Genuss­rechte von Prokon Meldung

Prokon, Spezialist für erneuer­bare Energien, warnt vor einer Planinsolvenz wegen drohender Zahlungs­unfähigkeit. Sie lasse sich nur verhindern, wenn ein Groß­teil der Anleger bis zum 20. Januar unter anderem erklärt, zeit­weise auf eine Kündigung der Anlage­verträge und eine Auszahlung der Zinsen zu verzichten. test.de sagt, worauf Anleger achten müssen.

Genuss­rechte für über 150 Millionen Euro sind gekündigt

Das auf erneuer­bare Energien spezialisierte Itzehoer Unternehmen Prokon Regenerative Energien warnt im Schreiben vom 10. Januar 2014: Das Unternehmen sei voraus­sicht­lich Ende Januar gezwungen, eine Planinsolvenz wegen drohender Zahlungs­unfähigkeit einzuleiten. Grund sei ein Kapitalent­zug durch Anleger ihrer Genuss­rechte. Rück­zahlungen nach Kündigungen in Höhe von 150 Millionen Euro würden im Wesentlichen im Januar und Februar fällig. Verhindern lasse sich die Planinsolvenz nur, wenn der Groß­teil der Anleger bis 20. Januar erkläre, dass sie mindestens bis zum 31. Oktober 2014 auf eine Kündigung und eine Auszahlung ihrer Zinsen verzichten – und auch danach mit einer Rück­zahlung, auch in Raten, inner­halb von zwölf Monaten einverstanden sind oder gar neues Kapital investieren.

Kapitalent­zug setzt Prokon unter Druck

Das ist eine dramatische Kehrt­wende. Noch in der zweiten Dezemberhälfte hatte Prokon-Chef Carsten Rodbertus in einem Schreiben an Anleger betont, dass Prokon kein Schnee­ball­system betreibe „oder gar kurz vor der Insolvenz“ stehe: „Das ist definitiv nicht so!“ Nicht einmal einen Monat später schreit schon die Betreff­zeile des aktuellen Schreibens den Anlegern entgegen: „Wichtig! Verhinderung einer Insolvenz von Prokon“. Rodbertus warnt: „Sollte es uns gemein­sam mit Ihnen, unseren Anlegern, nicht gelingen, die Liquiditäts­lage sehr schnell wieder zu stabilisieren“, drohe die Einleitung der Planinsolvenz. Es sei „nicht unsere wirt­schaftliche Lage, die uns unter Druck setzt, sondern der Kapitalent­zug durch die Kündigungen unserer Anleger.“ Allein im Jahr 2013 habe Prokon etwa 130 Millionen Euro Genuss­rechts­kapital zurück­gezahlt. In den kommenden Wochen werden laut Prokon weitere 150 Millionen Euro fällig.

Genuss­rechte an Gewinnen und Verlusten beteiligt

Gut 75 000 Anleger haben über eine Milliarde Euro in Genuss­rechten von Prokon Regenerative Energien angelegt, einer Tochtergesell­schaft der Prokon Unter­nehmens­gruppe, die unter anderem Wind­parks plant, baut und betreibt, Biodiesel herstellt und die Verarbeitung von Holz finanziert. Neben einer Grund­verzinsung von sechs Prozent pro Jahr bieten die Genuss­rechte die Chance auf eine Über­schuss­beteiligung, die auch regel­mäßig gezahlt wurde: Jahre­lang bekamen die Anleger acht Prozent pro Jahr. Für das zweite Halb­jahr 2013 legte Prokon Regenerative Energien die Verzinsung auf insgesamt sieben Prozent pro Jahr fest. Falls sich Anleger nicht für eine bestimmte Lauf­zeit binden, dürfen sie nach sechs Monaten Mindest­lauf­zeit mit einer Frist von vier Wochen zum Monats­ende kündigen. Anleger müssen aber in Kauf nehmen, dass sie unter Umständen an Verlusten teilnehmen und im Insolvenzfall erst an die Reihe kommen, wenn die Forderungen erst­rangiger Gläubiger bedient sind.

