Gentechnik in Lebensmitteln Test

Essen oder nicht essen? Auch Popcorn kann gentechnisch verändert sein.

Vor zwei Jahren haben wir in vielen Produkten gentechnisch veränderte Zutaten aus Soja oder Mais gefunden. Mit enormer Wirkung: Die meisten sind aus den Supermärkten verschwunden. Das zeigt unsere aktuelle Stichprobe.

„Reichelt reagiert auf Gen-Alarm. Lebensmittelhändler räumt verdächtige Produkte aus den Regalen.“ So der Tagesspiegel vom 28. Juli 2000. Am Vortag hatte die Berliner Zeitung schon gemeldet: „Einzelhandel reagiert auf Untersuchung der Stiftung Warentest.“ Was war geschehen? Wir hatten das Ergebnis unseres ersten Gentechnik-Tests bekannt gegeben: 31 der 82 getesteten Lebensmittel enthielten transgene Zutaten aus Soja oder Mais mit Spitzenwerten von bis zu 20 Prozent – deklariert war keine davon.

Schlagzeilen wie „Kennzeichnungspflicht bei Gen-Produkten wird missachtet“ (Welt) oder „Der getäuschte Verbraucher“ (Süddeutsche) erhitzten nicht nur die Gemüter der Kunden, auch Handel und Politik waren in Aufruhr. Etliche Einzelhändler nahmen die gentechnisch veränderten Lebensmittel aus den Regalen. Auch der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke reagierte prompt und forderte schärfere Vorschriften für die Kennzeichnung.

Nur noch Spuren

Gentechnik in Lebensmitteln Test

In Brot kann verändertes Soja oder Mais sein. Wir haben nichts gefunden.

Heute, zwei Jahre später, haben wir uns wieder auf den Weg gemacht und stichprobenartig 82 verschiedene Lebensmittel mit Soja oder Mais eingekauft, möglichst die gleichen wie damals. Unser erster Eindruck: Die grüne Gentechnik ist auf dem Rückzug. In keinem der Produkte haben wir transgene Zutaten über 0,1 Prozent gefunden – kein Vergleich zu den damaligen Spitzenwerten.

Somit hat unser erster Test auch nachhaltig Wirkung gezeigt: Keins dieser deutlich veränderten Produkte steht heute noch in dieser Form im Supermarkt. Das holländische Soja-Eis „Tofutti Madagaskan Vanilla Luxury Non Dairy Frozen Dessert“ war nicht mehr auffindbar. Andere haben die Zutaten geändert: Der englische Riegel „SIS Science in Sport Go Bar Mango and Papaya“ mit knapp 20 Prozent transgenem Soja damaliger Spitzenreiter, enthält kaum noch bestimmbare Spuren, die US-Backmischung „Bisquick Shake'n Pour Original Pancake Mix“ gar kein Soja und Mais mehr.

Auch die damals als „gering“ verändert eingestuften Produkte mit Werten zwischen 0,2 und 1 Prozent konnten unsere Einkäufer entweder nicht mehr finden, wie zum Beispiel den pflanzlichen Brotaufstrich von „Berief Olé“. Oder die Lebensmittel enthielten nur noch Spuren unter 0,1 Prozent, wie das vegetarische Schnitzel von Granovita.

Insgesamt fanden wir – ähnlich wie im Vortest – in 27 von 82 untersuchten Lebensmitteln gentechnisch veränderte Zutaten. In den meisten Fällen war das Soja verändert, in fünf der Mais – allerdings haben wir durchweg nur Spuren unter 0,1 Prozent gefunden. Das liegt weit unter dem Schwellenwert von 1 Prozent, den die EU-Kommission zwingend für die Kennzeichnung vorschreibt.

Kein neues „Genfood“

Gentechnik in Lebensmitteln Test

Im vegetarischen Brotaufstrich ist diesmal natürliches Soja.

Auch europaweit scheinen transgene Lebensmittel, auch „Genfood“ genannt, weniger zu werden. Im Rahmen unseres von der Europäischen Union (EU) geförderten Tests wurden auch in Island, Österreich, Slowenien, Polen und Frankreich über 230 Soja- und Maisprodukte auf gentechnische Veränderungen untersucht. Das Ergebnis: Wenn überhaupt, dann enthielten die meisten Lebensmittel nur Spuren unter 0,1 Prozent. Nur drei tanzten deutlich aus der Reihe: ein Riegel aus Frankreich, Maisgrieß und ein vegetarischer Hot Dog aus Slowenien.

