Gelatine Meldung

Der BSE-Skandal hat auch die Gelatine ins Rampenlicht gerückt, denn das Geliermittel ist tierischen Ursprungs. Auch bei Arzneimitteln wird Gelatine eingesetzt. Wie hoch sind hier die Risiken?

Gelatine ist nicht nur im Lebensmittel-, sondern auch im Pharmabereich allgegenwärtig. Fast jeder, der irgendwelche Arznei- oder Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralstoffe schluckt, kommt mit dem Stoff, der aus Haut und Knochen von Rindern und Schweinen gewonnen wird, in Kontakt. Gelatine umhüllt und schützt lichtempfindliche Arzneistoffe oder Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine. Sie bindet medikamentöse Wirkstoffe in der Kapsel oder Tablette und hilft so, die Zerfallzeit und damit die Resorption der Wirkstoffe zu regulieren. Glaubt man den Versprechen einiger Hersteller, kann sie auch Fingernägeln zu kräftigerem Wachstum verhelfen und vielleicht sogar bei Arthrosebeschwerden die Gelenke schmieren. In Reduktions- und Pulverdiäten soll Gelatine das Abnehmen erleichtern. Große Mengen Wasser können mit ihr kalorienarm gebunden werden und so dem Magen ein gewisses Sättigungsgefühl vorgaukeln. Auch beim Zahnarzt und in der Chirurgie ist Gelatine anzutreffen. In aufgeschäumter Form stillt sie die Wundblutung. In die offene Wunde eingeführt, saugt sie das Blut auf und wird anschließend völlig resorbiert.

Schweineschwarten, Rinderspalt

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Interviewpartner Dipl.-Ing. Reinhard Schrieber, Vorstand der DGF Stoess AG, einer der weltgrößten Gelatinehersteller. Ehemals Präsident der Vereinigung europäischer Gelatinehersteller (GME).

Rohstoff für die Gelatinegewinnung ist tierisches Bindegewebe, genauer gesagt, ein darin enthaltener Eiweißstoff, das Kollagen. Besonders kollagenhaltig sind Rinderknochen und Tierhäute von Rind und Schwein.

Sie werden zu Speise- und Pharmagelatine verarbeitet ­ Fotogelatine gibt es auch noch. Vor allem in Deutschland wird Speisegelatine zum überwiegenden Teil aus Schweineschwarten hergestellt. Das ist zum einen billiger als die Gewinnung aus Rinderrohstoffen, zum anderen hat es küchen- und produktionstechnische Vorteile. Gelatinelösung aus Schweinehaut ist besonders hell und klar und eignet sich deshalb gut für die Zubereitung von Speisen. Und sie lässt sich leicht in Form gießen, was zum Beispiel bei der Herstellung von Gummibärchen wichtig ist. Geeignet ist vor allem die Haut sehr junger Tiere, die noch nicht stark vernetzt und starr ist. Aus ihr lässt sich bereits nach eintägiger Säurebehandlung das enthaltene Kollagen herauslösen.

Pharmagelatine wird häufig aus Rinderknochen und Rinderhaut gewonnen. Sie hat unter anderem den Vorteil, im getrockneten Zustand besonders elastisch zu sein, was beispielsweise bei Gelatinekapseln sehr wichtig ist. Darüber hinaus können so hergestellte Produkte auch gut in islamische Länder exportiert werden, da Muslimen der Genuss von Schweinefleisch verboten ist.

Um den Rinderknochen und der Rinderhaut das Kollagen zu entziehen, ist allerdings ein aufwendiges Verfahren nötig. Das Knochenschrot wird zuerst entfettet, dann durch eine mehrtägige Behandlung mit verdünnter Salzsäure vom Kalziumphosphat befreit, das dem Knochen seine Festigkeit gibt. Anschließend wird dieses entmineralisierte Knochenschrot und auch der gereinigte Rinderspalt (die Mittelschicht von Rinderhäuten) für mehrere Wochen in Kalkmilch oder Natronlauge eingelegt. Danach wird wieder intensiv gewaschen, um restliche Mineralsalze zu entfernen. Erst nach dieser Prozedur kann der Gelatinesud herausgelöst werden.

Weitere Produktionsschritte gelten für alle Gelatinearten. Es muss filtriert, konzentriert und zu guter Letzt auch sterilisiert werden. Hierfür wird die Gelatinelösung etwa vier Sekunden lang auf 138 bis 140 Grad erhitzt. Anschließend wird sie dann noch getrocknet.

Ob Pharmagelatine oder Speisegelatine: Das Endprodukt besteht im Wesentlichen aus Eiweiß. Es enthält kein Fett, keine Kohlenhydrate, keine Konservierungsstoffe und ist ausgesprochen kalorienarm.

BSE-geprüft

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Interviewpartnerin Dr. Kari Köster-Lösche, Veterinärmedizinerin, Seuchenspezialistin, Buchautorin: "Das BSE-Komplott. Protokoll des kalkulierten Wahnsinns", Stiftung Ökologie und Landbau, Bad Dürkheim 2001, 29,80 Mark.

Pharmagelatine muss ­ wie Arzneimittel generell ­ ein Zulassungsverfahren durchlaufen. Schon die ausgewählte Herkunft des tierischen Rohmaterials lässt es höchst unwahrscheinlich erscheinen, dass von dem tierischen Geliermittel ein BSE-Risiko ausgeht. Die Hersteller beziehen die Rinder unter anderem aus Pakistan und Südamerika ­ aus Ländern, in denen nach Beobachtungen einer internationalen Kontrollorganisation noch nie ein BSE-Fall aufgetreten ist.

Hinzu kommen die vielen Schritte der Herstellung, die Säure- und die Laugenbehandlung, die Ultrahocherhitzung. Studien der Gelatineindustrie haben gezeigt, dass jeder der technologischen Schritte für sich allein in der Lage ist, zwischen 90 und 99 Prozent einer eventuellen Infektiosität zu beseitigen.

Auch im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Berlin sieht man kein zusätzliches Risiko im Verzehr von Gelatine. Bereits seit 1994 müssen die Hersteller von Medikamenten aus Rinderrohstoffen zahlreiche Sicherheitsanforderungen erfüllen. Sie müssen unter anderem nachweisen, woher die Rinder kommen, wie sie gefüttert wurden, aus welchen Organen die Grundstoffe stammen. Die Angaben werden nach Punkten gewertet. Nur Arzneimittel, welche die Höchstpunktzahl von 20 erreichen, werden zugelassen. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion liegt dann ­- so das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte -­ bei eins zu einer Million. In dieser Größenordnung ist das sporadisch bekannte Creutzfeld-Jakob-Syndrom seit jeher aufgetreten.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 1996 mitgeteilt, dass hinsichtlich der Sicherheit von Gelatine keinerlei Bedenken bestehen. Allerdings: Irren kann auch die WHO. So hatte sie einst begütigend erklärt, dass BSE auf den Menschen nicht übertragbar sei.

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