Genomforschung Meldung

Der Krebsspezialist Dr. Peter Daniel leitet an der Robert-Rössle-Krebs-Klinik, die zur Berliner Charité und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin gehört, das Immun- und Gentherapielabor. Die Arbeitsgruppe untersucht unter anderem, wie verschiedene Gene in Tumorzellen zusammenwirken und warum sie das zügellose Wachstum der Krebsgeschwulst nicht stoppen können. Die Berliner Krebsgesellschaft verleiht Dr. Daniel in diesem Jahr den Curt-Meyer-Gedächtnispreis für Krebsforschung.

Die Entzifferung des Genoms hat weltweit Euphorie ausgelöst. Über die praktische Bedeutung für die Medizin, den Nutzen für die Diagnose und Behandlung von Erkrankungen sprachen wir mit dem Krebsarzt und -forscher Dr. Peter Daniel.

Teilen Sie die Euphorie über die Entzifferung des menschlichen Genoms?

Unbedingt! Dieser Wissensfortschritt wird die Medizin revolutionieren ­ und zwar rasch. Er eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis von Krankheiten und ist auch die Grundlage für die Entwicklung neuer, innovativer Therapien. Die Entzifferung des Genoms ist aber nur der erste Schritt. Wichtig ist nun herauszufinden, warum einige Menschen krank werden, andere aber nicht. Der Schlüssel hierfür liegt in kleinen Gen-Unterschieden zwischen den einzelnen Menschen, die für Krankheitsneigungen verantwortlich sind.

Wie lassen sich die Erkenntnisse der Genomforscher für die Behandlung von Krankheiten nutzen?

Das humane Genomprojekt ermöglicht die Entwicklung neuer Methoden, um das Zusammenwirken der rund 30.000 menschlichen Gene besser zu verstehen. Das ist die Grundlage, um nun die Rolle dieser Gene für Krankheiten, etwa Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu klären. Wenn wir wissen, welche Gene Krankheiten verursachen, dann können wir solche Krankheiten früher erkennen, in einigen Situationen auch, bevor sie ausbrechen. Die genetische Diagnostik ist gerade dabei, zum Bestandteil des ärztlichen Alltags zu werden. Dadurch können auch neue Behandlungsmethoden entwickelt werden.

In welcher Weise sind Gene zum Beispiel an Krebserkrankungen beteiligt?

Gene kontrollieren die Vermehrung von normalen Körperzellen und auch den absolut notwendigen Zelltod. Werden diese Kontroll-Gene verändert, zum Beispiel durch chemische Schäden, durch Bestrahlung oder auch Krankheitserreger wie Viren, kann Krebs entstehen, weil die Zellen sich dann unbegrenzt vermehren. Er entsteht aber immer durch ein Zusammenspiel mehrerer Gen-Defekte.

Welche Impulse erwarten Sie von der Genomforschung für die Behandlung von Krebs?

Durch die neuen Erkenntnisse wird das Verständnis, wie die verschiedenen Gene zusammenwirken und Krebs entsteht, entscheidend beschleunigt. Ein Forschungsziel ist beispielsweise, genspezifische Medikamente zu entwickeln. Geklärt werden soll auch, warum Medikamente bei manchen Krebszellen gut und bei anderen Krebszellen nur schlecht wirken.

Dies hat bereits zur Entwicklung neuer Krebsmedikamente geführt, die bestimmte Gendefekte in Tumorzellen gezielt attackieren und Zellwachstum bremsen oder auch Todessignale in den Tumorzellen aktivieren. Hierdurch wird die Krebsbehandlung sanfter, die Giftigkeit für das normale, nicht vom Krebs befallene Gewebe drastisch vermindert oder sogar ganz aufgehoben. Wir stehen hier aber erst am Anfang.

Wie viel Hoffnung, wie viel Gewissheit steckt darin?

