Strom- und Gast­arife Das sind Ihre Rechte bei Preis­erhöhung und Kündigung

Strom- und Gast­arife - Das sind Ihre Rechte bei Preis­erhöhung und Kündigung
Versorgungs­garantie. Auch bei Kündigungen muss niemand fürchten, im Kalten oder Dunklen zu sitzen. © Getty Images / Claudia Dewald

Viele Haushalte ärgern sich derzeit über Preis­erhöhungen, gebrochene Preis­garan­tien, Kündigungen oder gar Liefer­stopps, wie von Stromio oder Gas.de. Was jetzt zu tun ist.

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Gebrochene Versprechen, rück­wirkende Liefer­stopps

Der Energiemarkt spielt verrückt. Viele Haushalte erhalten drastische Preis­erhöhungen oder gar die Kündigung ihres Strom- oder Gasvertrags. Doch damit nicht genug: Energiefirmen wie Grün­welt Energie oder Stromio stellen die Belieferung gleich deutsch­land­weit ein. Andere Anbieter, etwa die Elektrizitäts­werke Düssel­dorf, verlangen trotz Preis­garantie höhere Preise – oder erhöhen, wie Immergrün, grund­los die monatlichen Abschläge. Hier beant­worten wir die wichtigsten Fragen zu diesen Themen.

Preis­erhöhung bei Strom und Gas

Ich habe eine Preis­erhöhung erhalten. Was soll ich tun?

Kündigen Sie nicht vorschnell. Die Regel „Neukunden­preise sind oft güns­tiger als die für Bestands­kunden“ gilt nicht mehr. Heute gibt es Tarife, bei denen Neukunden mehr zahlen. Oft lohnt es daher, trotz einer Erhöhung beim bisherigen Anbieter zu bleiben.

Hintergrund: Versorger kalkulieren mit einer gewissen Anzahl von Kunden, die in ihrem Bestand bleiben. Für diese haben sie bereits länger­fristig Energiemengen einge­kauft, als die Preise noch vergleichs­weise günstig waren. Ihre Kunden kommen dann trotz Preis­erhöhungen güns­tiger weg.

Beispiel: Unser Redak­teur Jonas Krum­bein hat eine vergleichs­weise moderate Preis­erhöhung von den Stadt­werken Flens­burg für seinen Gast­arif erhalten. Ab Januar 2022 steigt der Preis pro Kilowatt­stunde um 2,75 Cent auf 6,94 Cent, der monatliche Grund­preis verdoppelt sich zwar auf 8,23 Euro pro Monat, ist aber immer noch günstig. Legt man die Gesamt­kosten auf seinen Verbrauch um, wären das 8,82 Cent pro Kilowatt­stunde. Ein besseres Angebot ist derzeit kaum auf dem Markt zu finden wie unsere Grafik Erdgaspreise für Privathaushalte zeigt. Deshalb bleibt der Journalist trotz der Preis­erhöhung bei seinem Anbieter, zumal er von den Flens­burger Stadt­werken sogar eine Endpreis­garantie bis Ende November 2022 erhält.

Wie prüfe ich, ob die Erhöhung angemessen ist?

Mithilfe von Vergleichs­portalen können Sie prüfen, wie der Preis Ihres Anbieters nach der Erhöhung abschneidet. Geben Sie dafür Post­leitzahl und Jahres­verbrauch beim jeweiligen Portal ein. Bei Finanztip und Check24 können Sie den alten Preis eingeben und sich die Ersparnis für einen neuen Tarif ausrechnen lassen. Ändern Sie dabei auch die Filter­möglich­keiten der Portale und schauen Sie, welche Tarife Ihnen ange­zeigt werden. Unser Test von Vergleichsportalen für Strom und Gas hilft, sich zurecht­zufinden. Unser Testecho fasst zusammen, welche Portale im Anschluss an unseren Test nachgebessert haben.

Gilt bei einer Preis­erhöhung ein Sonderkündigungs­recht?

Ja, das Sonderkündigungs­recht gilt unabhängig von den Gründen für eine Preissteigerung. Auch bei der Erhöhung von Steuern und Abgaben kommen Sie vorzeitig aus dem Vertrag. Anbieter sind verpflichtet, im Erhöhungs­schreiben sowohl den alten als auch den neuen Preis zu nennen sowie ein Datum, bis zu dem Sie den Vertrag frist­los kündigen können.

