Mit einem Blick in die Augen können Ärzte das Schlaganfallrisiko eines Patienten ermitteln. Eine neue Früherkennungsuntersuchung wird jetzt in mehreren deutschen Städten angeboten.

Die Untersuchung dauert nur wenige Minuten, doch sie könnte tief greifende Auswirkungen haben: Wer frühzeitig Gefäßschäden erkennt, kann sein Erkrankungsrisiko verringern. Am Anfang steht der Blick in ein Funduskop – das ist ein Mikroskop zur Beurteilung der Netzhaut, das jeder Augenarzt benutzt. Wissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg haben dieses Untersuchungsverfahren erweitert und ihm den klingenden Namen „Talking Eyes“ – sprechende Augen – verpasst.

Das findige Funduskop

Eine in das Funduskop eingebaute Spezialkamera fotografiert zunächst die Netzhautgefäße. Das ist ganz einfach, nicht einmal die Pupillen müssen mit Augentropfen weit gestellt werden. Die Bilder werden per Datenleitung an die Erlanger Universitätsaugenklinik geleitet, wo die Spezialisten das individuelle Risiko ermitteln. Sie empfehlen diese Art der Diagnostik vor allem Menschen zwischen 30 und 50 Jahren, die noch keine Krankheitssymptome bemerken, selten zum Arzt gehen, aber eventuell ein verstecktes Risiko haben.

Gefäßerkrankungen entwickeln sich schleichend über viele Jahre hinweg. Die klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Bewegungsmangel oder Rauchen greifen die Gefäße zunächst meist unbemerkt an. Am Ende eines langen Prozesses steht jedoch häufig ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt. Damit es gar nicht erst so weit kommt, wollen die Mediziner jetzt die Augen als Frühwarnsystem nutzen. Sie machen sich die einfache Tatsache zunutze, dass die feinen Arterien und Venen der Netzhaut leicht einsehbar sind und frühzeitig Veränderungen wie etwa Verkalkungen oder Verengungen zeigen, ehe der Betroffene etwas bemerkt. Der Zustand der Augengefäße erlaubt Rückschlüsse auf die Gesundheit der anderen Gefäße, zum Beispiel im Gehirn oder am Herzen.

Die winzigen Adern der Netzhaut breiten sich vom Sehnerv aus nach allen Seiten aus. Bei gesunden Menschen verlaufen sie fast gerade, geschlängelte Gefäße verweisen auf eine Schädigung. Als Warnzeichen dienen auch verengte Arterien und erweiterte Venen. Einige Veränderungen kann der Augenarzt schon mit dem Mikroskop erkennen. „Doch das neue diagnostische Verfahren nutzt die digitale Fotografie und eine neu entwickelte Mustererkennungssoftware, um Veränderungen sichtbar zu machen, bevor ein Arzt sie wahrnimmt“, erklärt der Pionier der Methode, Professor Georg Michelson.

Die Software misst den Durchmesser von Arterien und Venen und berechnet deren Verhältnis zueinander. Ergebnis ist eine Kennzahl – der AV-Wert. Normal sind je nach Alter Werte von 0,8 bis 0,9. Je niedriger der AV-Wert ist, umso ausgeprägter sind Gefäßveränderungen und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit eines späteren Schlaganfalls. Nach dieser computergestützten Auswertung beurteilt ein Facharzt die Netzhaut und den Sehnervenkopf. Unter anderem achtet er dabei auf Anzeichen von Einblutungen, auf Mikro­infarkte, auf Gefäßverengungen und Wasseran­sammlungen im Gewebe.

Weitere Informationen liefert den Ärzten ein Fragebogen, den die Patienten vorher ausfüllen. Sie machen darin Angaben zu Blutdruck- und Blutfettwerten, zu Herz-Kreislauf- und Diabetes-Erkrankungen von Eltern und Großeltern, zu ihren sportlichen Aktivitäten und ob sie rauchen. Zusammen mit dem Computercheck und der ärztlichen Bewertung der Bilder und Daten ergibt sich daraus das individuelle Risikoprofil.

Die fünf Risikoklassen

Es gibt fünf Risikoklassen, von „nicht erhöhtes“ bis „stark erhöhtes Risiko“. In der höchsten Stufe kann das Schlaganfallrisiko bis zu sechsfach erhöht sein. Nach zwei bis vier Wochen wird das Ergebnis per Post zugeschickt oder kann mit einem Passwort am Computer abgefragt werden. Auf Wunsch der Untersuchten können die Daten auch einem Arzt zugänglich gemacht werden.

Den Medizinern liegt vor allem daran, Gefäßveränderungen so frühzeitig zu erkennen, dass sie noch zu stoppen oder sogar rückgängig zu machen sind. „Wir wollen herausfinden, welche Personen besonders gefährdet sind“, so Professor Michelson. „Ihnen empfehlen wir einen Arztbesuch und eine erweiterte Diagnostik.“ Diese Untersuchungen müssen die Patienten in der Regel ebenso wie den Augencheck selbst bezahlen. Dazu zählen beispielsweise ein 24-Stunden-Blutdruckprofil oder die Bestimmung verschiedener Blutwerte wie LDL- und HDL-Cholesterin, Triglyceride, Homocystein und C-reaktives Protein. Anhand dieses sehr detaillierten Risikoprofils kann der Hausarzt dann gezielt die individuellen Risiken – Bluthochdruck etwa oder Diabetes – behandeln. Wer seinen Lebensstil verändert, sich mehr bewegt zum Beispiel oder mit dem Rauchen aufhört, kann auch selbst etwas für seine Gesundheit tun. Bei vielen Menschen ist dann gar keine Therapie mit Medikamenten erforderlich, vor allem bei Schäden im Anfangsstadium. Ob Behandlung und Prävention erfolgreich waren, lässt sich nach einiger Zeit wieder an den Augen ablesen. Wenn die Gefäßveränderungen früh erkannt werden, bilden sie sich nämlich wieder zurück.

Dem Verfahren liegen Studien der Universität Wisconsin mit 10 000 Patienten und eine Pilotstudie der Erlanger mit mehr als 7 000 Patienten zwischen 40 und 60 Jahren zugrunde. In Erlangen ermittelten die Ärzte aufgrund von Netzhautveränderungen bei knapp 20 Prozent der Untersuchten ein erhöhtes Gefäßrisiko. Fast 10 Prozent hatten nichts von ihrer Gefährdung geahnt. Bis zum Ende des Jahres sollen etwa 20 000 weitere Personen untersucht sein, vor allem mit Unterstützung der Siemens Betriebskrankenkasse, die den Check in mehreren Städten anbietet. Langfristig hoffen die Erlanger Pioniere auf die Kooperation der gesetzlichen Krankenkassen und ein bundesweites Screening.

„Ein erhöhtes Risiko heißt nicht“, so Professor Michelson, „dass zwangsläufig ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt kommen muss. Lediglich die Wahrscheinlichkeit ist erhöht.“ Auch wenn die Wissenschaftler kein Risiko ermittelt haben, raten sie dem Untersuchten zu einem gesunden Lebensstil: „Bei Ihnen liegt nur ein nicht erhöhtes Schlaganfallrisiko vor. Diese Risikoeinschätzung sagt nichts über die zukünftige Entwicklung aus. Also achten Sie auch in Zukunft gerade auf die beeinflussbaren Risikofaktoren wie erhöhte Blutfette, Bluthochdruck, Bewegungsmangel.“

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