Fundbüros Test

Als traurige Verlierer und ehrliche Finder haben wir uns in sechs Großstädten ausgegeben: 63 „verlorene“ Portmonees und Geldtaschen wurden bei 21 zuständigen Stellen abgegeben. In vier Fällen fehlte Geld. Zehn Fundstücke waren bei Nachfragen nicht auffindbar.

Spurlos verschwunden: „Ein schwarzes Portmonee, ungefähr 30 Euro sind drin gewesen, eine Mitgliedskarte vom Schwimmclub; ja, da steht auch meine vollständige Anschrift und meine Telefonnummer drauf.“ Ein Anruf im Fundbüro ist oft die letzte Chance. Man hofft auf den berühmten ehrlichen Finder. Doch selbst wenn es ihn gibt, ist das noch keine Garantie, sein Eigentum wieder zu Gesicht zu bekommen. Zu oft haben wir im Test „Nein, leider ...“ gehört. Dabei hätte es gut ausgehen müssen. Denn wir selbst haben verloren, gefunden und abgegeben. Im Fundbüro.

Neulich in Berlin-Tegel

Fundbüros Test

Brieftasche: Inhalt 30,70 Euro Fundort: Berlin Abgegeben: Im Flughafen Berlin-Tegel Ergebnis: „Fund­sache nicht auf­findbar“

Plötzlich erinnert man sich an die Geschichte vom Berliner Flughafen Tegel, die wie ein kurioser Einzelfall klingt: Anfang dieses Jahres waren dort im Fundbüro drei Mitarbeiterinnen in flagranti erwischt worden, als sie Reisegepäck plünderten. Nachdem innerhalb von sechs Monaten auffallend viele Fundgegenstände verschwunden waren, hatte die Staatsanwaltschaft eine Videoüberwa­chung des Personals genehmigt.

Stichprobe in sechs Städten

Fundbüros Test

Bauchtasche: Inhalt 27,90 Euro. Fundort: Hamburg Abgegeben: Im Polizei-Kommissariat 16 Ergebnis: Bei der Rückgabe fehlten 2,90 Euro

Auch bei unserer Stichprobe stellte sich die Frage: Wie groß ist die Chance, das Eigentum zurückzubekommen, wenn ein ehrlicher Finder es einem Fundbüro anvertraut hat? In vielen Großstädten taucht aber gleich eine weitere Frage auf: Welches Fundbüro? Denn neben der zentralen Einrichtung der Kommune, bei der auch alle Polizeidienststellen ihre Funde abgeben, gibt es oft Fundbüros der öffentlichen Nah­verkehrsbe­triebe und der Deutschen Bahn. Außerdem werden auf Flughäfen Fundsachen angenommen.

In sechs Großstädten haben jeweils drei Testfinder Annahmestellen der verschiedenen Fundbüros aufgesucht: in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg und München. Bei den kommunalen Fundbüros konnten das Polizeidienststellen sein, im öffentlichen Nahverkehr Ticket- und Servicecenter, bei der Deutschen Bahn und auf Flughäfen waren es Informationsschalter und Gepäck- aufbe­wahrungen. Die Tester haben jede Fundabgabe ausführlich protokolliert. Gleiches taten unsere „Verlierer“, sobald sie vom Fundbüro benachrichtigt wurden oder sich in den Dienststellen nach ihrem Eigentum erkundigt hatten (siehe „Ausgewählt, geprüft, bewertet“).

Ein Ergebnis vorweg: Die Geschichte in Berlin-Tegel ist kein Einzelfall. Bei unserer Stichprobe mit drei im Flughafen Tegel abgegebenen Funden musste eine Verliererin ihre Brieftasche mit 30,70 Euro „abschreiben“, sie war „nicht auffindbar“. In einer Geldbörse, die wir dort rund zwei Wochen vorher abgegeben hatten, fehlten 3,80 Euro von 28,80 Euro. Ausgerechnet in diesem Fall wurde, was sonst nur selten geschah, eine Verwaltungsgebühr erhoben. Sie betrug exakt 2,05 Euro.

Verluste gab es auch in zwei weiteren der sechs von uns „besuchten“ Flughäfen: Auf dem Düsseldorfer Flughafen waren gleich zwei Fundsachen „nicht auffindbar“: eine Bauchtasche mit 31,80 und eine Geldbörse mit 28,80 Euro. Auf dem Münchener Flughafen blieb eine Brieftasche mit 31,60 Euro verschwunden.