Professor Helmut Erbersdobler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), bestätigt den rückläufigen Trend: „In den letzten Jahren stagniert Deutschland – ja Europa – auf dem Gebiet der grünen Gentechnik. Es wurden keine neuen Lebensmittel mehr zugelassen. Und das, obwohl die grüne Gentechnik weltweit betrachtet auf dem Vormarsch ist“, so Erbersdobler.

Seit 1998 gibt es einen Zulassungsstopp für neue, gentechnisch veränderte Pflanzen in der EU. Der Import von bereits zugelassenen Soja-, Mais- und Rapssorten ist nur für die Verarbeitung erlaubt, der Anbau ausschließlich für Mais. Trotzdem kommt gerade Soja und Mais als Zutat in schätzungsweise 30 000 Lebensmitteln immense Bedeutung zu.

Verbraucher haben keine Chance

Gentechnik in Lebensmitteln Test

In Sportlerriegeln haben wir wieder verändertes Soja gefunden – aber nur wenig.

Doch über 70 Prozent der Europäer sind laut Bundesverband der Verbraucherzentralen gegen transgene Lebensmittel. Sie haben aber keine Chance, Gentechnik von ihrer Speisekarte zu verbannen. Zum einen ist gentechnisch veränderte DNA (Erbsubstanz) in Produkten wie Sojaöl oder Cornflakes nicht nachweisbar, weil sie während der Verarbeitung unter extremer Hitze abgebaut wird. Zum anderen müssen transgene Bestandteile unterhalb des Schwellenwerts von 1 Prozent nicht deklariert werden, wenn der Anbieter nachweisen kann, dass sie zufällig in sein Produkt gelangt sind. Aber der Zufall ist beinahe Regel, wie unser Test zeigt. In Zeiten fortschreitender Globalisierung können weder Industrie noch Handel Spuren gentechnischer Veränderungen ausschließen. Die EU importiert jährlich Millionen Tonnen Getreide und Hülsenfrüchte aus Nord- und Südamerika, den führenden Ländern im Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. In den USA macht transgenes Soja bereits die Hälfte der Anbaufläche aus, veränderter Mais immerhin ein Viertel. Trotz Zulassungsstopp hat die Gentechnik auch bei uns längst Einzug gehalten: Pollenflug, gemeinsame Lager oder Transporter mischen Spuren transgener Pflanzen unter konventionelle. So wiesen Forscher veränderte Maisgene in natürlichen Sorten in abgelegenen Regionen Mexikos nach. Wie unsere Tabelle zeigt, sind weder Bio-Label noch Hinweise wie „ohne Gentechnik“ eine Garantie. Um Vermischungen langfristig völlig auszuschließen, müsste die grüne Gentechnik weltweit abgeschafft werden.

Welche Folgen veränderte Pflanzen für Mensch und Umwelt haben, ist noch nicht geklärt. Mit zwei Jahrzehnten ist die grüne Gentechnik noch zu jung, um Langzeitrisiken voraussagen zu können. Befürworter führen höhere Ernteerträge, Resistenz gegen Pestizide und Insekten an. Sie argumentieren auch mit einer besseren Produktqualität. Daran wird aber auch noch gearbeitet.

Einen konkreten Nutzen hat der Verbraucher derzeit also noch nicht. Im Gegenteil: Kritiker befürchten, dass Menschen an neuen Allergien erkranken oder Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken könnten. Auch für die Umwelt bestehen Risiken wie unkontrollierte Kreuzungen und Superunkräuter.

Vielleicht bald Recht auf freie Wahl

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Tortilla-Chips sind in Mode – manche enthalten Spuren von transgenem Mais.

Egal, wie man zur Gentechnik steht, der Verbraucher sollte sein Recht bekommen: das auf freie Entscheidung für oder gegen Gentechnik. Vor zwei Jahren hatte sich die Stiftung Warentest für die durchgehende Kennzeichnung transgener Lebensmittel und für die Senkung des Schwellenwerts ausgesprochen.

Mittlerweile hat die EU reagiert. Mit einem neuen Gesetz für gentechnisch veränderte Lebensmittel will sie Klarheit in Supermärkte, Bioläden und Restaurants bringen. Kernpunkte sind die vollständige Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung von Lebensmitteln und Futter. Erst nach Inkrafttreten dieser Regelungen soll der Zulassungsstopp für neue Pflanzen aufgehoben werden.

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