Gentests Meldung

Genanalysen sollen die Versicherungswelt nicht auf den Kopf stellen dürfen, sagen die Parteien. Die Versicherer wollen ein Hintertürchen.

Mit 44 Jahren wird das neugeborene Mädchen mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkranken ­ eine Horrorvision der Genanalyse. Eine solche drohende Krankheit ist erschreckend, aber auch die Vorstellung, das Schicksal eines Menschen könne in dieser Weise vorherbestimmt sein. Außerdem kann eine schlechte genetische Prognose schnell gegen einen Betroffenen gerichtet werden ­ eine teure Ausbildung für einen "Todgeweihten"? Eine Übernahme ins Beamtenverhältnis? Welche Versicherungsgesellschaft würde sein Krankheits-, Berufsunfähigkeits- oder Todesfallrisiko versichern? Wohl keine.

Noch ist die Wissenschaft zum Glück weit entfernt von derart treffsicheren individuellen Gesundheitsprognosen. Selbst bei erblichem Brustkrebs sagt eine Veranlagung nach Aussage von Klaus Zerres von der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik in München noch nicht viel darüber aus, ob eine Frau krank werde. Verlässliche Tests, die Antragsteller Versicherungsgesellschaften oder Beamtenanwärter ihrem Dienstherrn vorlegen könnten, gibt es heute nur für sehr wenige Erbkrankheiten wie beispielsweise eine familiäre Darmkrebserkrankung oder die Nervenkrankheit Chorea Huntington. Doch was nicht ist, kann ja werden.

In Großbritannien dürfen Versicherungsgesellschaften seit dem vergangenen Jahr Antragsteller nach einem vorhandenen Gentest zur Chorea Huntington fragen. Hierzulande sind Anhänger aller politischen Parteien gegen irgendeine Erlaubnis. Die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel hat sich schon vehement gegen die "Selektion der Supermenschen" gestellt. SPD und Grüne wollen ein Gesetz gegen die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer genetischen Disposition verabschieden. Es soll Firmen, Behörden und Versicherungsgesellschaften verbieten, Menschen aufgrund ihrer Anlagen unterschiedlich zu behandeln.

Versicherer für freiwillige Lösung

Gentests Meldung

"Eine gesetzliche Regelung befürworten wir nicht", sagt dagegen Gabriele Hoffmann, Sprecherin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. Ein Gesetz sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll, weil damit etwas geregelt werde, was noch nicht existiere. Hoffmann: "Außerdem werden prognostizierende Gentests von den Menschen bisher nicht akzeptiert."

Statt einer gesetzlichen Regelung unterstütze die Versicherungsbranche die Idee einer Selbstverpflichtung, die bereits praktiziert werde. Hoffmann: "Wir verzichten freiwillig darauf, Ergebnisse von Gentests abzufragen." Eine solche Selbstverpflichtung könne der weiteren Entwicklung leichter angepasst werden als ein Gesetz. Hoffmann: "Wenn das erst mal da ist, ist es da." Nach Ansicht des Nürnberger Gesundheitsökonomen Oliver Schöffski reicht eine Selbstverpflichtung aber nicht aus.

Vorbild aus Österreich

Die Grünen sind derselben Ansicht und haben bereits einen Entwurf für ein Gesetz erarbeitet, das dem Vorbild aus Österreich ähnelt. Das Nachbarland hat die Verwendung von Gentests schon 1994 verboten. Ein Gentest darf dort nur nach umfassender ärztlicher Beratung gemacht werden und ist verschreibungspflichtig. Birgit Laubach, Justiziarin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen: "Verschreibungspflichtig muss sein. Auf keinen Fall soll man einen Gentest in der Apotheke kaufen können." Auch der deutsche Entwurf sieht vor, dass private Kranken- und Lebensversicherungen genetische Daten nicht zur Grundlage von Risikobewertungen machen dürfen. Weder der Vertragsabschluss darf von einem Gentest abhängig gemacht werden, noch darf ein Unternehmen verlangen, dass bereits vorhandene Daten offen gelegt werden.

Die Sprecherin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, Gabriele Hoffmann: "Zurzeit hätten wir damit kein Problem. Aber irgendwann könnte ein solches Verbot dazu führen, dass unsere Beitragskalkulation ausgehebelt wird." Um den Versicherungsbeitrag richtig zu kalkulieren, müsse ein Antragsteller schließlich alle risikoerheblichen Umstände angeben. Hoffmann: "Diejenigen, die ihr genetisches Risiko kennen und verschweigen dürfen, zahlen dann den normalen Beitrag. Das ist nicht gerecht."

Justiziarin Laubach hält dieses Problem nicht für bedeutend: "Schließt ein Kunde eine ungewöhnlich hohe Lebensversicherung ab, nachdem er aus einem Gentest erfahren hat, dass er nur noch wenige Wochen leben wird, können sich die Versicherungsgesellschaften auch weiterhin wegen Sittenwidrigkeit dagegen wehren."

Das geplante Gesetz soll festschreiben, dass ein Betroffener jeder Erhebung, Verwendung oder Veröffentlichung von genetischen Daten zustimmen muss. Laubach: "Menschen dürfen nicht gezwungen werden, über einen Gentest wider Willen zu erfahren, dass sie möglicherweise von einer bestimmten Krankheit bedroht sind."

Das Bundesgesundheitsministerium koordiniert die Arbeit zum Thema Gentests. "Es ist bereits beschlossen, dass die Koalitionsparteien eine Arbeitsgruppe bilden, um einen gemeinsamen Gesetzentwurf abzustimmen", sagt dessen Sprecherin Andrea Jozefini. Ob ein entsprechendes Gesetz noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werde, sei aber offen.

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