Selbstverpflichtung reicht nicht

Gentests sind für sie erst einmal kein Thema, sagt die deutsche Versicherungswirtschaft. Und in Zukunft? Finanztest fragte den Nürnberger Gesundheitsökonomen Oliver Schöffski.

Werden Menschen künftig schon bald nach ihrer Geburt erfahren können, wann sie an welcher Krankheit leiden oder sterben werden?

Schöffski:

Nach der erfolgreichen Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist man nun dabei, Normabweichungen mit einzelnen Erkrankungen in Verbindung zu bringen. Die Entwicklung von Biochips, mit denen auf eine Vielzahl von Anlageträgerschaften auf einmal getestet werden kann, ist in vollem Gange. Daher wird man in Zukunft das Risiko ­ auch bei genetisch nur mitbedingten Erkrankungen ­ immer besser quantifizieren können.

Was geschieht, wenn Versicherungsgesellschaften auf Auskünften über Ergebnisse von vorliegenden Gentests bestehen oder sogar Gentests verlangen dürfen?

Schöffski:

Antragsteller könnten sozial notwendigen Versicherungsschutz nicht mehr erhalten, ihr "Recht auf Nichtwissen" könnte gefährdet sein und sie könnten auf medizinisch sinnvolle Tests verzichten, da sie Nachteile beim Versicherungsschutz befürchten. Auch wäre eine immer stärkere Risikoselektion zulasten der Krankenkassen wahrscheinlich. Die dort Versicherten ­ in der Regel mit einem niedrigen Einkommen ­ übernehmen dann solidarisch die Krankheitskosten der Hochrisikopersonen. Die doppelt Bevorzugten ­ hohes Einkommen, gute genetische Ausstattung ­ können sich dagegen zu besten Konditionen privat versichern.

Was würde es für die Unternehmen bedeuten, wenn Kunden derartige Erkenntnisse verheimlichen dürften?

Schöffski:

Auch die Unternehmen müssen geschützt werden. Verheimlicht beispielsweise ein Antragsteller bei einer Lebensversicherung seine schlechte genetische Ausstattung, wird er zu einer Standardprämie versichert, mit der die Versicherung sicherlich Verluste macht. Der Antragsteller hat sogar einen Anreiz, über das normale Maß hinaus Versicherungsschutz nachzufragen. Dieses geht zulasten der gesamten Versichertengemeinschaft, die höhere Prämien aufzubringen hat. Ein solches Unternehmen wird am Markt nicht mehr lange existieren.

Brauchen wir also ein Gesetz zur Verwendung von Gentests im Versicherungswesen?

Schöffski:

Eine gesetzliche Regelung ist unabdingbar, mit der sowohl die Rechte der Versicherten als auch die der Versicherungsunternehmen geschützt werden. Eine Selbstverpflichtung der Branche ist unzureichend, da damit keine Sanktionsmechanismen verbunden sind.

Dieser Artikel ist hilfreich. 297 Nutzer finden das hilfreich.