Prokon liefert keine über­zeugende Erklärung

Eine „Medien­kampagne“ habe dazu geführt, dass „nach wie vor zahlreiche Anleger aus Angst vor einem Verlust ihres angelegten Geldes ihre Genuss­rechte kündigen“, behauptet Prokon im Schreiben vom 10. Januar. Tatsäch­lich veröffent­lichte Prokon selbst in den vergangenen Wochen verheerende Zahlen. Das Unternehmen legte Entwürfe für die Jahres­abschlüsse von Prokon Regenerative Energien und dem Prokon-Konzern für 2012 und mehrere Zwischen­bilanzen vor. Zuletzt zum Stichtag 31. Oktober 2013. Hohe Verluste haben sich demnach angehäuft, das Stamm­kapital war aufgezehrt. In diesem Fall sehen die Genuss­rechts­bedingungen vor, dass das Genuss­rechts­kapital an weiteren Fehl­beträgen voll teilnimmt. Das heißt: Der Rück­zahlungs­anspruch der Anleger sinkt entsprechend.

Keine Verluste „nur auf dem Papier“

Prokon begründete die hohen Verluste und Verlust­vorträge auf der Internetseite mit der Umstrukturierung der Unter­nehmens­gruppe. Prokon Regenerative Energien plane und baue Wind­parks nun selbst, statt sie von anderen Gesell­schaften zu kaufen. Den Kosten stünden in der Investitions­phase keine Erträge gegen­über, „auf dem Papier entsteht der vermeintliche Verlust“. Prokon äußerte sich nicht dazu, wie hoch der Rück­zahlungs­anspruch der Anleger ist, legte aber eine Prognoserechnung vor und betonte: „Solange die Prognosebetrachtung unter realistischen Bedingungen die voll­ständige Bedienung der Zinsen und der Rück­zahlung des Genuss­rechts­kapitals gewähr­leistet, besteht keine Veranlassung, den Rück­zahlungs­betrag auf unter 100 Prozent zu senken.“ Es handelt sich jedoch keineswegs nur um vermeintliche Verluste auf dem Papier, denn die Kosten müssen beglichen werden. Liquidität fließt ab. Prokon hat zudem keineswegs nur Projekte in der Investitions­phase, sondern betreibt bereits etliche Wind­parks und weitere Anlagen, die Erlöse erzielen. Die Begründung reicht daher nicht aus, um die Lage zu erklären.

Kündigungs­willige Anleger emotional unter Druck

Laut Prokon haben Anleger nun mehrere Möglich­keiten, um eine Planinsolvenz zu verhindern. Dem aktuellen Schreiben ist ein Vordruck beigelegt, in dem Anleger Alternativen ankreuzen müssen. Das sind...

  • ein Verzicht auf Kündigungen für mindestens neun Monate, verbunden mit der Bereitschaft, danach eine Rück­zahlung inner­halb von zwölf Monaten, auch in Raten, zu akzeptieren und sich fällige Zinsen gutschreiben statt auszahlen zu lassen, bis die Liquiditäts­lage wieder ein halb­jähr­liche Auszahlung erlaubt. Prokon will sich bei der Bundes­anstalt für Finanz­dienst­leistungs­aufsicht einen Nach­trag zum Verkaufs­prospekt billigen lassen, mit dem erneute Liquiditäts­engpässe möglichst verhindert werden, zum Beispiel durch grund­sätzliche Rück­zahlung der Genuss­rechte in Raten.
  • eine Erhöhung der investierten Summe,
  • ein Widerruf einer Kündigung und Wieder­anlage bereits ausgezahlten Kapitals,
  • und eine Erklärung, trotzdem zeit­nah kündigen zu wollen.

