Gaskrise Eine neue Umlage kommt – was Haushalte wissen müssen

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Gaskrise - Eine neue Umlage kommt – was Haushalte wissen müssen
Gas. Die Versorgungs­sicherheit in Deutsch­land ist weiter gewähr­leistet, sagt die Bundes­netz­agentur. ©  Adoba Stock / by-studio

Seit Wochen liefert Russ­land weniger Gas als vertraglich vereinbart. Das treibt die Preise nach oben. Mit diesen Maßnahmen steuert die Regierung gegen.

Aktuelle Markt­situation und Maßnahmen der Regierung

Droht ein Stopp der kompletten Gaslieferungen aus Russ­land?

Danach sieht es derzeit nicht aus. Zwar drosselt der russische Staats­konzern Gasprom seit Mitte Juni die Liefermengen nach Deutsch­land, zunächst auf 40 Prozent der maximalen Kapazität und nach der Wartung der Pipeline Nord­stream 1 auf derzeit 20 Prozent.

Bislang kann der Engpass aber noch durch andere Lieferungen ausgeglichen werden, wenn auch zu deutlich höheren Preisen.

Die Bundes­netz­agentur stuft die Situation im Lagebericht vom 4. August 2022 als „angespannt“. „Eine Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden.“ Der angepeilte Speicher­stand von 95 Prozent am 1. November 2022 sei aber bei der aktuellen Liefermenge „kaum ohne zusätzliche Maßnahmen erreich­bar“. Die Bundes­netz­agentur sagt aber auch, die Versorgungs­sicherheit weiter gewähr­leistet – Haushalte und Unternehmen müssen sich jedoch auf „deutlich steigende Gaspreise einstellen“.

Aktuell können die reduzierten russischen Gaslieferungen noch durch andere Lieferanten kompensiert werden, wenn auch zu hohen Preisen. Dennoch ist die Lage so angespannt, dass die Bundes­netz­agentur, wo es nur möglich ist, zum Energiesparen aufruft.

Gut zu wissen: Auch durch die zweite Pipeline Trans­gas fließt nach wie vor Gas nach Europa, seit Mitte Juni allerdings in geringeren Mengen. Außerdem hat Deutsch­land seinen Gasbedarf aus Russ­land reduziert. Deckten russische Lieferungen im Jahr 2021 unseren Gasbedarf noch zu etwa 55 Prozent, lag der Anteil Ende Juni laut Bundeswirtschaftsministerium bei 26 Prozent. Das liegt daran, dass andere Länder, wie Belgien, Nieder­lande und Norwegen mehr Gas liefern.

Welche Maßnahmen ergreift die Bundes­regierung, um den Preis­anstieg zu bremsen?

Neue Umlage kommt: Weil Russ­land seine Liefer­verträge bricht und weniger Gas liefert, müssen Gasimporteure derzeit zu sehr hohen Preisen nach­kaufen. Die Mehr­kosten für diese Ersatz­beschaffung können jetzt über eine Umlage gleichermaßen auf alle Gaskundinnen und -kunden verteilt werden, ähnlich wie bei der inzwischen abge­schafften EEG-Umlage. Die Idee: Die Kosten eines Haus­halts sollen nicht allein von Beschaffungs­strategie ihres Versorgers abhängen. Die neuen Umlage soll ab Oktober einge­führt werden. Ihre Höhe steht noch nicht fest. Laut Bundes­wirt­schafts­minister Robert ­Habeck könnte sie zwischen 1,5 bis 5 Cent pro Kilowatt­stunde betragen.

Weniger Gas für die Strom­produktion. Um Preis­druck aus dem Markt zu nehmen, soll weniger Gas in die Strom­produktion fließen. Im ersten Quartal 2022 stammten 13 Prozent des Stroms aus Gaskraft­werken. Am 8. Juli 2022 billigte der Bundes­rat das Gesetz zur Bereithaltung von Ersatz­kraft­werken. Kraft­werke, die Strom aus Stein- oder Braunkohle sowie Mineralöl produzieren, können jetzt bis Ende März 2024 weiterlaufen oder wieder in Betrieb genommen werden.

