Gehirn und Alter Meldung

Wenn Körper und Geist allmählich schwächer werden, setzen viele Ältere auf Ginkgo oder Gehirntraining. Doch der geistigen Fitness hilft etwas anderes mehr.

Ein kompliziertes Netzwerk von rund hundert Milliarden Nervenzellen ist im Gehirn damit beschäftigt, Informationen zu verarbeiten, zu koordinieren und zu speichern. Ihre Aufgaben sind anspruchsvoll: sehen, hören, fühlen, denken, sprechen, handeln, bewegen, erinnern. Die Nervenzellen sind schon von Geburt an in voller Zahl vorhanden, die Vernetzung der Zellen untereinander nimmt dagegen in den ersten Lebensjahren explosionsartig zu.

Im Verlauf des Lebens und vor allem im Alter gehen viele der Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen – die Synapsen – wieder verloren. Das Gehirn braucht jetzt mehr Zeit, um Informationen weiterzu­leiten und zu verarbeiten. Denken, lernen und re­a­gieren dauern länger als früher. Gleichzeitig wird auch der Körper langsamer und schwerfälliger. Augen und Gehör lassen nach, Muskeln werden schwächer, Gelenke unbeweglicher. Dadurch ist das Gehirn zusätzlich gefordert.

Andererseits haben die Alten einen Wissens- und Erfahrungsschatz aufgebaut, der einen Teil der Einschränkungen ausgleichen kann. Doch viele Ältere wollen sich darauf nicht verlassen. Sie sorgen sich, im hohen Alter ihre Selbstständigkeit durch körperliche und geistige Einschränkungen zu verlieren. Deshalb setzen Sie auf „Wunderwaffen“, um ihrem Gehirn auf die Sprünge zu helfen, beispielsweise auf Ginkgo oder Gehirnjogging mit Denksportaufga­ben. Doch der Nutzen ist fragwürdig. Das ist das Ergebnis von zwei neuen Studien.

Ginkgo hält geistigen Abbau nicht auf

Gehirn und Alter Meldung

Auf Ginkgo werden seit Jahren große Hoffnungen als Jungbrunnen fürs Gehirn gesetzt. Die Hersteller von Ginkgotabletten und -tropfen nutzen einen Extrakt aus den Blättern des in Asien beheimateten Ginkgo-Baumes. Sie versprechen zum Beispiel, die „Funktionsfähigkeit der Nervenzellen“ verbessere sich, „die Konzentrationsfähigkeit steigt, die emotionale Ausgeglichenheit und Belastbarkeit nehmen zu, die Gedächtnisleistung verbessert sich“. So steht es etwa im Beipackzettel von Tebonin, einem der umsatzstärksten Ginkgopräparate.

Eine große amerikanische Studie, an der sechs Unikliniken beteiligt waren, fand jedoch keine Bestätigung dafür, dass Ginkgo den geistigen Abbau bei älteren Menschen verlangsamt. Die Wissenschaftler testeten mehr als 3 000 Senioren zwischen 72 und 96 Jahren rund sechs Jahre lang alle sechs Monate auf ihre allgemeine geistige Fitness. Außerdem prüften sie spezielle Gehirnfunktionen, wie zum Beispiel die Konzentra­tionsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und das Gedächtnis.

Die Hälfte der Probanden nahm zweimal täglich ein Ginkgopräparat ein, die anderen ein genauso aussehendes Scheinmedikament (Placebo). Die Forscher fanden keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Schon vor einem Jahr hatten die Wissenschaftler gezeigt, dass Ginkgo nicht vor einer Demenzerkrankung schützt.

Gehirnjogging wird überschätzt

Mithilfe von Denksportaufgaben, sogenanntem Gehirnjogging, kann der Mensch immerhin bestimmte Fähigkeiten trainieren, zum Beispiel die Reaktionsgeschwindigkeit oder logisches Denken. Doch auf andere geistige Fähigkeiten oder die allgemeine geistige Fitness haben die Trainingsprogramme keine spürbaren Auswirkungen.