Tipp: Normaler­weise kündigt der neue Versorger Ihren bisherigen Tarif. Wenn Sie Ihr Sonderkündigungs­recht nutzen, sollten Sie selbst kündigen und Ihren neuen Versorger darüber informieren. Unsere Tipps zum Wechsel finden Sie in den Specials Stromtarif wechseln und Gasanbieter wechseln.

Soll ich jetzt einen Vertrag über zwölf Monate abschließen?

Das ist schwer zu sagen. Wie sich die Preise entwickeln, lässt sich nicht vorhersehen. Welche Art von Vertrag Sie wollen, ist auch eine Typfrage.

Flexibel bei Preissenkungen. Mit kurz laufenden Verträgen, bei denen Sie mit einer Frist von zwei bis sechs Wochen heraus­kommen, bleiben Sie flexibel – falls die Preise fallen. Sie sollten aber bereit sein, nach einem Erhöhungs­schreiben schnell zu handeln, Preise zu vergleichen und gegebenenfalls zu wechseln. Mitunter wird auch die Kombination von kurzer Lauf­zeit und langer Preis­garantie von zwölf Monaten angeboten. Auch solch ein Vertrag käme für Sie in Frage.

Preissicherheit. Ein solcher Tarif wäre für Sie ebenfalls geeignet, wenn Sie Wert auf Preissicherheit legen. Ist er nicht verfügbar oder sehr teuer, sollten Sie einen güns­tigen Jahres­vertrag mit Preis­garantie wählen oder einen Wechsel­service beauftragen. Sieben dieser Dienste hat die Stiftung Warentest getestet (Wechselservice für Strom und Gas).

Bin ich mit einer Preis­garantie vor einer Erhöhung geschützt?

Leider nein. Die meisten Garan­tien decken nicht alle Preis­bestand­teile des Strom- oder Gaspreises ab, sondern oft nur Beschaffung und Vertrieb. Bei Strom sind etwa 25 Prozent des Gesamt­preises durch Garan­tien abge­deckt (So setzt sich der Strompreis zusammen), bei Gas 46 Prozent (So setzt sich der Gaspreis zusammen). Steigen Abgaben, Entgelte oder Steuern, ist eine Preis­erhöhung möglich. Gestiegene Markt­preise dürfen Firmen aber bei einer Preis­garantie nicht an Sie weiterreichen.

Unseriöse Preis­erhöhungen einiger Anbieter

Ich bin Kundin bei den Elektrizitäts­werken Düssel­dorf und habe trotz Preis­garantie eine Preis­erhöhung um 85 Prozent erhalten. Wie kann das sein?

Das ist rechts­widrig. Sie haben einen Vertrag, und der gilt. Sollte Ihnen nur der Strom­einkaufs­preis garan­tiert werden, dürfen Anbieter den Preis nur erhöhen, wenn Umlagen, Steuern oder die Netz­entgelte teuer werden, nicht aber wenn die Einkaufs­preise für Strom oder Gas steigen. Seriöse Unternehmen, die eine Preis­garantie aussprechen, haben sich mit entsprechenden Liefer­verträgen ein­gedeckt, um ihre Preis­zusagen einzuhalten.

Soll ich mein Sonderkündigungs­recht nutzen und einen neuen Tarif abschließen?

Grund­sätzlich müssen Sie sich entscheiden, ob Sie schnell das Weite suchen und Ihr Sonderkündigungs­recht nutzen wollen – oder ob sie gegen die Erhöhung vorgehen möchten, was dauern kann. Falls Sie sich für Letzteres entscheiden, schreiben Sie dem Unternehmen, dass eine wirk­same Preis­erhöhung gegen­wärtig nicht möglich ist, da Sie vertraglich eine Preis­garantie vereinbart haben und diese eine Weitergabe von erhöhten Beschaffungs­kosten ausschließt. Setzen Sie dem Unternehmen zügig eine mehr­wöchige Frist.

Uns liegen Fälle vor (Beispiel: Wunder­werk AG), wo Haushalte die Kündigung erhielten, nachdem sie einer Preis­erhöhung wider­sprochen haben. Kommt es zu keiner Einigung, können Sie sich an eine ­Verbraucherzentrale oder die Schlichtungsstelle Energie wenden. Ein Schlichtungs­verfahren ist für Verbrauche­rinnen und Verbraucher kostenlos. Der Schlichter­spruch ist aber nicht verbindlich.