Gasspeicher füllen. Bereits im Juni 2022 gewährte die Bundes­regierung der Trading Hub Europe GmbH einen 15 Milliarden Euro Kredit, um die Gasspeicher in Deutsch­land aufzufüllen. Derzeit liegen die Füllstände bei gut 70 Prozent (Stand 5. August 2022). Ein neues Gesetz verlangt einen Füll­stand von 90 Prozent zum 1. November 2022.

Bau von Flüssiggas-Terminals und mögliche Staats­hilfen. Energieunternehmen, die zur kritischen Infrastruktur gehören, wie große Gasimporteure, sollen bei drohender Pleite gestützt werden – entweder durch eine staatliche Beteiligung am Unternehmen oder durch Bürg­schaften. Außerdem wird der Bau von Flüssiggastermin beschleunigt, um unabhängiger vom ­russischen Pipeline-Gas zu werden.

Notfall­plan in Kraft. Wegen der Liefer­engpässe hat die Bundes­regierung die Alarm­stufe ausgerufen. Das ist die zweite Stufe des Notfall­plans.

Alarm­stufe ist die zweite Stufe des Notfall­plans

Warum hat das Bundes­wirt­schafts­ministerium die Alarm­stufe ausgerufen?

Gazprom, Russ­lands staatlicher Energiekonzern, hat die Gaslieferungen nach Deutsch­land seit Mitte Juni 2022 stark gedrosselt auf zuletzt etwa 20 Prozent der Maximal­leistung. Diese Situation haben das Bundes­wirt­schafts­ministerium und die Bundes­netz­agentur als erhebliche Verschlechterung und Störung der Gasversorgungs­lage bewertet. Beides sind Voraus­setzungen, um die Alarm­stufe auszurufen. Derzeit ist der Markt aber noch in der Lage, die Situation selbst, ohne staatliche Eingriffe, zu bewältigen. Die Alarm­stufe ist die zweite von drei Stufen des Notfallplans Gas.

Welche Stufen umfasst der Notfall­plan Gas?

Der Notfall­plan umfasst insgesamt drei Stufen. Ende März hatte das Bundes­wirt­schafts­ministerium die erste Stufe ausgerufen, die Frühwarn­stufe. Sie ist eine Art Vorwarn­stufe, dass es künftig zu einer erheblichen Verschlech­terung der Versorgung kommen könnte. ­Stufe zwei, die Alarm­stufe, greift, wenn es bereits zu Liefer­engpässen kommt, der Markt aber noch in der Lage ist, die Störung allein zu bewältigen.

In der Notfall­stufe greift der Staat in Abstimmung mit den Netz­betreibern direkt in die Gasverteilung ein. Dabei wird die Bundes­netz­agentur zum „Bundes­last­verteiler“. Sollte es hierzu kommen, dürften Kürzungen der Versorgung zunächst vor allem die Industrie betreffen. Die privaten Haushalte, auf deren Konto etwa 30 Prozent des Gasverbrauchs gehen, gehören zu den geschützten Kunden, ebenso wie soziale Einrichtungen.

Preis­erhöhungen kommen

Dürfen Versorger wegen der Alarm­stufe höhere Preise an die Verbraucher weiterreichen?

Grund­sätzlich kann die Preisbindung während der Alarm­stufe aufgehoben werden, auch für Kunden, die einen Vertrag mit Preis­garantie haben. Dies regelt Paragraf 24 des Gesetzes zur Sicherung der Energieversorgung (EnSiG). Wichtig: Es muss nicht nur die Alarm­stufe ausgerufen werden, sondern zusätzlich muss die Bundes­netz­agentur eine erhebliche, stetige Reduzierung der Gesamt­gas­importmenge nach Deutsch­land fest­stellen und im Bundes­anzeiger veröffent­lichen. Dies ist derzeit nicht der Fall.

Wem droht eine Preis­erhöhung?

