Functional Food Meldung

Zu Risiken und Nebenwir-kungen fragen Sie Ihren Bäcker oder Apotheker.

ACE, LC1, Pro3+ und Omega-3: Nicht von Fernsehkanälen oder Handys ist die Rede, sondern von Lebensmitteln. Die Hightechformeln gelten speziellen Zusätzen. Gut für die Gesundheit ­ oder nur gegen das schlechte Gewissen?

Matt, schlapp und fehlernährt: Glaubt man der Lebensmittelindustrie, sind wir alle Not leidend, wenn nicht krank. Mangelhaft versorgt mit vielen wichtigen Stoffen, deren noch gewichtigere Namen die meisten von uns nie zuvor gehört haben. Lebensmittel, angereichert mit eben diesen Stoffen, sollen helfen, die vermeintlichen Defizite auszugleichen ­ funktionelle Nahrung eben (englisch: Functional Food), eine Art Ablass für die alltäglichen Esssünden.

Saftiger Beginn

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Durch Vitamine und Mineralstoffe angereicherte Säfte waren die Wegbereiter. Probiotische Sauermilchprodukte haben den Durchbruch für die Functional-Food-Sparte geschafft. Inzwischen quellen die Regale im Supermarkt über mit Produkten, die angereichert sind mit Pro- und Präbiotischem, Omega-3-Fettsäuren, antioxidativen Vitaminen, diversen Kräuteressenzen, mit Substanzen wie Taurin, speziell zur Leistungssteigerung (Energy Drinks).

Diese Lebensmittel sind nicht einfach bloße Nähr- oder Genussmittel. Propagiertes Hauptanliegen ist der gesundheitliche Zusatznutzen, die Verbesserung des körperlichen Wohlbefindens. Eine offizielle, gesetzlich abgesicherte Definition fehlt allerdings in Deutschland noch. Die zu finden, ist schwer. Denn Functional Food ist ein Zwitter. Auf der einen Seite ein Lebensmittel, vielleicht sogar ein Genussmittel, auf der anderen Seite eine Art Medikament. Functional Food will ernähren und heilen. Und dafür wird die Werbetrommel kräftig gerührt. Pech für die Hersteller, dass sie sich einstweilen auf ziemlich allgemeine Aussagen beschränken müssen: "Regt die Stoffwechselfunktionen an", "stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte", "zur Förderung Ihrer Gesundheit".

Medizinischer Nutzen

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Nach dem Lebensmittelrecht sind Werbesprüche, die einen konkreten medizinischen Nutzen versprechen ("hilft gegen Krebs", "verhindert Herzinfarkt") verboten. Es sei denn, dieser Nutzen kann durch wissenschaftliche Studien nachgewiesen werden und wird EU-weit anerkannt. Dieser Nachweis ist bislang nur Unilever mit der Margarine becel pro activ gelungen. Wegen ihrer diätetischen, cholesterinsenkenden, quasi pharmakologischen Wirkung ist diese Margarine EU-weit als Novel Food zugelassen und darf mit dem medikamentösen Zusatznutzen werben.

Skepsis ist angebracht, denn in puncto Functional Food sind noch viele Fragen offen. Welche Einzelstoffe wirken ausschließlich gesunderhaltend? Was richten sie an, wenn sie chemisch isoliert dem Lebensmittel zugegeben werden und in höherer Dosierung als natürlich vorgegeben aufgenommen werden? Selbstverständlich werden Lebensmittel nur zugelassen, wenn ihr Verzehr als gesundheitlich unbedenklich gilt. Doch Langzeiterfahrungen fehlen meist. Es ist ungenügend erforscht, was passiert, wenn einem herkömmlichen Nahrungsmittel ein isolierter Wirkstoff zugesetzt wird, der normalerweise nicht darin enthalten ist. Das Wechselspiel Tausender Inhaltsstoffe in einem Naturprodukt, einem Apfel, einem Hühnerei, kennt der menschliche Organismus dagegen seit Jahrtausenden.

Der Hamburger Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Michael Hamm appelliert deshalb an "ein besonderes Verantwortungsbewusstsein der Hersteller, sowohl was die Menge der Zutaten als auch deren wissenschaftliche Erforschung betrifft".

Vorbild Japan?

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Schauen wir doch einfach mal, was sich in Japan tut. Japan ist Vorreiter auf dem Functional-Food-Feld. Die Hälfte der Bevölkerung dort konsumiert mittlerweile Lebensmittel mit spezifischem Gesundheitsnutzen, die seit 1991 gesetzlich zugelassen, gekennzeichnet und überwacht werden. Das geht, wie auch in den USA, bis hin zu pulverisierten Gemüsen und Rotweinkonzentraten. Gourmets und Slow-Food-Anhänger dürften sich davon kaum verführen lassen. Japaner jedenfalls geben für die Hightechkost jährlich rund 2,5 Milliarden Euro aus, die Europäer liegen mit etwa 1,5 Milliarden Euro dahinter.

Doch die Zukunft hat gerade erst begonnen. Auch gentechnisch veränderte Zusätze werden wohl in Zukunft mit gesundheitsfördernden Aspekten werben. In Arbeit sind Bananen und Mais mit Impfstoffen, in Japan gibt es ein Antikrebsbier. Vielleicht nur eine Frage der Zeit sind Kinderhappen mit Wachstumshelfern oder Kaffees mit Anti-Alzheimer-Sterinen.

Die Natur ist nicht zu toppen

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Die Wahrheit ist: Wer sich mit Grundnahrungsmitteln und viel Obst und Gemüse ausgewogen ernährt, nimmt fast alles zu sich, was der Körper braucht. Ein einfacher, ungeschälter Apfel, dessen Pektin den Cholesterinspiegel günstig beeinflusst, ist quasi Functional Food. Ebenso Paprikaschoten, Kiwis, Orangen, die durch das in ihnen reichlich enthaltene Vitamin C freie Radikale bekämpfen und so der Krebsentstehung vorbeugen. Es gibt in Pflanzen etwa 100.000 verschiedene Substanzen, die auf den Menschen einwirken können. Erst ein Bruchteil ist erforscht. Gewiss ist: So richtig stark sind sie nur gemeinsam. Erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre gesundheitsfördernde Wirkung. Oder es werden möglicherweise schädigende Wirkungen einer Substanz durch eine andere wieder aufgehoben. Natürlich spricht nach derzeitigem Erkenntnisstand auch nichts dagegen, bei einer ansonsten vollwertigen Ernährung beispielsweise einen konventionellen Joghurt durch ein probiotisches Produkt zu ersetzen, zu einem Multivitamin- oder ACE-Saft zu greifen oder bei zu hohen Cholesterinwerten eine Spezialmargarine zu probieren. Allerdings spricht auch nicht allzu viel dafür, alle möglichen Lebensmittel und sogar Genussmittel als eine Art Medikament darzubieten.

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