Tipp: Mehr zum Thema Schlichtung und Mediation in unserem Special Recht bekommen – günstig und ohne Gericht.

Immergrün wollte meinen monatlichen Abschlag um statt­liche 46 Prozent erhöhen – mit der Begründung, dass die Beschaffungs­kosten gestiegen sind. Ist das in Ordnung?

Das ist nach Angaben der Verbraucherzentrale Nieder­sachsen unzu­lässig. Energierechts­expertin Tiana Schönbohm sagt: „Im laufenden Abrechnungs­zeitraum dürfen Abschläge nur mit Zustimmung der Kundin oder des Kunden angepasst werden. Daran ändern auch steigende Preise oder ein erhöhter Verbrauch nichts.“

Die Bundes­netz­agentur hat inzwischen ein Aufsichts­verfahren gegen die Rhei­nische Elektrizitäts- und Gasversorgungs­gesell­schaft einge­leitet, zu deren Firmen­geflecht Immergrün gehört. ­Begründung: Verdacht auf unzu­lässige Erhöhung von Abschlags­zahlungen.

Wir wissen von einem Fall, bei dem der Kunde die Kündigung erhielt, nachdem er dem höheren Zahl­betrag wider­sprochen hatte. Die VZ Nord­rhein-West­falen hat Immergrün wegen derlei mieser Maschen erfolg­reich abge­mahnt. Das Land­gericht Köln untersagt Immergrün unzu­lässige Abschlags­erhöhungen. Außerdem darf das Unternehmen Kunden­nach­fragen nicht mehr in „Sonderkündigungen“ umdeuten und die Kunden anschließend vom Stromnetz abmelden (Az. 33 O 226/21, nicht rechts­kräftig).

Wie wehre ich mich?

Stimmen Sie einer Erhöhung der Abschlags­zahlung nicht zu und reagieren Sie auch, wenn – wie im Fall von Immergrün – erst gar nicht nach einer Zustimmung gefragt wird. Die VZ empfiehlt folgende Formulierung: „Ich wider­spreche der Abschlags­erhöhung. Da mir keine wirk­same Preis­erhöhung zugegangen ist, ist eine einseitige unterjäh­rige Erhöhung der Abschlags­zahlungen nicht zulässig.“ Weisen Sie auf Ihre Preis­garantie hin, falls vorhanden. Sie können dem Unternehmen mit Schaden­ersatz drohen, werden aber vermutlich nicht auf offene Türen stoßen. Lassen Sie sich bei einer Verbraucherzentrale beraten, wenn Sie nicht weiterkommen.

Liefer­stopp von Stromio, Gas.de und Grün­welt

Stromio hat mir mitgeteilt, dass ich nicht mehr mit Strom beliefert werden, was muss ich machen?

Wichtig ist jetzt, umge­hend bestehende Einzugs­ermächtigungen zu widerrufen oder Dauer­aufträge zu kündigen. Notieren Sie Ihren aktuellen Zählerstand, damit Sie später die Schluss­rechnung prüfen können.

Stromio ist kein Einzel­fall, auch Gas.de und Grün­welt beliefern seit Dezember 2021 deutsch­land­weit keine Haushalte mehr, sind aber nicht insolvent (Stand 14. Januar 2022). Gas.de hat bereits vor dem Liefer­stopp zahlreichen Haushalten gekündigt, Grün­welt sogar rück­wirkend. Das zeigen Leser­zuschriften. Alle drei Anbieter gehören zu demselben Firmen­geflecht. Ihre Informationen zum Liefer­stopp sind auf ihren Webseiten wort­gleich. Die Kündigung begründen sie mit der „historisch einmaligen Preis­entwick­lung an den Gas- bzw. Strommärkten“.

Sitze ich bald im Kalten, wenn mein Anbieter die Belieferung einge­stellt hat?

Nein, Ihre Gasheizung wird nicht abge­schaltet und Sie sitzen nicht im Dunklen. Wenn der Anbieter die Belieferung stoppt, über­nimmt der örtliche Grund­versorger die Ersatz­versorgung. Ihr Grund­versorger ist das Unternehmen, das rund um Ihren Wohn­ort die meisten Kundinnen und Kunden beliefert.