Prokon baut dabei emotionalen Druck auf jene Anleger auf, die über die Wahl der vierten Möglich­keit – die Kündigung – nach­denken. „Eine Insolvenz von Prokon nehme ich bewusst in Kauf“, heißt es in dem Text, der ange­kreuzt werden soll und: „Mir ist bewusst, dass ich mit der Entscheidung für eine Planinsolvenz entscheidend zur Vernichtung eines zukunfts­fähigen und nicht system­konformen Unter­nehmens mit über 1.300 Arbeits­plätzen beitrage.“

Gewinne decken Zinsen bei weitem nicht ab

Einige neue Einblicke gewährt Prokon auch in die wirt­schaftliche Lage. Bislang war nur bekannt, dass das Jahres­ergebnis mehrere Jahre lang nicht ausgereicht hat, um die Zins­zahlungen an die Anleger abzu­decken. Wie krass das Verhältnis von Gewinnen und ausgezahlten Zinsen wirk­lich war, ist nun ables­bar. Prokon hat über die Jahre demnach insgesamt 330,4 Millionen Euro an Zinsen an Anleger gezahlt. Tatsäch­lich hätten aber nur 120,5 Millionen Euro zur Verfügung gestanden, „wenn wir unsere Anleger nicht an den stillen Reserven beteiligt hätten“.

Stille Reserven mit in der Berechnung

Damit wäre nur eine durch­schnitt­liche Verzinsung der Genuss­rechte von 2,9 Prozent pro Jahr statt der tatsäch­lich gezahlten durch­schnitt­lichen acht Prozent pro Jahr möglich gewesen, hat Prokon errechnet. Die stillen Reserven sind die Differenz aus dem Markt­wert der Anlagen und dem Buch­wert, mit dem sie in der Bilanz stehen. Prokon sieht das als Beteiligung „am zukünftigen Ertrag heutiger Investitionen sowie an der Wert­schöpfung während der mehr­jährigen Entwick­lungs­zeit neuer Wind­parks“ an. Wer stille Reserven einbezieht, um Zahlungen über den Jahres­über­schuss hinaus zu recht­fertigen, geht ein Risiko ein. So etwas kann Schwierig­keiten bereiten, falls angesetzte Markt- und Verkehrs­werte später nach unten korrigiert werden müssen oder sich bei einem Verkauf doch nicht erzielen lassen. Prokon rechnet im Rahmen einer möglichen Planinsolvenz damit, Projekte zu 70 bis 80 Prozent ihres tatsäch­lichen Wertes veräußern zu müssen.

Zeit­fenster zur Verhinderung der Insolvenz sehr eng

Die Entwick­lung der letzten Monate belege, „dass diese Investitionen sich jetzt tatsäch­lich auszahlen“. Dazu veröffent­licht Prokon Umsatz­erlöse und operatives Ergebnis vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen für die Wind­parks, die Prokon Pflanzenöl GmbH und die HIT Holz­industrie Torgau. Alle Kurven zeigen in jüngster Zeit nach oben. Zinsen und Abschreibungen sind bei Prokon aber keineswegs eine zu vernach­lässigende Größe. Das Unternehmen HIT Torgau etwa trug laut Jahres­abschluss 2012 schwer an den Lasten eines Darlehens von Prokon.

Sehr kurze Frist für Anleger

„Lassen Sie nicht zu, dass es zu einer Planinsolvenz kommt“, fleht Prokon-Chef Rodbertus im aktuellen Schreiben. „Lassen Sie nicht zu, dass sich Heuschre­cken und Energiekonzerne für wenig Geld ein Vorzeige­unternehmen mit im Kapitalmarkt einmaliger, fairer Philosophie unter den Nagel reißen.“ Eine Anlegergruppe, die sich Freunde von Prokon nennt, appelliert ähnlich eindringlich an die Genuss­rechts­inhaber. Die Prokon-Anleger sollten sich allerdings darauf einstellen, dass es tatsäch­lich zur angedrohten Planinsolvenz kommt. Denn es ist unwahr­scheinlich, dass recht­zeitig bis zum 20. Januar 2014 genügend Erklärungen zum zeitweiligen Kündigungs­verzicht oder zur Kapital­erhöhung bei Prokon eingehen. Inner­halb weniger Tage müssten zehn­tausende Anleger die Informationen von Prokon auswerten, eine Entscheidung treffen und die Nach­richt recht­zeitig abschi­cken – ein schwieriges Unter­fangen.