Natürlich viel Hoffnung, die aber berechtigt ist, wie die rasanten Entwicklungen der letzten Zeit zeigen. Solche neuen Krebsmedikamente werden bereits in klinischen Therapiestudien erprobt. Besonders eindrucksvoll sind zum Beispiel Medikamente, die die Aktivität bestimmter Eiweiße, so genannter Kinasen, im Tumor hemmen ­ sie revolutionieren gerade die Behandlung der chronisch-myeloischen Leukämie.

Im Grunde setzen Sie aber vor allem auf die Zukunft?

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken, muss man sagen, dass sehr viel in der Entwicklung ist, aber auch viele Entwicklungen noch nicht im klinischen Alltag angekommen sind. Patienten, die heute krank sind, profitieren häufig noch nicht von den neuen Erkenntnissen.

Zu einem anderen Krankheitskomplex: Welche Rolle spielen Gene bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Die Genforschung ist wichtig für das Verständnis aller Erkrankungen, denn unsere Gen-Ausstattung zusammen mit unserer Umwelt bestimmt, ob wir erkranken und wie schwer wir erkranken. Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen sind die beiden volkswirtschaftlich bedeutendsten Erkrankungen. Jeder zweite in Deutschland bekommt Krebs, jeder dritte stirbt daran, und etwa 50 Prozent der Menschen in Europa sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Unterschiedliche Gene regulieren zum Beispiel Blutdruck und Fettstoffwechsel, und es gibt bereits Medikamente, mit denen Fettstoffwechselstörungen sehr spezifisch und wirksam behandelt werden können. Die pharmazeutische Industrie arbeitet intensiv daran, auch andere genetische Defekte, die zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen können, mit Medikamenten gezielt zu behandeln.

Gilt denn die Annahme nicht mehr, dass ein gesunder Lebensstil die beste Vorbeugung ist?

Nicht nur Umwelteinflüsse und unser Verhalten ­ Rauchen, Übergewicht, Stress ­ bestimmen die Schwere der Erkrankung, sondern auch die individuelle genetische Ausstattung. Was wir aus dieser genetischen Ausstattung machen, ist die Sache jedes Einzelnen. Bis zu einem gewissen Grad können wir durch unseren Lebensstil Einfluss darauf nehmen, wie schwer die Erkrankung ausbricht.

Welche Rolle werden in Zukunft Gentests spielen, die Erbkrankheiten und Anfälligkeiten für andere Erkrankungen aufspüren?

Beim familiären Brustkrebs zum Beispiel kann man schon jetzt die Veranlagung, Tumoren zu entwickeln, voraussagen, wenn junge Frauen bestimmte genetische Veränderungen haben. Ob sie tatsächlich erkranken, kann man aber nicht mit Sicherheit sagen. Eine Frühdiagnose wird auch bei anderen Krebsarten durch Gentests ermöglicht, zum Beispiel beim erblichen Darm- und dem Bauchspeicheldrüsenkrebs oder auch bei einigen Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Stellenwert einer solchen Gendiagnostik ist aber zur Zeit Gegenstand intensiver Diskussionen. Die wichtigsten Fragen sind: Kann unser Gesundheitssystem eine solche Gendiagnostik überhaupt finanzieren, und ist sie ethisch vertretbar?

Was kann der einzelne Kranke oder noch Gesunde mit dieser Information anfangen?

Das ist für viele Genveränderungen noch nicht klar, da diese Erkenntnisse noch so neu sind. Hier können aber die Beratungsstellen der humangenetischen Institute, der Krebsinformationsdienst oder Selbsthilfeorganisationen, aber auch das Internet wertvolle Hilfe liefern.

Im Internet werden aber sicher bald auch Gentests für den Hausgebrauch angeboten werden.

Mit Gentests wird auch viel Missbrauch betrieben, denn sie werden angeboten, ob sie sinnvoll sind oder nicht. Dahinter stehen auch kommerzielle Interessen. In vielen Fällen muss vor Gentests gewarnt werden, weil ihr Nutzen bei vielen Erkrankungen noch nicht klar ist. Bei anderen, wie beispielsweise manchen Krebsarten, Störungen der Blutgerinnung, der Eisen-speichererkrankung Hämochromatose sind Tests gerechtfertigt, aber die Beurteilung, ob ein Gentest nötig ist oder nicht, sollte zurzeit noch Spezialisten überlassen werden. Es ist sicherlich verwegen, solche Gentests allgemein zugänglich zu machen, weil hier sehr viele Ängste und Befürchtungen geweckt werden.