Die neue Umlage wird alle Haushalte treffen, auch die mit Preis­garantie. Auf Kunden, deren Preis­garantie ausgelaufen ist, kann außerdem noch eine Preis­erhöhung durch den Versorger zukommen. Im Juni 2022 erhöhten sich die Einfuhr­preise für Erdgas gegen­über dem Vorjahres­monat um rund 200 Prozent, wie das Dashboard Deutschland des Statistischen Bundes­amts zeigt. Die Bundes­netz­agentur sagt: „Es ist davon auszugehen, dass es zu weiteren Preissteigerungen kommen wird. Höhere Preise an den Gasmärkten werden zeitlich nachgelagert auch Auswirkungen auf die Verbraucher­preise haben.“

So reagieren Haushalte auf eine Gaspreis­erhöhung

Wie finde ich einen güns­tigen Gasversorger?

Schickt der Versorger eine Preis­erhöhung, ist es erst einmal wichtig, sie zu prüfen. Oft finden Verbrauche­rinnen und Verbraucher aktuell gar kein güns­tigeres Angebot am Markt. Dann ist es am besten, die Erhöhung zu akzeptieren. Beim Preis­vergleich hilft unser kostenloser Vergleichsportal-Test. Grund­sätzlich sollten Kunden auch die Tarife bei ihrem Grund­versorger vor Ort prüfen. In vielen Städten ist der Grund­versorgungs­tarif derzeit am güns­tigsten. Ob dies der Fall ist, lässt sich leicht mithilfe der Vergleichs­portale Check24 oder Verivox erkennen. Weisen sie in der Ergeb­nisliste nur einen Preis und keine Ersparnis aus, ist der Grund­versorger vor Ort am güns­tigsten. Verbraucher sollten aber bedenken: Der Grund­versorgungs­tarif hat keine Preis­garantie.

Weitere Tipps für die Tarif­suche liefert unser Spezial zum Wechsel des Gasversorgers.

Was bedeutet die Gaskrise für Mieter und Miete­rinnen mit Gaszentralhei­zung?

Möglicher­weise entscheidet der Vermieter, die Raum­temperatur zu drosseln. Der Wohn­konzern Vonovia kündigte zum Beispiel an, die Raum­temperatur in Häusern mit Gas-Zentralhei­zungen nachts zwischen 23 Uhr und 6 Uhr auf 17 Grad zu drosseln. In den übrigen Zeiten könnten die Mieter wie gewohnt heizen.

Der Vermieter darf die Heizung jedoch nicht unbe­grenzt drosseln: „Es gibt bestimmte Temperatur­grenzen, die in der Wohnung gewähr­leistet sein müssen“, sagt Jutta Hartmann, Presse­sprecherin des Deutschen Mieter­bundes. Diese Grenzen sind nicht explizit im Gesetz genannt, jedoch wurden in der Recht­sprechung Mindest­temperaturen von 20 bis 22 Grad tags­über und 17 bis 18 Grad nachts fest­gelegt (z.B. Land­gericht Berlin, Az. 63 S 423/11; Amts­gericht Köln, Az. 1 C 1320/96). „Werden diese Grenzen unter­schritten, ist die Drosselung der Temperatur unzu­lässig, und es liegt ein Miet­mangel vor“, sagt Hartmann. Miete­rinnen und Mieter sollten vor einer Miet­minderung das Gespräch mit dem Vermieter suchen und ihn über den Mangel unter­richten. Tut sich trotzdem nichts, sollten sie recht­lichen Rat einholen und ankündigen, die Miete unter Vorbehalt zu zahlen.

Wer als Mieter oder Mieterin selbst keinen Vertrag mit einem Gasversorger geschlossen hat, sondern über eine Gaszentralhei­zung mit Wärme versorgt wird, rechnet seine Heiz­kosten meist über seine Miet­neben­kosten ab. Er spürt die derzeitige Preiswelle womöglich erst später, wenn die Nach­zahlung für die laufende Abrechnungs­periode kommt. Wichtig ist, jetzt schon Geld für eine Nach­zahlung zurück­zulegen. Sie kann bei größeren Wohnungen durch­aus im vierstel­ligen Bereich liegen. Künftig wird außerdem der monatliche Neben­kosten­abschlag steigen.