Nach dem Liefer­stopp landen Sie zunächst in der Ersatz­versorgung, drei Monate später dann in der Grund­versorgung. Sie können die Belieferung in der Ersatz­versorgung frist­los kündigen. Während der Grund­versorgung beträgt die Kündigungs­frist zwei Wochen.

Woher weiß ich, wer mein Grund­versorger ist?

Entweder wird der Grund­versorger bereits im Kündigungs­schreiben genannt, sofern es vom Netz­betreiber kommt oder Sie nutzen das Internet. Geben Sie dafür Ihren Wohn­ort in Verbindung mit den Stich­worten „Gas“ oder „Strom“ und “Grund­versorgung“ in eine Such­maschine ein. Alternativ können Sie auch Ihren Netz­betreiber fragen. In Berlin ist das etwa für Gas die Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg (NBB), in Hamburg das Gasnetz Hamburg. Wer in Süddeutsch­land wohnt, kann sich zum Beispiel mithilfe der Seiten Energienetze Bayern oder Energieatlas Baden-Württemberg informieren.

Wenn ich ohnehin weiter beliefert werde, kann ich dann nicht einfach beim Grund­versorger bleiben?

Das ist möglich, aber nur empfehlens­wert, wenn es vergleichs­weise günstig ist. In der Vergangenheit war der Grund­versorger für die meisten Kundinnen und Kunden vergleichs­weise teuer. In der aktuellen Situation gibt es aber Gebiete,wie etwa München, wo aktuell der Grund­versorger, die Stadt­werke München, bei Strom am güns­tigsten ist (Stand 14.01.22). Bedenken Sie aber: Hier haben Sie keine Preis­garantie. Daher sollten Sie Tarife vergleichen.

Was ist mit Mehr­kosten, die mir durch Grund­versorgung und Tarifwechsel entstehen?

Kundinnen und Kunden können für den Schaden, der ihnen durch unzu­lässige Kündigungen und Belieferungs­einstel­lungen entstanden ist, Entschädigung verlangen. Der Schaden lässt sich aber erst in vielen Monaten beziffern. Denn die Mehr­kosten berechnen sich aus der Differenz des neuen und des alten Preises bis zum Ende der ursprüng­lichen Preis­garantie beziehungs­weise Lauf­zeit.

Wer jetzt einen teureren Jahres­vertrag abschließt, kennt erst in mehr als einem Jahr Verbrauch und Mehr­kosten. Sollten die Anbieter nicht auf Ihre Forderungen eingehen, müssen Sie womöglich vor Gericht ziehen.

Beispiel: Sie haben mit Ihrem Versorger bis zum Vertrags­jahres­ende in sechs Monaten eine Preis­garantie vereinbart. Ihnen entstehen durch Grund­versorgung und Tarifwechsel 50 Euro Mehr­kosten pro Monat. Bis zum Vertrags­jahres­ende häuft sich demnach ein Schaden in Höhe von 300 Euro an. Weil die Höhe des Schadens aber zum jetzigen Zeit­punkt noch nicht genau fest­steht, müssen Sie zunächst nicht handeln.

Wie soll ich auf die Kündigung und Belieferungs­einstellung reagieren?

Hat Ihr Gasanbieter Ihnen nicht frist­gerecht gekündigt oder die Belieferung einge­stellt, antworten Sie ihm, dass Sie weder die Kündigung noch die Belieferungs­einstellung für zulässig halten und Schaden­ersatz fordern werden. Nutzen Sie dazu den entsprechenden Musterbrief der Verbraucherzentralen.

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1 Kommentar Diskutieren Sie mit

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ferzfeld am 20.12.2021 um 21:27 Uhr
Gutes Geschäft über den Sommer

Mit den ca. 33€ Grundpreis pro Monat und den dafür sehr niedrigen Verbrauchspreisen hat man mich als Kunden gewonnen… jetzt habe ich seit Vertragsbeginn im April bis Dezember über 230€ Grundgebühr bezahlt und nun rechtzeitig zum „echten“ kalten Winter und der Heizperiode die Kündigung erhalten…
Hoffe, dass ich tatsächlich die Differenz zwischen Gas.de und Ersatzversorgung im Nachgang erstattet bekomme, zur Not auch mit Rechtsschutz… danke Test.de für diesen Artikel, Einschreiben geht heute raus.