Wie sinnvoll ist es, mit einem Gentest nach einer Krankheit zu suchen, die vielleicht nie oder erst Jahrzehnte später ausbricht?

Wenn die Krankheit nur durch ein einziges Gen ausgelöst wird, kann sie unter bestimmten Voraussetzungen exakt vorhergesagt werden. Das beste Beispiel hierfür ist die Chorea Huntington, der so genannte Veitstanz. Hier erkrankt jeder Mann, der das kranke Gen geerbt hat, im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt.

Sie kann aber nicht geheilt werden, wie viele andere auch. Wie nützlich ist eine solche Information für den Betroffenen?

Im Fall der Chorea Huntington kann der Betroffene nichts anderes machen, als auf den Ausbruch der letztlich fatal verlaufenden Krankheit zu warten ­ ein schreckliches Schicksal, da es hierfür noch keine heilende Behandlung gibt.

Sollte er dann überhaupt einen solchen Gentest machen?

Ja, denn dann ist die Entscheidung möglich, ob das Krankheitsgen an die nächste Generation weitergegeben werden soll. Mittels Gentests kann die Krankheit bereits in Embryonen festgestellt werden. Die Freiheit, solche Informationen zu erhalten, sollte jedem Einzelnen freigestellt sein. Mit den Konsequenzen muss sich aber die Gesellschaft auseinander setzen. Da kommen wir aber in das sehr problematische Gebiet der Eugenik. Wo ziehen wir die Grenze zwischen Krankheitsgenen und Genen, die nicht wirklich krank machen, sondern nur stören? Wer entscheidet, ob ein Gen oder eine Genkombination gut oder schlecht ist? Hier besteht noch erheblicher Nachholbedarf für Gen-Ethik.

Gibt es auch Krankheiten, die "Gen-Träger" selbst beeinflussen können?

Bei den meisten Erkrankungen spielen viele verschiedene Gene eine Rolle, sodass man nur sagen kann, ob die Veranlagung vererbt oder nicht vererbt wird. Der Betroffene könnte aber zum Beispiel sein Leben darauf einstellen ­ eine optimal gesunde Ernährung wählen, Stress vermeiden, nicht mehr rauchen oder vorbeugende Medikamente einnehmen. Schon jetzt weiß man, dass die Einnahme von Aspirin vor einem Herzinfarkt schützt, aber auch vor Darmerkrankungen und Krebs. Hier findet gerade intensive Entwicklungsarbeit statt, um die verantwortlichen Gene zu erkennen. Möglicherweise kann man dann bestimmte Patienten identifizieren, die von einer solchen Vorbeugung durch Medikamente besonders gut profitieren würden.

Was würden Sie sich wünschen, in welche Richtung die Entwicklung gehen sollte?

Mein Traum ist, dass wir Ärzte Gen-angepasste Medikamente in die Hand bekommen, um eine auf das individuelle genetische Risikoprofil angepasste Behandlung von Erkrankungen zu finden oder auch durch Medikamente oder Gentherapie eine bessere Behandlung von allen Erkrankungen zu erzielen.

Auf welchem Gebiet erwarten Sie die schnells-ten Fortschritte?

Bei Krebserkrankungen sind schon erste Medikamente verfügbar, die bestimmte Gendefekte in Tumoren nutzen. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind schon Medikamente in der klinischen Prüfung, die spezifisch bestimmte Gene und deren Produkte, also die Eiweiße, als Angriffsziele haben. Dies ist bereits real und wird bei diesen beiden volkswirtschaftlich bedeutsamen Krankheitsgruppen auch in der näheren Zukunft raschen Wissensgewinn und Fortschritte in der konkreten Anwendung für Diagnose und Behandlung bringen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 377 Nutzer finden das hilfreich.