Gewaltig geirrt

Fundbüros Test

Geldbörse: Inhalt 29,25 Euro Fundort: Düsseldorf Abgegeben: Im Service-Center der Rheinbahn am Konrad-Adenauer-Platz Ergebnis: Bei der Rückgabe fehlten 25 Euro

Dabei wähnten wir unsere 63 Fundsachen in den sechs Städten in der sicheren Obhut von 21 Fundbüros. Doch wir irrten uns gewaltig: Von den 63 nachweislich abgelieferten Funden blieben 10 verschwunden. „Nicht auffindbar“ hieß es in den Fundbüros, als die Verlierer sich dort erkundigten. Vier weitere Fundobjekte wurden den Verlierern zwar zurückgegeben, enthielten aber einen geringeren Geldbetrag (siehe Tabelle).

In drei der sechs kommunalen Fundbüros verschwanden Fundsachen ganz oder teilweise. In Düsseldorf war es eine Bauchtasche mit 27,90 Euro, abgegeben bei der Polizei, eine Fundanzeige wurde vollständig ausgefüllt. In Frankfurt am Main verschwand eine Geldbörse mit 30,75 Euro, abgegeben im Ordnungsamt: Auch hier wurde eine Fundanzeige vollständig ausgefüllt. In Hamburg fehlten in einer Bauchtasche 2,90 Euro von 27,90 Euro. Abgegeben wurde sie beim Kommissariat 16, eine Fundanzeige wurde nicht ausgefüllt. Der Verlierer wurde fünf Werktage später benachrichtigt.

In Berlin, Düsseldorf und Frankfurt/Main gibt es eigene Fundbüros für den Nahverkehr. In den anderen Teststädten werden Funde im öffentlichen Nahverkehr an die kommunalen Stellen weitergeleitet. Die Berliner Verkehrsbetriebe arbeiteten zügig, allerdings wurden keine Fundanzeigen ausgefüllt.

Nicht zuständig

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Geldbörse: in einem Stoffbeutel Inhalt: 30,75 Euro Fundort: Frankfurt/Main Abgegeben: Im Zentralen Fundbüro Ergebnis: „Fundsache nicht auffindbar“

In Düsseldorf hatten zwei unserer Tester Probleme, ihre Funde in die Obhut der Bediensteten zu geben: Am Konrad-Adenauer-Platz im Service-Center der Rheinbahn fühlte man sich nicht zuständig und schickte uns zum Bundesgrenzschutz (BGS). Dessen Mitarbeiter hatten dann den Verlierer noch am selben Tag telefonisch benachrichtigt. Im zweiten Fall wollte man auch erst einmal unsere Geldbörse nicht annehmen, tat es dann doch und benachrichtigte den Verlierer zehn Werktage später. Als der Tester sich sein Eigentum abholte, fehlten 25 Euro von 29,25 Euro.

Ehrliche Dresdener

Fundbüros Test

Brieftasche: Inhalt: 31,40 Euro Fundort: Frankfurt/Main Abgegeben: zentrale Haltestelle der Straßenbahn vor dem Hauptbahnhof Ergebnis: „Fundsache nicht auffindbar“

Gratulation dagegen nach Dresden: Alle neun Fundsachen sind ihren Verlierern vollständig ausgehändigt worden. Beim Bundesgrenzschutz am Flughafen ging es jedoch in einem Fall überkorrekt zu: Die Verliererin wurde weder telefonisch noch schriftlich benachrichtigt, weil sich in ihrer Geldbörse keine Originaldokumente befanden. Als sie nachfragte, gab es keine Probleme. Allerdings wurden weder beim BGS noch an der Flughafen-Information Fundanzeigen ausgefüllt. Für den Flughafen Dresden hieß das Urteil auch deshalb insgesamt „ausreichend“. Ähnlich lax handhabten die Mitarbeiter der Deutschen Bahn in Dresden die Fundanzeigen. In den drei kommunalen Dienststellen dagegen wurden alle drei Fundanzeigen sorgfältig ausgefüllt, wenn es auch in der Polizeidirektion reichlich unfreundlich und in der Dienststelle Leuben spürbar desinteressiert zuging. Grundsätzlich kritikwürdig sind in Dresden jedoch die Internetauftritte: Beim Flughafen gibt es kein Stichwort „Fundsachen“ oder „Fundbüro“. Das zentrale Fundbüro informiert sehr dürftig.

Viermal „mangelhaft“ in Düsseldorf

Das Dresdener Ergebnis – alle Fundsachen vollständig ausgehändigt – sollte eigentlich selbstverständlich sein. Aber in der Tabelle gleich nebenan, in Düsseldorf, war keins der vier Fundbüros fähig, mit dem Eigentum von Verlierern korrekt umzugehen: Von den insgesamt zwölf Fundsachen tauchte jede dritte nicht wieder auf, in einem weiteren Fall fehlte Geld. Das Urteil für jedes dieser vier Fundbüros lautet deshalb: „mangelhaft“.

