Fußballschuhe Test

Ruhe vor dem Sturm:...

Überraschung auf dem Rasen: Weniger schmerzende Füße mit preiswerten Schuhen.

Fußballschuhe sind Kult. David Beckhams Schuhwerk reist gerade als Reliquie mit dem „Fifa Fußball Globus“ durch deutsche Lande, um Stimmung für die WM 2006 zu machen. Und der Schuh, mit dem Helmut Rahn im Endspiel der Weltmeisterschaft 1954 in Bern das Siegtor schoss, ist zum Museumsstück geworden – in Bronze gegossen. Kein Wunder, dass sich Firmen wie adidas Werbeverträge mit Superstars wie Beckham Millionen kosten lassen (über die genauen Beträge schweigt man sich bei adidas aus).

Auch in Deutschland haben die herausragenden Fußballspieler einen eigenen Schuhvertrag. Traditionell wird allerdings die ganze Mannschaft eingekauft. Die Nationalelf trägt bis 2010 die drei adidas-Streifen am Schuh („über die Bedingungen wurde Stillschweigen vereinbart“, so der DFB), Borussia Dortmund dagegen steht auf Nike. Obwohl sie häufig mit Maßanfertigungen kicken, sind die Spieler über den Schuhzwang nicht immer glücklich. Auf manchen Profischuhen prangt deshalb die falsche Marke – nur aufgenäht, die Sohle verräts.

Da haben Freizeitkicker es einfacher. Sie genießen Wahlfreiheit, haben dafür aber auch keinen Werbevertrag. Und schon ab 30 Euro können sie „gute“ Schuhe bekommen, wenn auch nicht bei den großen Marken. Allerdings zeigt unser Test von 15 Fußballschuhen mit Nocken im Preis von bis zu 185 Euro auch: Wer Höchstleistung will, muss tiefer in die Tasche greifen. Der beste, rundum „gute“ Schuh im Test ist ein Italiener, der Diadora Attiva RTX 12. Er kostet 160 Euro.

Neue Saison, neuer Schuh

Fußballschuhe sind oft schon nach einer Saison unbrauchbar. Vielleicht ist das ein Grund, warum Freizeitkicker in Deutschland beim Kauf von Fußballschuhen in neun von zehn Fällen weniger als 70 Euro ausgeben. Um diesen Massenmarkt zu bedienen, bieten die großen Firmen oft eine abgespeckte Variante ihrer Topmodelle an. Der adidas Pulsado TRX FG für 65 Euro ist optisch kaum von seinem Bruder Predator Pulse TRX FG zu unterscheiden, dem mit 185 Euro teuersten Schuh im Test. Der Diadora Attiva R RTX 12 kostet 100 Euro weniger als der Testsieger identischen Aussehens, der noch dazu fast den gleichen Namen trägt (nur das „R“ ist mehr). Und auch das Topmodell von Nike, der Air Zoom Total 90 II FG, ist dem 110 Euro billigeren Total 90 II VT sehr ähnlich. Alles nur Marketing, oder gibt es auch echte Qualitätsunterschiede? Im Test schickten wir deshalb jeweils beide Modelle auf den Rasen.

Eine ganze Mannschaft aus der Jugend-Bundesliga-Süd hatten wir dafür angeheuert. Schuhe anziehen, und gleich die ersten Probleme: „Bei zwei Schuhen hat man kämpfen müssen, um reinzukommen“, sagt Dennis (18). Einstieg eng, hart und mühsam, urteilten mehrere unserer Prüfer bei den beiden Nike-Modellen mit schicker, seitlicher Schnürung. Allerdings, auch das Gegenteil kann stören. „Bei anderen Schuhen ist der Fuß gut reingekommen, hat danach aber geschwommen“, fährt Dennis fort. Zum Beispiel beim Alex Verona II. Mit nur „ausreichender“ Note in der Spielpraxis ist dieser Schuh das Schlusslicht im Test (45 Euro) – zu weich gepolstert.

