Fußball & Konzert Special

Dabei sein ist alles. Vor dem DFB-Pokal­finale sucht ein Fan nach einem Ticket. Ein großer Teil des Karten-Schwarz­markts läuft heute jedoch im Internet.

Einmal interna­tionalen Fußball­stars zujubeln, einmal den Lieblings­interpreten in der Elbphilharmonie sehen – Karten für begehrte Veranstaltungen zu ergattern, ist schwierig. Der inoffizielle Karten­handel für Musik- und Sport­events boomt. Kaufen Fans am Zweitmarkt, können sie bei Absage ihr Geld verlieren. Wir sagen, worauf Sie achten müssen, wenn Sie im Internet Karten kaufen – und wie Sie Ihre Chancen erhöhen, demnächst live dabei zu sein.

„Suche Karte“

Zu großen Fußball­spielen gehören sie dazu wie der Fanjubel und der Duft der Würst­chenbuden: Schilder mit der Aufschrift „Suche Karte“. Vor dem DFB-Pokal­finale am 27. Mai sahen wir Dutzende von Karten­suchenden vor dem Berliner Olympia­stadion. Bis zu 150 Euro wollten die befragten Fans zahlen, um das Spiel live im Stadion zu sehen.

Weiterverkauf nicht verboten

Der Veranstalter DFB untersagt den Weiterverkauf der Tickets zwar in seinen Geschäfts­bedingungen, dennoch schreitet die Polizei vor Ort nicht ein. Das muss sie auch nicht. Der Weiterverkauf, auch zu höheren Preisen, ist nach dem Wett­bewerbs­recht nicht verboten.

Weiterverkauf

Sie dürfen Eintritts­karten grund­sätzlich weiterverkaufen, auch wenn der Veranstalter das in seinen allgemeinen Geschäfts­bedingungen verbietet. Sie dürfen auch gering­fügige Summen wie 10 Euro drauf­schlagen. Anders läuft es mit personalisierten Karten. Diese müssen auf einen neuen Namen umge­schrieben werden, bevor sie weiterverkauft werden. Dafür müssen Sie eine Extra-Erlaubnis einholen, denn der Veranstalter muss zustimmen. Ansonsten erhält der Käufer keinen Einlass.

Ebay, Viagogo & Stubhub

Mit einem selbst­gemalten Schild 2017 auf Karten­suche zu gehen, wirkt beinahe ein wenig altmo­disch. Die Ticket­jagd beginnt lange vorher im Internet. Auf Ebay und bei Ticket-Zweitbörsen wie Viagogo und Stubhub werden Karten aus privater Hand angeboten.

Mehr als 4 000 Euro fürs Endspiel

Die Viagogo-Internetseite haben wir vor dem DFB-Pokal­finale öfter besucht. Stets begegneten uns Zahlen der Superlative. Angeblich interes­sierten sich jedes Mal gerade mehr als 10 000 Menschen für Pokal­final-Karten, einzelne Karten sollten bis zu 4 493 Euro kosten. Das Gefühl, heiße Ware zu ergattern, wird bei Viagogo durch aufploppende Meldungen angeheizt. „Die Eintritts­karten werden wahr­scheinlich schnell ausverkauft sein!“, erscheint in dramatisch roter Schrift.

Vier Tage vor dem Spiel fällt plötzlich der Preis

Gibt es Menschen, die so viel zahlen, um ein Spiel zwischen Bundes­liga-Mann­schaften zu sehen? Wir wissen es nicht, nehmen jedoch an, dass Tickets in Wirk­lich­keit nicht so hoch gehandelt werden. Als wir am 23. Mai − vier Tage vor dem Spiel – bei Viagogo auf Karten­jagd gingen, fiel der Preis von 4 493 Euro binnen Minuten auf 392 Euro. Nachdem wir den Kauf­button geklickt hatten, erschien die Meldung, wir hätten 8 203 Euro gespart.

Reingefallen, oder: Bauernfängerei 2.0

Wenn Kunden der Ticket-Zweitbörsen zu Wort kommen (siehe Mutmacher), klingt das Geschäft nach Bauernfängerei 2.0. Auch in Internetforen schildern verärgerte Käufer ihre Erfahrungen. „Erst abge­zockt, dann keine Karten“, schreibt Turtle155. „Bin auch reingefallen“, gesteht Isacaro und schreibt über Viagogo: „habe Tickets für 96,00 € bestellt (2 Stück), erhalten habe ich Tickets für 35,00 €!!!!“ Kein Einzel­fall: Viele Kunden merken erst, wenn sie die Karten in den Händen halten, dass diese ursprüng­lich viel billiger gehandelt wurden. Die Preise legen allein die privaten Anbieter fest – und die schlagen nach Lust und Laune drauf.

Happige Gebühren

Das Geschäft­sprinzip von Ticketbörsen wie Viagogo: Sie fungieren lediglich als Markt­platz und machen ihr Geschäft, indem sie Versand­kosten und Bearbeitungs­gebühren erheben. Die Gebühren sind happig und liegen oft bei mehr als 20 Euro pro Karte. Der Endpreis wird den Käufern erst beim letzten Schritt der Bestellung ange­zeigt.