Paragraph 246 StGB Unterschlagung:

(1) Wer eine fremde bewegliche Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zueignet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist.

(2) Ist in den Fällen des Absatzes 1 die Sache dem Täter anvertraut, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe.

(3) Der Versuch ist strafbar.

Keine Peanuts

Auch wenn die nachweislich verschwundenen Beträge bei unserer Stichprobe in einigen Fällen sehr niedrig waren – bei der Deutschen Bahn in München ging es in einem Fall um einen Euro –, reden wir hier nicht über Peanuts, sondern über den Straftatbestand der Unterschlagung. Die Ermittlungen sind Sache der Kriminalpolizei. Unterschlagung am Arbeitsplatz zieht neben der Strafe auch die fristlose Kündigung nach sich.

Problematische Kontrollen

Zwei Fragen können wir nicht beantworten: Wer riskiert wegen eines relativ kleinen Geldbetrags seinen sicheren Arbeitsplatz? In den öffentlichen Fundbüros haben viele Mitarbeiter Beamtenstatus, die anderen sind Angestellte im öffentlichen Dienst. Das gilt meist auch für die Mitarbeiter der regionalen Verkehrsbetriebe.

Zweite Frage: Wie kann in einem rechtlich streng geregelten Ablauf (siehe Text „Von Anzeigepflicht bis Versteigerung“) ein so heikler Gegenstand wie eine Fundsache „nicht auffindbar“ sein? Schlamperei allein, dazu noch fast bundesweit, ist wohl kaum die Ursache. Zumindest einer der Zuständigen wird wohl wissen, wo Vermisstes oder ein Teil davon auffindbar ist. Aber er wird nicht entdeckt, weil Kontrollen offensichtlich fehlen oder nicht funktionieren.

Optimistisch ist immerhin Manfred Schneider, Leiter des Berliner Zentralen Fundbüros. Das dort kürzlich installierte Verwaltungssystem mit nicht zu manipulierenden Kennziffern werde so kontrollierend wirken, dass dubiose Verluste verhindert werden (siehe Interview). Andere Überwachungen, wie die in Berlin-Tegel von der Staatsanwaltschaft genehmigte und praktizierte, sind im Arbeitsalltag schon deshalb problematisch, weil sie mitbestimmungspflichtig sind.

Viele ehrliche Finder

Enthält eine gefundene Geldbörse oder Brieftasche Anschrift und Telefonnummer des Besitzers, wäre natürlich der kürzeste Weg ein Anruf und die Zusendung des Fundes per Post. Offensichtlich aber, so sehen es Verantwortliche großer Fundbüros, ziehen viele Finder den „amtlichen“ Weg vor, um nicht später verdächtigt zu werden, sich am Fund bereichert zu haben. Bei wertvolleren Funden spielt auch die Hoffnung auf einen Finderlohn eine Rolle. Auf Bahnhöfen und Flughäfen kommt hinzu, dass viele Finder in Eile sind, ihren Zug oder das Flugzeug nicht verpassen wollen und deshalb nur schnell den Fund dem nächstbesten Mitarbeiter an einem Schalter in die Hand drücken. Sie hinterlassen dann nicht ihre Adresse, verzichten auch auf ein Fundprotokoll – aber damit auch auf einen Finderlohn.

50 000 Funde pro Jahr in Hamburg

Allein im zentralen Fundbüro der Hansestadt Hamburg wurden im vergangenen Jahr über 50 000 verlorene Gegenstände registriert. In Deutschlands größter Stadt, Berlin, landeten 2004 rund 30 000 Fundsachen im Zentralen Fundbüro. Davon gingen etwa 20 Prozent an die Verlierer zurück. Hier hofft man auf eine Erhöhung des Prozentsatzes durch den weiteren Ausbau des Internetangebots.

Noch imposantere Zahlen haben die Berliner Verkehrsbetriebe für 2004 zu bieten: rund 43 000 verlorene Gegenstände in U- und S-Bahnzügen, Bussen und auf Bahnhöfen. Rund 4 000 davon konnten umgehend auf den Betriebshöfen abgeholt werden, wo sie nach Schichtende von Fahrern deponiert worden waren. Insge­samt gingen etwa 34 Prozent der Fundsachen an die Verlierer zurück. Von rund 46 000 gefundenen Euro konnten nur etwa 30 000 an die Verlierer ausgezahlt werden. Viele, so sehen es Experten, fragen wohl gar nicht erst im Fundbüro nach, weil sie nicht mit einem ehrlichen Finder rechnen. Nach Ablauf der vorgeschriebenen Aufbewahrungsfristen darf sich also das Land Berlin auf einen kleinen Beitrag zu seiner Schuldentilgung freuen.

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