Auch der Verbraucherzentrale Berlin (VZ) ist es nicht gelungen, die umstrittenen Grundgebühren für die Interneteinwahl „vanio.flexi“ endgültig zu stoppen. Immerhin: Wer Mitte Juni 2005 über den Smartsurfer in die Avanio-Falle getappt ist, erhält zumindest die Hälfte seines Geldes zurück. Das haben die VZ-Juristen in einem Vergleich mit dem Avanio-Anbieter ausgehandelt.

Überraschende Gebühren

Mitte Juni 2005: Der Tarif vanio.flexi ist mit 0,43 Cent pro Minute eine der günstigsten Interneteinwahlen. Der Anbieter heißt damals noch Avanio. Das Unternehmen meldet den Tarif beim Smartsurfer an. Das ist ein so genannter Least-Cost-Router; ein kleines Computer-Programm, das für die Verbindung zum Internet immer den aktuell günstigsten Tarif ermittelt. In der Folge wählen sich nach test.de-Schätzungen 800 000 bis 1 000 000 Surfer über den Smartsurfer bei Avanio ein. Zunächst surfen sie wie versprochen günstig. Doch ab August kassiert Avanio über die Telefonrechnung 4,50 Euro Grundgebühr - Monat für Monat und unabhängig davon, ob Betroffene vanio.flexi überhaupt noch nutzen.

Welle der Empörung

Als die Affäre ruchbar wird, ist der Ärger groß. In Internetforen schimpfen und wüten die Betroffenen. Hunderte von Strafanzeigen gehen bei der Staatsanwaltschaft Dresden ein. Den Avanio-Anbieter, der inzwischen Funsurf24 GmbH heißt, ficht das nicht weiter an. Beschwerden wertet das Unternehmen in der Regel als Kündigung im Einzelfall und streicht den Betroffenen von der Liste. Oft erstattet das Unternehmen auch einen Teil der Gebühren.

Verbraucherzentrale zieht vor Gericht

Verbraucherschützer schreiten zunächst nicht ein. Sie halten Avanio für eine von zahllosen weiteren Abzocker-Maschen ohne größere Bedeutung. Doch die Beschwerden reißen nicht ab. Immer wieder entdecken ahnungslose Internet-Nutzer Avanio-Gebühren in ihren Telefonrechnungen und stellen entsetzt fest, dass sie zum Teil über Jahre hinweg für einen Internetzugang zahlen, den sie gar nicht nutzen. Ende 2007 entscheidet die Verbraucherzentrale Berlin, doch noch vor Gericht zu ziehen, um die Abzockerei als unlauteren Wettbewerb zu stoppen.

Komplikationen im Wettbewerbsrecht

Doch der Fall entpuppt sich als kompliziert. Aus Sicht der VZ-Juristen klar: Die Smartsurfer-Einwahlen im Juni 2005 berechtigen Funsurf24 nicht, monatliche Grundgebühren zu kassieren. Erfolg hat die VZ-Klage jedoch nur, wenn die Avanio-Masche gleichzeitig auch unlauterer Wettbewerb ist. Da wirds schwierig: Die Anmeldung von vanio.flexi beim Smartsurfer ist längst verjährt. Nur den andauernden Einzug der Gebühren kann die VZ noch angreifen. Hinzu kommt: Im Lauf des Rechtsstreits stellt sich heraus, dass in zumindest zwei Präzedenzfällen der VZ die vanio.flexi-Einwahlen nicht privaten, sondern beruflichen Zwecken dienten. Die VZ darf jedoch nur die Interessen von Verbrauchern und nicht solche von Unternehmern oder Freiberuflern wahrnehmen.

Vergleich vor dem Landgericht

Also lassen sich die VZ-Juristen auf Verhandlungen mit Funsurf24-Anwalt Arthur Waldenberger ein. Am Ende protokolliert die Vorsitzende der Kammer für Handelssachen am Landgericht Dresden einen Vergleich: Funsurf 24 verpflichtet sich, allen Avanio-Opfern die Hälfte der Gebühren zu erstatten, wenn sie sich Mitte Juni 2005 per Smartsurfer eingewählt haben und das mit einem Ausdruck der Smartsurfer Gebührenübersicht, Kopien aller Telefonrechnungen und geeigneten Zahlungsbelegen nachweisen. Details zur Abwicklung und Musterschreiben liefert die VZ Berlin. Avanio-Anwalt Waldenberger stellt klar: Mit dem Vergleich sei kein Anerkenntnis verbunden.

Verantwortliche unter Anklage

Avanio-Opfer bindet der Vergleich nicht. Sie können selbstverständlich volle Erstattung der Gebühren verlangen und vor Gericht ziehen. Allerdings: Bisher scheiterten solche Klagen meist. Soweit bekannt, gelang es Betroffenen nur in drei Fällen, Funsurf24 zur vollständigen Erstattung der Gebühren zu bewegen. Nach Darstellung von Funsurf-Anwalt Waldenberger sind derzeit nur noch ungefähr ein Dutzend Fälle offen. Allerdings: Gegen die beiden Avanio-Verantwortlichen läuft ein Strafverfahren. Sie stehen inzwischen wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 416 Fällen unter Anklage und gelten als Angeschuldigte. Sie haben jetzt Gelegenheit, zur Anklageschrift Stellung zu nehmen. Der zuständige Strafrichter am Amtsgericht Dresden wird anschließend entscheiden, ob er das Hauptverfahren eröffnet oder das Verfahren vorläufig einstellt.

VZ Berlin: Infos und Musterschreiben für Avanio-Opfer

[Update 19.01.2010] Der zuständige Strafrichter am Amtsgericht Dresden hat das Strafverfahren gegen die Avanio-Verantwortlichen vorläufig eingestellt. Sie sollen allerdings 50 000 Euro an die Staatskasse zahlen. test.de berichtet.

[Update 02.07.2010] Inzwischen sind Avanio und Funsurf24 offenbar völlig verschwunden. Die Internetadressen www.avanio.de, www.avanio.net, www.funsurf24.de, www.funsurf24.net sind entweder nicht mehr erreichbar oder es ist kein Zugriff mehr erlaubt. Ungünstig für Avanio-Opfer, die noch Forderungen geltend machen wollen: Versuche, gerichtliche Schreiben unter früheren Firmen und Adressen zustellen zu lassen, scheitern. Nach Informationen der Stiftung Warentest von Januar 2010 firmierte das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt als DSLD Kommunikation Technik und Informationsaustausch GmbH mit Sitz in Dresden. Ob es das Unternehmen unter dieser oder einer anderen Bezeichnung noch gibt, ist test.de unbekannt. Auch eine genaue Adresse liegt nicht vor.

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