Kontakt uner­wünscht

Nicht selten dauert es wochen­lang, bis die Karten vers­endet werden. Zurück­geben ist schwierig. Kunden beschreiben, dass es kaum möglich ist, mit dem Zweithändler in Kontakt zu treten. Der Presse gegen­über gibt sich das Unternehmen zugeknöpft. Auf unsere Bitte um ein Interview kam keine Reaktion.

Auch Musikfans zahlen hohe Preise

Nicht nur Sport­fans greifen tief in die Tasche, um ihre Idole live zu sehen. Rund 3 Milliarden Euro setzt die deutsche Veranstaltungs­branche mit Konzerten, Musicals, Theatervorstel­lungen und Shows um. Durch Viagogo & Co ist der Schwarz­markt­handel nach Einschät­zung des Bundes­verbands der Veranstaltungs­wirt­schaft stark gewachsen.

Das Internet macht es Schwarz­markt­händ­lern leicht

Einer der Gründe: Früher musste sich jeder, der Karten wollte, an einer Kasse anstellen. Meist wurde nur eine fest­gelegte Anzahl an Karten pro Person heraus­gegeben. Heute können Schwarz­markt­händler eine große Zahl an Karten auf offiziellen Ticket­seiten wie Eventim oder Ticketmaster kaufen – und über­teuert weiterverkaufen.

Personalisierte Tickets

Zu Groß­ereig­nissen wie der Fußball-WM bringen die Veranstalter deshalb mitunter personalisierte Karten auf den Markt. Wer ins Stadion will, muss sich ausweisen. Der organisatorische Aufwand ist so erheblich höher.

Gewerbs­mäßiger Weiterverkauf verboten ...

Private Händler agieren in einer recht­lichen Grauzone, auch wenn sie beim Verkauf den Preis hoch­treiben. Oliver Klau, Kriminal­oberrat und Betrugs­experte beim Landes­kriminal­amt Berlin: „Rechts­verstöße begehen private Händler nur, wenn sie gewerbs­mäßigen Handel betreiben.“ Wucher­preise fest­zulegen ist zwar strafbar, allerdings nur, wenn eine Zwangs­lage oder die Unerfahrenheit einer Person ausgenutzt wird. Das nach­zuweisen, ist schwierig.

... aber schwer verfolg­bar

Gewerb­liche Schwarz­händler sind außerdem kaum ding­fest zu machen. Bei den Ticketbörsen treten sie unter Fantasie­namen auf. Sie können sich jeder­zeit einen neuen Namen und Account zulegen – und ihre Geschäfte weiterbetreiben.

Die Veranstalter sind wütend

„Vom Online-Zweit­handel profitieren weder Künstler noch Veranstalter. Die Fans zahlen bei den Börsen zu hohe Preise und haben deshalb kein Geld, um bei weiteren Events dabei zu sein. Jeder in unserer Branche ist dagegen“, sagt Peter Schwenkow von der Deutschen Entertainment AG. Der Kulturmanager und Veranstalter kennt die Veranstaltungs­branche seit Jahr­zehnten. Wenn die Rolling Stones oder die Red Hot Chili Peppers auf Tournee gehen, seien die Karten im Internet inner­halb von Minuten ausverkauft. Für das Gros aller Veranstaltungen gibt es jedoch bis zur Vorstellung Karten. Was Schwenkow ärgert: Bei den Zweitbörsen werden auch die Karten für Konzerte und Shows gehandelt, die noch längst nicht ausverkauft sind – meist ebenfalls zu deutlich über­höhten Preisen.

Fällt ein Konzert aus, ist das Geld weg

Christoph Lieben-Seutter ist Intendant der Elbphilharmonie Hamburg: „Wer bei Ebay eine Karte für ein Konzert ersteigert, weiß in der Regel, worauf er sich einlässt. Bei Viagogo ist das anders. Die Seite taucht sofort auf, wenn Kunden die Wörter ‚Ticket‘ und ‚Elbphilharmonie‘ googeln. Und sie wirkt auf den ersten Blick ausgesprochen seriös“, sagt er. Bei der Ticket-Zweitbörse finden Interes­sierte Pläne der Halle, die Sitz­bereiche können per Mausklick angesteuert werden. Das wirkt professionell. Viele glauben deshalb, dass Viagogo ein offizieller Anbieter ist.

800 Euro für Lang Lang – einfach futsch

Mehr als 500 000 Karten wurden bereits für das neue Konzert­haus verkauft, dennoch gingen viele Musikfreunde bisher leer aus. Der Intendant rät dringend vom Zweit­handel ab. „Wir hatten vor einigen Wochen ein Konzert mit dem Pianisten Lang Lang, das krank­heits­bedingt abge­sagt wurde“, berichtet Lieben-Seutter. „Die Besucher, die ihre Tickets regulär beim Veranstalter gekauft hatten, wurden per E-Mail informiert und bekamen ihr Geld zurück. Es gab aber auch Menschen, die für 800 Euro Karten auf dem Schwarz­markt gekauft hatten. Die standen über­rascht vor dem Haus, unsere Mitarbeiter mussten sie nach Hause schi­cken.“ Eine Chance, das Geld für die Schwarz­markt­karten zurück­zubekommen, haben sie nicht.

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