Prokon hat sich selbst in die Lage manövriert

Prokon hatte die kurze Kündigungs­frist von nur vier Wochen im Früh­jahr 2013 in die Genuss­rechts­bedingungen aufgenommen, obwohl die Unter­nehmens­gruppe vor allem Projekte mit lang­fristigem Charakter hat. Das habe Prokon „deutlich von anderen Anbietern von Kapital­anlagen“ abge­hoben und sei „in Form deutlich höherer Genuss­rechts­zeichnungen“ angenommen worden, schreibt Rodbertus. Das Risiko war Prokon Regenerative Energien sehr wohl bewusst: Im Verkaufs­prospekt warnt die Gesell­schaft ausdrück­lich vor dem Risiko, dass nicht genügend liquide Mittel vorhanden sein könnten, wenn gleich­zeitig viele Genuss­rechte fällig oder gekündigt werden. Diesem Risiko hat sie die Anleger ausgesetzt. Nicht ohne Grund sind viele andere Anbieter mit lang­fristigen Investments vorsichtiger.

Tipp: Lassen Sie sich als Anleger bei Ihrer Entscheidung nicht unter Druck setzen, sondern treffen Sie Ihre Wahl nüchtern anhand der Fakten. Lassen Sie sich kein schlechtes Gewissen einreden, wenn Sie sich nicht in der Lage sehen, inner­halb der gesetzten Frist zu reagieren. Nicht Sie haben Prokon in die prekäre Lage gebracht. Das war das Unternehmen selbst.

Anleger sollten keine Kündigungs­gründe nennen

Anleger, die an ihrer Kündigung fest­halten wollen, bittet Rodbertus, die Gründe darzustellen, „denn zu unserer Enttäuschung erhalten wir leider auch Kündigungen mit offensicht­lich vorgeschobenen, unehr­lichen Begründungen. Daher halten wir diese Bitte für ein faires Anliegen im Sinne der Anleger, die uns weiterhin vertrauen.“

Tipp: Geben Sie keine Begründung ab, wenn Sie an Ihrer Kündigung fest­halten wollen. Die Genuss­rechts­bedingungen sehen keine solche Pflicht bei einer Kündigung vor und im Zweifels­fall könnte Ihnen eine Begründung negativ ausgelegt werden.

Auch ohne Insolvenz droht weiteres Ungemach

In einer Zukunfts­prognose rechnete Prokon im Dezember 2013 mit einem Anstieg beim Genuss­rechts­kapital­bestand um mehr als 600 Millionen Euro für 2014 und 2015. Damit sei es möglich, alle Projekte in Planung und Bau fertigzustellen. Dieses Ziel ist nun utopisch. Es ist nicht zu erkennen, wie Prokon die Projekte stemmen will. Es liegt nahe, dass einige Projekte abge­stoßen werden müssen – und dass Geschäfts­partner von Prokon in so einer Situation ihren Verhand­lungs­spielraum zu Ungunsten von Prokon nutzen. Auch ein Arbeits­platz­abbau wäre vielleicht nicht zu vermeiden.

Harte Zeiten für Anleger

Erfahrungs­gemäß gelingt es Unternehmen nicht, die Kosten rasch genug an so dramatisch veränderte Umstände anzu­passen. Schon in der ursprüng­lichen Prognose war Prokon für die Jahre 2014 und 2015 von einem Jahres­verlust ausgegangen. Nun besteht die Gefahr, dass die Zahlen noch ungüns­tiger ausfallen. Wenn das Stamm­kapital aufgezehrt ist, wie dies in der jüngsten Zwischen­bilanz vom 31. Oktober der Fall war, verringern sich die Rück­zahlungs­ansprüche der Anleger. Auch wenn die Landes­regierung Schleswig-Holsteins Prokon dabei unterstützen sollte, eine Planinsolvenz zu vermeiden, müssten vermutlich die Genuss­rechts­inhaber einen Beitrag leisten. Es dürfte lange dauern, bis die Verluste beim Genuss­rechts­kapital wieder aufgeholt werden – wenn es denn jemals gelingt.

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