurde an den Teppichproben auch nach dem Verkleben auf Estrich geschnüffelt, wieder am ersten Tag und nach vier Wochen. „Verlegt“ haben wir übrigens nur in kleinem Maßstab: auf einer Minifläche von fünf mal zehn Zentimetern. Die Proben steckten wir jeweils in ein Einmachglas. Der Grund: Im Glas konnten wir eine gleich bleibende Luftfeuchte einstellen, denn die Feuchte kann den Geruch ebenfalls beeinflussen.

Die Tester rochen nach dem Öffnen des Glases daran und gaben dann sechs­stufige Bewertungen ab. Außerdem beschrieben sie die Gerüche. Richtig Lust auf einen neuen Teppich machen die meisten dieser Beschreibungen nicht: „muffig“, „stechend“, „dumpf“, „riecht nach Gummi“, „Chemie“, oder auch „nach Tierpark“ oder „Kuhstall“. Aus den Einstufungen der Tester ergibt sich die Tabelle: Deutliche, sehr deutliche und starke Geruchsbelästigungen gehen vier Wochen nach dem Verlegen immerhin von fast 40 Prozent aller Teppiche aus.

Auch teure Teppiche stinken

Oft hatten diese Teppiche auch schon nach 24 Stunden sehr deutlich gerochen, wie die Tabelle zeigt. Manchmal allerdings nahmen die Gerüche jedoch ab. So rochen einige Teppiche nach einem Tag noch deutlich, nach 28 Tagen war die Geruchsbelästigung nur noch gering. Ein interessantes Ergebnis ist: Wenn ein Teppich schon zu Anfang sehr deutlich oder stark roch, so roch er nach vier Wochen immer noch deutlich bis stark.

Auffallend häufig waren Wollteppiche betroffen, zum Teil auch Synthetik. Ein Grund waren Substanzen aus Wollfetten, etwa Oktansäure oder Dodekansäure. Sehr häufig wiesen wir auch 4-Phenylcyclohexen und Dodecene nach. Sie sind vielfach in Schaumrücken und Synthetik vorhanden, wir fanden sie aber auch in Naturfaserteppichen. All diese Substanzen können schon in geringen Konzentrationen unangenehm riechen.

Ein hoher Preis schützt vor üblen Gerüchen übrigens nicht. Im Gegenteil: Unter den Böden mit deutlicher bis starker Geruchsbelästigung waren viele relativ teure. Positiv ausgedrückt: Eher geruchsneutrale Böden waren oft preiswert.

Was stinkt: Kleber oder Teppich?

Die Kleber verstärkten den Geruch häufig, vor allem wenn der Boden selbst eher geruchsneutral war. Genau zu klären, ob Teppich oder Kleber für den Geruch verantwortlich ist, ist aber schwierig. Der Geruch entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen allen abgegebenen Substanzen. Das zeigt auch folgende Tatsache: Einige Teppiche, die ohne Kleber sehr deutlich oder stark rochen, taten das zusammen mit dem Kleber nicht mehr. Der aufdringliche Geruch der Wollteppiche wurde also gewissermaßen übertüncht oder neutralisiert.

Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen der Verwendung des Klebers und der Abgabe flüchtiger organischer Verbindungen. Neben den Geruchsstoffen geben Teppich und Kleber weitere flüchtige organische Verbindungen ab, die in hohen Konzentrationen zum Beispiel die Schleimhäute reizen können. Wir haben dies in der Tabellenspalte „Raumluftbelastung“ vermerkt. Einige Teppiche, die mit Kleber stärker rochen, stießen verklebt auch eher höhere Mengen solcher Substanzen aus – ein Indiz dafür, dass diese Verbindungen zum großen Teil aus dem Kleber stammten. Festzuhalten ist aber: Keiner der getesteten Teppiche oder Kleber gibt flüchtige organische Verbindungen in so hohen Mengen ab, dass die Gesundheit gefährdet würde. Aber: Anders als draufsteht, sind die Kleber nicht wirklich „frei“ von Lösemitteln: Substanzen mit einem Siedepunkt über 200 Grad Celsius, wie Glykole, dürfen enthalten sein.

Acht Mal Schadstoffe

Im Teppichmaterial fanden wir in acht Fällen hohe Mengen Schadstoffe. Sie können durch Abrieb in den Staub gelangen und eingeatmet werden oder zum Beispiel durch spielende Kinder mit der Haut und über den Mund aufgenommen werden. Dazu gehört das zum Mottenschutz eingesetzte Pestizid Permethrin. Zwar ergab eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dass von Permethrin im Teppich in der Regel keine Gefahr ausgeht. Für empfindliche Personen besteht aber weiterer Forschungsbedarf. Nicht auszuschließen sind Wirkungen wie Kopfschmerzen und Taubheitsgefühle.

Deshalb: Aus Gründen der Vorsorge sollten Teppiche für empfindliche Personen wie etwa kleine Kinder, die auf dem Boden spielen, besser nicht mit Permethrin ausgerüstet sein. So bietet Tretford auch Teppichböden ohne Permethrin an, wie der Hersteller uns mitteilte. Eine Auslegware ohne Mottenschutz ist aber intensiver auf einen möglichen Mottenbefall hin zu kontrollieren.

