Unternehmensverantwortung: Die neue Qualität

Erstmals unter der Lupe: Was Anbieter von Funktionsjacken für Soziales und Umwelt tun.

Noch bevor überhaupt das erste Prüfmuster eingekauft war, hat kaum einer unserer Tests je ein solches Echo ausgelöst wie dieser. Vom Hamburger „Spiegel“ bis zur Berliner Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ – das Interesse war schon da. „Sozial-Tüv“ titelten die einen, „Offensive für eine gerechtere Warenwelt“ die anderen. Der Hintergrund: Beim Test von Funktionsjacken und bei zwei weiteren Pilotprojekten prüft die Stiftung Warentest nicht nur, ob die Produkte etwas taugen, sondern auch, ob die Anbieter ihre Verantwortung für Soziales und Umwelt wahrnehmen. Keine einfache Sache – weder für die Anbieter noch für die Tester.

Am Ende der Kette

Wie fast jedes Produkt heutzutage ist auch eine Funktionsjacke ein kleines Spiegelbild der globalisierten Welt. So kann die regendichte Membran aus den USA kommen, Reißverschlüsse und Oberstoff dagegen aus Korea. Genäht wird die Jacke zum Beispiel in China. Auch das Schnittmuster stammt nicht mehr unbedingt vom Auftraggeber. So mancher kauft Jacken en gros ein und lässt nur seine Marke aufnähen. Keiner der Anbieter im Test produziert noch selbst. Kann er dann überhaupt kontrollieren, was entlang der Kette in den Fabriken geschieht?

Er kann dafür zumindest viel tun. Karstadt, Berghaus, Fjällräven, Patagonia und Vaude ergreifen deutlich die Initiative für Soziales und Umwelt (siehe Tabelle). Und mehr als zwei Drittel der Firmen haben sich bei einer der heikelsten Fragen, den Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen, immerhin Ziele gesetzt. „Die große Überraschung des Tests ist, dass so viele der Anbieter soziale Mindeststandards für die Zulieferer besitzen“, sagt unsere Expertin. Vor allem KarstadtQuelle hebt sich hervor, das sich nicht nur selbst Regeln für die Beschaffung auferlegt, sondern mit anderen Unternehmen der Branche gemeinsame Standards aufstellt.

Lange Vorbereitung

Rund ein Jahr dauerten die Vorbereitungen des Tests. Viele Fragen waren zu beantworten. Welche Teile eines großen Konzerns soll man betrachten? Das Hauptunternehmen? Alle Produktionsstätten? Am Ende blieben wir unserem Produktansatz treu: Die Bewertung trifft nur den Teil des Unternehmens, der mit der Jacke befasst ist, und die entsprechenden Zulieferer. Nächste Frage: Welche Maßstäbe soll man anlegen? Wo möglich orientierten wir uns an bestehenden Standards, bei der Frage von Arbeitszeiten bei Zulieferern etwa an den Konventionen der UN-Arbeitsorganisation ILO. Es wurde eine lange Liste von Kriterien. Diskutiert haben wir sie bei vielen Sitzungen mit Wissenschaftlern, Verbraucherverbänden und Wirtschaftsvertretern.

Fast alle Anbieter machten bei diesem Test mit. Anders als beim Warentest, wo wir die Prüfmuster im Handel kaufen, muss der Anbieter hier mitarbeiten und sich sogar eine Kontrolle gefallen lassen. Schon unser Fragebogen zählte 37 Seiten. Sechs Firmen füllten ihn aus. Acht Unternehmen öffneten den Inspektoren der Stiftung Warentest die Türen ihres europäischen Firmensitzes, um die Dokumente einzusehen und zu überprüfen. Nur zwei Firmen verweigerten sich ganz und zeigen damit, was sie von informierten Verbrauchern halten: nichts.

Das Dilemma der Textilfabriken

Der Test fällt in eine Umbruchzeit für die Textilindustrie: Ende des Jahres läuft das weltweite System der Textilquoten aus. Dann kann jedes Land so viele T-Shirts und Jacken auf dem Weltmarkt verkaufen, wie es will. Chinas Fabriken werden dann noch mehr auf Hochtouren laufen, für konkurrierende Länder wird es schwerer. Schon heute sind niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und viele Überstunden an der Tagesordnung. Die Auftraggeber im Westen fordern immer mehr: „Das gleiche Textil muss weniger kosten als in der letzten Saison und in der halben Zeit produziert werden. Und zugleich sollen die Sozialstandards verbessert werden“, beschreibt ein Insider das Dilemma der Textilfabriken.

Kontinuierliche Kontrollen sind besser

Der Schlüssel sind langfristige Lieferbeziehungen. Elf Anbieter machen Kontrollen bei Zulieferern, Karstadt, Berghaus und Patagonia schicken sogar unabhängige Auditoren. Das motiviert zu Verbesserungen und mehr Aufrichtigkeit. „Der Prozess ist wichtig“, berichtet ein Auditor, der seit Jahren Textilfa­briken in Südostasien besucht, „nicht die Momentaufnahme eines Kontrollbe­suchs.“ Die meisten Firmen sind offen für Verbesse­rungen. „Schließlich“, so sagt er, „gehen gute Qualität und bessere Arbeitsbe­din­g­ungen oft Hand in Hand.“

Wenn die Belegschaft wegen Hungerlöhnen ständig wechselt oder die Arbeiterinnen bis zum Umfallen an den Nähmaschinen sitzen, macht sich das beim Endprodukt bemerkbar. Und umgekehrt: Setzt der Anbieter auf Qualität und schult deshalb seine Zulieferer, wechselt er nicht wegen eines Cents niedrigerer Stückkosten zu einer anderen Fabrik. Vielleicht kein Zufall, dass die einzige Jacke im Test mit mangelhafter Verarbeitung (Lowe Alpine) von einer Firma angeboten wird, die jede Auskunft verweigert.

Schwachpunkt Umweltschutz

Ein schwaches Bild bieten die Anbieter in Sachen Umwelt. Die wenigsten bemühen sich, Umweltbelastungen zu minimieren, sei es bei der Faserherstellung, der Veredelung der Textilien oder dem Transport. Wo es ökologische Mindestanforderungen gibt, beziehen sie sich meist nur auf das Produkt. Sieben Anbieter verlangen von ihren Lieferanten, dass sie die Anforderungen des Öko-Tex-Standards 100 erfüllen. Andere versprechen nur, gesetzliche Aufla­gen einzuhalten, wie das Verbot bestimmter Azofarbstoffe. Tatsächlich konnten wir bei keiner der Innenjacken, wo Hautkontakt möglich ist, diese Azofarben nach­weisen. Enttäuschend aber der Umgang mit Verbrauchern, die mehr zum Thema wissen wollen: Eine fingierte Kundenanfrage zu Allergie auslösenden Farbstoffen beantwortete bis Redaktionsschluss nur die Hälfte der Anbieter – trotz zwei Monaten Zeit zum Antworten.

Gutes für die Beschäftigten

Erfreulich dagegen, was manche Anbieter für ihre Beschäftigten am Firmensitz tun. Flexible Arbeitszeit und betriebliche Altersversorgung bieten zum Beispiel Berghaus, Columbia und Maier Sports. Vaude hat einen Betriebskindergarten – eine Seltenheit in deutschen Landen. Patagonia bietet der Belegschaft eine Auszeit besonderer Art. Arbeitet ein Mitarbeiter zwei Monate lang bei einer Umweltorganisation, läuft sein Gehalt weiter. Im Prüfbericht unseres Inspektors heißt es dazu knapp: „Dokumentationen zu den Arbeitsstipendien wurden übergeben.“

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