Messsohle mit 99 Sensoren

Fußballschuhe Test

HighTech am Bein: Belastung wie im Jet.

Beim Sprint im Slalomkurs trägt jeder Prüfer der Reihe nach jeden Schuh. Erster Eindruck von Markus (18): „Optimal ist es, wenn man die Nocken nicht spürt. Sonst spielt man wie auf Stelzen.“ Tatsächlich ist zu starker Stollendruck eines der Hauptprobleme bei modernen Fußballschuhen. Beim Sprinten, Abbremsen und Drehen wirken enorme Kräfte auf den Fuß. Die 12 bis 14 Nocken am Schuh müssen den Druck deshalb möglichst weitflächig abgeben. Unsere Tester bekamen bei der nächsten Station eine Messsohle eingelegt: 99 Sensoren zeigen, ob der Fuß gleichmäßig belastet wird oder nicht. Am schlechtesten bei der Druckverteilung: der Lotto Zhero FG-3F. Trotz des Preises von 120 Euro können hier die Füße schneller schmerzen.

Der gleiche Sprint, ein zweiter Sensor: Tausendmal in der Sekunde messen wir am Schienbein die Kräfte, die der Schuh nicht abfängt und die deshalb bis hoch in den Körper wirken. Trotz des dämpfenden Rasens finden wir Beschleunigungen am Bein, wie sie sonst nur Jetpiloten aushalten müssen: das Fünf- bis Sechsfache der Erdbe­schleunigung. Das belastet Muskeln und Sehnen, vor allem an Fuß und Knie. Die Schuhe sollten die Stöße des Bodens deshalb möglichst gut abfangen. Erstaunlich, dass fast alle teuren Schuhe hier schwächer abschneiden als die billigeren. Nur eines der sechs Modelle über 100 Euro schnitt bei der Biomechanik „gut“ ab (Diadora Attiva RTX 12). Bei den billigeren waren es dagegen mehr als zwei Drittel. Unser Testleiter: „Oft stehen Performance und orthopädische Eignung eines Schuhs im Widerspruch. Hier sind die Anbieter gefragt, etwas zu verbessern.“

Lieblingsschuh adidas Predator

Nächster Punkt im Test: das Ballgefühl. Am besten jonglierten und flankten die Prüfer mit dem adidas Predator Pulse TRX FG. Der Lieblingsschuh unserer Mannschaft bekam als einziger ein „Sehr gut“ bei der Spielpraxis, wegen leichter Schwächen bei der Biomechanik reichte es in der Gesamtwertung trotzdem nur zum zweiten Platz (Qualitätsurteil „gut“). Auffällig beim Predator: die rote Gummiriffelung an der Außenseite, vermutlich eher für den guten Grip des Obermaterials verantwortlich als der verbleibende Rest aus Känguruleder. Das weiche, dünne Leder aus Australiens Steppen – bei Profis geschätzt, bei Tierschützern verpönt – ist alles andere als konkurrenzlos: „Ob glatt oder gummiartig, ob Känguru oder Synthetik – ein gutes Ballgefühl kann man mit allen Obermaterialien haben“, sagt unser Testleiter, und schränkt ein: „Wenn die Qualität stimmt.“ Und das, so zeigt der Test, ist der Unterschied zwischen den teuren und den billigen Brüdern. Wer zum Beispiel zum adidas Pulsado TRX FG für 65 Euro greift, muss im Vergleich zum teuren Predator leichte Einschränkungen beim Ballgefühl und beim Grip in Kauf nehmen. Trotzdem ist er insgesamt noch ein „guter“ Schuh – auf Augenhöhe mit dem etwas billigeren Uhlsport Mercury MD und dem Deichmann Victory. Letzterer kostet sogar nur 30 Euro. Der Victory ist auf dem Rasen zwar nicht der beste, aber unschlagbar beim Preis-Leistungs-Verhältnis.

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