Darauf weist das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) hin, das verschiedene Studien ausgewertet hat. Bei den Studien mussten die Teilnehmer zum Beispiel auf einem Bildschirm möglichst schnell bestimmte Symbole finden oder Buchstaben- und Wortreihenfolgen ergänzen.

„Dr. Kawashima“ und Sudoku

Das sehen auch zahlreiche andere Wissenschaftler ähnlich. Schon im vergangenen Jahr forderten 30 Alters- und Gehirnforscher in einem Memorandum, die Wirksamkeit elektronischer Hirnjogging-Produkte wissenschaftlich zu überprüfen. Computerprogramme, wie zum Beispiel „Dr. Kawa­shimas Gehirnjogging“, machen inzwischen solch klassischen Denksportspielen wie Puzzles, Sudokus und Kreuzworträtseln Konkurrenz. Eine steigende Zahl kommerzieller Anbieter verspricht, die geistigen Fähigkeiten im Alter durch Hirntraining erhalten oder steigern zu können.

Die Wissenschaftler vermissen aber Belege dafür, dass solche Trainingsprogramme und Denkspiele sich auch im Alltag auswirken und zum Beispiel das Gedächtnis verbessern. Eine kurzfristige Verbesserung einzelner Fertigkeiten dürfe nicht mit dem langfristigen Erhalt geistiger Fähigkeiten verwechselt werden, heißt es in der Erklärung. „Wenn kommerzielle Trainingsprogramme mit solchen Versprechen verknüpft werden, ist das unseriös und unethisch“, sagt Professor Florian Schmiedek. Auch er hat das Memorandum zum Gehirnjogging unterzeichnet. Der Psychologe vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main erforscht die geistige Entwicklung im Verlauf des Lebens, speziell auch im Alter.

Ältere sollten sich etwas zutrauen

Gezieltes Hirntraining ist aber durchaus möglich, erläutert Professor Schmiedek. Auch Ältere können neue Aufgaben lernen und sich deutlich verbessern, wenn sie regelmäßig üben. „Sie sollen sich ruhig etwas zutrauen“, meint er. „Wenn sie feststellen, dass sie etwas Neues lernen, fördert das auch die Motivation.“ Besonders hilfreich ist es, Aufgaben zu trainieren, die sie auch im Alltag brauchen. Wenn sich jemand häufig Zahlen merken muss, etwa Preise oder Telefonnummern, kann es sich lohnen, entsprechende Strategien einzuüben.

Persönlichen Interessen nachgehen

Sinnvoller als teure und zeitaufwendige Trainingsprogramme fürs Gehirn sind manchmal ganz einfache Methoden. „Zahlreiche Studien zeigen, dass ein geistig aktiver Lebensstil positive Auswirkungen hat“, erklärt Florian Schmiedek. Man sollte sich aber nichts vorschreiben lassen. Persönliche Interessen regen das Gehirn meist besser an als standardisierte Tüftelaufgaben: Schach spielen oder eine Fremdsprache lernen, ein neues Kochrezept ausprobieren, mit den Enkelkindern spielen oder wandern gehen. Dabei kann auch Gehirnjogging ein Bestandteil des aktiven Lebens sein, meint Professor Schmiedek, vor allem wenn es Spaß macht und nicht mit unrealistischen Erwartungen verknüpft ist.

Wissenschaftlich nachgewiesen ist übrigens, dass auch sportliche Aktivität positive Auswirkungen aufs Gehirn hat. Ausdauertraining steigert Aufmerksamkeit, Denkvermögen und Gedächtnisleistung.

Tipp: Wer im Alter geistig fit bleiben will, sollte sich ein wenig anstrengen. Das Gehirn muss nämlich laufend gefordert werden, damit es nicht verkümmert. Wer sich seinen Wissensdurst erhält, egal auf welchem Gebiet, ist vor geistigem Stillstand geschützt. Wer sich zudem mit anderen Menschen austauscht und auch körperlich bewegt, kann die Einbußen, die das Alter mit sich bringt, ausgleichen oder doch zumindest verzögern.

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