Unkritische Hersteller

Weitere Schadstoffe, die wir in einigen Böden fanden: Chlorkresol und o-Phenylphenol, die Haut- und Augenreizungen hervorrufen können. In einem Fall fanden wir hohe Mengen des Weichmachers DEHP, der vielfach in PVC-Böden vorkommt. DEHP gilt als die Fruchtbarkeit beeinträchtigend. Wir fanden die Schadstoffe auch bei Teppichen mit Siegeln wie dem GuT, der Gemeinschaft umweltfreundlicher Teppichböden. Das ist die Siegelorganisation der Hersteller. Eigentlich propagiert GuT den Verzicht auf Pestizide, das Pestizid Permethrin erlaubt die Organisation aber. Unser Kommentar: Hier gehen die Hersteller zu unkritisch mit einem Problemstoff um.

Der Teppich, den Anne P. reklamieren wollte, trug aber gar kein Siegel – was ihr der Verkäufer sogar vorwarf: „Sie hätten auf ein Siegel achten müssen, jetzt können Sie keine Reklamation verlangen.“ Recht hat er damit nicht: Wenn tatsächlich ein Mangel vorliegt, kann man auch ohne Siegel reklamieren – wer nach dem 1. Januar 2 002 gekauft hat, sogar noch bis zu zwei Jahre nach dem Kauf.

7

Mehr zum Thema

  • PAK Das müssen Sie über diese Schad­stoffe wissen

    - Ihnen voll­ständig auszuweichen, ist kaum möglich, denn sie können fast über­all vorkommen, etwa in Lebens­mitteln, Kosmetik oder Spielzeug: Poly­zyklische aromatische...

  • Olivenöl im Test Das leckerste Olivenöl kommt aus Bari

    - Im Test von 19 Oliven­ölen (nativ extra) schneiden viele gut ab. Vier Öle sind mangelhaft – ranzig und teils schad­stoff­belastet. Das beste Öl im Test kommt aus Süditalien.

  • Risotto im Schad­stoff-Check Nur Spuren von Arsen im Reis

    - Unsere Kollegen vom Schweizer Gesund­heits­tipp haben zwölf Risotto-Reis-Produkte auf Schad­stoffe geprüft. Sie fanden in allen Arsen – aber nur geringe Mengen.

7 Kommentare Diskutieren Sie mit

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Bitte melden Sie sich an. Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice.

Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

DennisNiederlande am 29.10.2017 um 01:47 Uhr
Nein, das sind bestimmten Bakterien (Anaerobic)


Ich habe ein stükchen Teppich beim verschiedenen Aldi Laden gekauft, 8 sogar (160,- Eu gesammt)
und ich habe leider jetzt schon einer ausgepackt. Stinkt.
Die Zweite viel weniger.
Anderen weiß ich noch nicht....

Internet sagt, das sind bestimmten Bakterien (Anaerobic Bacteria) die etwa bischen nach
Katzenpies oder Buttersäure riechen ins Teppich im Fabrik gekommen sind.
Das ganze ist nachgeforscht durch ein Amerikanische Forscher.
Hier kann mans lesen:
https://www.newscientist.com/article/mg19025534-800
Aber ein Lösung steht leider nicht dabei.
Wahrscheinlich waschen, reinigen mit Schaum, im Sonne hängen?
Oder fressen die Staubmilben es oder gehts von selbst weg?
Sag es mir bitte bescheid.

DennisNiederlande am 29.10.2017 um 01:15 Uhr

Kommentar vom Autor gelöscht.

Profilbild Stiftung_Warentest am 07.10.2016 um 13:19 Uhr
Wir bieten keine Analysen mehr an

@Mat40: Aus dem Geruch kann man keine Schadstoffe eruieren. Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir diese Analyse nicht mehr anbieten.Hilfestellung und Informationen können Ihnen möglicherweise die Umweltberatungsstellen der Verbraucherzentralen in Ihrer Nähe geben. Informationen und Angebote zu verschiedenen Analysemöglichkeiten finden Sie auch im Branchenbuch oder Internet. (Se)

Mat40 am 07.10.2016 um 10:10 Uhr
Benuta bambini teppich fuer kinder

Hallo liebes Oekotest team
In wie weit kann ich von Geruechen auf Schadstoffe Rueckschluesse nehmen? Der Teppich ist aus 100 % Baumwolle, riecht aber intensiv. die firma wirbt mit schadstofffreien Teppichen, ein Siegel ist jedoch bei diesem Teppich nicht zu finden. Kann man Fasern testen lassen und was kostet so etwas? Danke und beste gruesse

Profilbild Stiftung_Warentest am 17.10.2012 um 19:33 Uhr
Gewährleistung

@ 54321: Das Gewährleistungsrecht steht im Bürgerlichen Gesetzbuch. Ganz grob gesagt gewährleistet es im Falle einer mangelhaften Kaufsache, dass der Käufer innerhalb von 2 Jahren ab Kaufdatum (!) zum Beispiel Nachbesserung verlangen kann (§ 439 BGB).