Tipp: Unser Nachzahlungsrechner hilft Ihnen dabei, die Kosten einzuschätzen.

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Terentino2017 am 05.08.2022 um 16:26 Uhr
Das ist nur die halbe Wahrheit oder etwa nicht?

In der Einleitung heißt es: "Seit Wochen liefert Russ­land weniger Gas als vertraglich vereinbart. Das treibt die Preise nach oben."
Das ist aus der Sicht eines objektiven Dritten nur die halbe Wahrheit. Auch die vielen Spekulanten an den Börsen treiben die Preise für Energie (Gas, Öl, Strom) nach oben.
Außerdem sollte man anmerken, dass die Europäische Union (und Deutschland an der Speerspitze) Russland bei den Energie- und Warenlieferungen auf der einen Seite boykottiert, um Russland wegen der Ukraine in die Knie zu zwingen. Auf der anderen Seite beklagt man sich dann darüber, wenn Russland zu wenig Gas nach Europa bzw. Deutschland liefert. Das ist ein Zielkonflikt, denn es passt logischerweise nicht zusammen.

vactorio am 28.07.2022 um 13:28 Uhr
Lieber keine Heizlüfter

@Frazermint: Ich würde darauf verzichten Heizlüfter anzuschaffen. Von dieser Idee habe ich nun schon öfters gelesen und gehört, was einem mit ein wenig Bauchschmerzen auf den nahenden Winter schauen lässt.
Stellen Sie sich vor, jeder mit einer Gasheizung würde nun zu gleichen Zeitpunkten (es ist ja in einer Stadt überall quasi gleich kalt) einen Heizlüfter einschalten. Ich denke wir sollten vorsichtig sein, nicht das uns noch Stromausfälle drohen.
Dann doch lieber einen Pulli und eine Decke mehr!

Profilbild Stiftung_Warentest am 25.07.2022 um 15:03 Uhr
Heizlüfter / Test

@Frazermint: Vielen Dank für Ihre Anregung, die wir gern im Hause weiterleiten. In der Kürze, wie Sie das für eine Kaufentscheidung sich wünschen, können wir leider nicht mit den gewünschten Testergebnissen dienen.

Frazermint am 24.07.2022 um 17:20 Uhr
Lohnt ein Heizlüfter als Alternative?

Ich überlege, mir einen Heizlüfter o.ä. E-Gerät als Alternative zu Gas (wenn es ausbleibt/reduziert wird) anzuschaffen. Mich würde daher ein Test-Artikel interssieren, welche Geräte bzw. Techniken (Heizlüfter, Konvektor, Infrarot) empfehlenswert sind. Und ob man mit einem solchen Gerät auch sparen kann. Ist ein solcher Test/Artikel geplant?

Testibus am 30.06.2022 um 16:32 Uhr
Die Ölkunden sind auch nicht viel besser dran

Hab mir letztens meinen Tank um 5.000 liter auf nunmehr 12.000 liter aufgestockt, Preis doppelt so hoch wie beim letzten Tanken. Immerhin habe ich hoffentlich auf Jahre hinaus kein Ölproblem in meiner kleinen Hütte.
Gottseidank hat die EnBW ihre Gasleitungen am Ort nicht weiter ausgebaut, sonst wäre ich evtl. auch schon Gaskunde. Ansonsten Notstromaggregat für Betrieb des Ölers angeschafft bei Stromausfall.
Photovoltaik: Geplant, im Rahmen seiner Bürgerinitiative mit Sammelbestellung und Auftragsvergabe, aber frühestens in 2023 realisierbar.
Danke an frühere Regierungen und alle Parteien in ihr, für ihre "Weitsicht" in der zuverlässigen Energieversorgung.......
Dem Amtseid sind sie nicht gerecht geworden, wie man jetzt sieht.
3 realisierbar.