„Für Garnelenfarmen wurden Mangrovenwälder abge­holzt“

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Dr. Andreas Kunzmann, Meeres­ökologe am Leibniz-Zentrum für marine Tropen­ökologie in Bremen, mit jungen Mangroven­pflanzen.

Meeres­ökologe Kunzmann beschreibt, wie intensive Garnelen­zucht in Aquakulturen Umwelt und soziale Strukturen zerstört.

Belasten Aquakulturen für Garnelen die Umwelt?

Ja, wenn der Boom unkontrolliert erfolgt. Vor allem in den 90er Jahren wurden für Garnelenteiche in Asien und Latein­amerika quadratkilo­meter­weise Mangrovenwälder an den Küsten abge­holzt. Für die Zucht sind das ideale Stand­orte, da Ebbe und Flut für frisches Wasser sorgen. Heute gibt es Fort­schritte.

Was passiert, wenn Mangroven verschwinden?

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Becken an Becken. Manche Garnelenfarm an tropischen Küsten hat Mangrovenwälder verdrängt.

Das hat schlimme Folgen. So verlieren Jung­fische und wilde Jung­garnelen ihre Kinder­stube. In den Mangrovenwurzeln finden sie sonst Futter und Schutz, bis sie heran­gewachsen sind. Ausgewachsene Tiere schaffen es so seltener ins Meer, die lokale Fischerei büßt Tausende Tonnen Fisch und Wildgarnelen ein. Und die Wälder fehlen als Barriere, das Hinterland vor Flut und Salz­wasser zu schützen. Grund­wasser und Felder drohen zu versalzen.

Welche Folgen hat die Massengarnelenhaltung?

Die intensive Zucht ist ein großes Problem. Dort leben Garnelen auf engstem Raum. Sie ernähren sich nicht wie in der Natur von Algen und Kleintieren, sondern bekommen Pelletfutter mit Fisch­mehl. Fisch­mehl zu verfüttern, ist aber ineffizient. Das Eiweiß fehlt dem Menschen an anderer Stelle. Und wenn sich die Biomasse im Teich durch Futterreste und Kot verdichtet, ist das ein Freuden­fest für Bakterien. Krank­heits­erreger können sich im Küsten­system ausbreiten.

Kommen Medikamente zum Einsatz?

Einige Betriebe setzen noch immer unkontrolliert Medikamente ein, was die Gewässer auch belastet. Welt­weit sind viele Züchter auf eine weniger krank­heits­anfäl­lige Art umge­stiegen. Sie heißt Litopenaeus vannamei und stammt aus Latein­amerika. In Asien kann die fremde Art neue Risiken bedeuten, etwa neue Parasiten.

Profitiert die Bevölkerung von Aquakultur?

Nur bei kleinen Strukturen. Große Aquakulturen verdrängen nicht selten die Bevölkerung von Küsten und Ländereien, die lange in kommunalem Besitz waren. Dort haben die Leute seit Generationen gefischt, Reis angebaut, Holz gesammelt. Diese Einnahme­quellen versiegen, wenn industrialisierte Zucht­betriebe die Küste in Beschlag nehmen. Sie schaffen im Gegen­zug nur wenig Arbeits­plätze. Jobs entstehen auch in Verarbeitungs­betrieben, aber nicht alle behandeln die Arbeiter gut. Hinzu kommt, dass keine Nahrung für die Bevölkerung entsteht. Die Garnelen gehen oft in reiche Länder.

Gibt es neue Ansätze?

Ja, die Forschung glüht. Es gibt Fisch­futter mit viel Pflanzeneiweiß, etwa von Lupinen. Ökologischere Anlagen sind in Planung. Einige brauchen kaum Austausch mit Meer­wasser. Andere integrieren Tier­arten mit unterschiedlichem Nahrungs­anspruch, sodass ein Mini-Ökosystem entsteht.

Was können Verbraucher in Deutsch­land tun?

Sie sollten auf Nach­haltig­keits­siegel achten. Das Natur­land-Siegel etwa setzt hohe, nach­voll­zieh­bare Öko- und Sozialstan­dards in kleinen Strukturen. Das ASC-Siegel ist aus wissenschaftlicher Sicht auf einem sehr guten Weg.

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