Früherkennung III: Augen, Herz und Knochen: Medizinmarkt

Ärzte bieten zu­nehmend diagnostische Verfahren an, die Patienten selbst bezahlen müssen. Welchen Nutzen haben sie? Wir bewerten Untersuchungen zur Früherkennung chronischer Erkrankungen.

Werden schwere Krankheiten früh erkannt, erhöhen sich meist die Heilungschancen. Deshalb zählt Früherken­nung zu den wesentlichen Aufgaben der gesetzlichen Krankenversi­cherung. Nach welchen Krankheiten der Arzt fahndet, welche Untersuchungen er machen und welche medizintechnischen Verfahren er anwenden kann, regelt der „Gemeinsame Bundesausschuss“, dem Vertreter der Ärzte und Krankenkassen angehören, in seinen Richtlinien. Die Krankenkassen tragen die Kosten nur für solche Früherkennungsverfahren, die medizinisch notwendig und wirtschaftlich sind. Der Ausschuss prüft, ob neue Verfahren in das Programm aufgenommen werden, und bewertet regelmäßig, ob die bislang finanzierten Untersuchungen weiterhin sinnvoll sind.

Vorher schriftliche Vereinbarung

Immer mehr Ärzte bieten Früherkennungsuntersuchungen an, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gehören. Bezahlen müssen die Patienten solche „Individuellen Gesundheitsleistungen“ (kurz: IGeL) selbst. Wer diese Leistungen in Anspruch nehmen will, sollte den Arzt um sachliche Informationen über Nutzen und Risiken bitten. Nach der Beratung und vor Beginn der Untersuchung sollten das gewünschte IGeL-Angebot und ein Kostenvoranschlag in einer schriftlichen Vereinbarung festge­halten werden. Die Rechnung wird nach der amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) erstellt.

Eine genau definierte Liste der privat zu zahlenden ärztlichen Zusatzleistungen gibt es nicht. Sie reichen von Früherkennungsuntersuchungen, kosmetischen Be­­handlungen, umweltmedizinischen Beratungen, Reiseimpfungen, labordiagnostischen Wunschleistungen bis hin zu neuartigen Behandlungsverfahren. Die kursierenden Listen wurden von verschiedenen Berufsverbänden und Beratungsunternehmen erstellt.

Keine Qualitätskontrolle

Ärzteorgansisationen zufolge sind viele individuelle Gesundheitsleistungen „medizinisch sinnvoll oder zumindest vertretbar“ – so heißt es zum Beispiel in einer Veröffentlichung der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Doch verbindliche Aussagen über den grundsätzlichen Sinn solcher Angebote gibt es nur selten, der persönliche Nutzen für den einzelnen Patienten ist oft unklar, eine Qualitätskontrolle findet nicht statt.

Die Stiftung Warentest bewertet deshalb die häufigsten Früherkennungsun­tersuchungen, die als Ergänzung zu den Verfahren der gesetzlichen Krankenkassen angeboten werden (siehe „Das zahlt die Kasse“). Die Tests und Untersuchungen richten sich an Gesunde ohne Krankheitssymptome und sollen dazu beitragen, Krankheiten früher zu erkennen oder das Risiko einer zukünftigen Erkrankung zu bestimmen.

Vorteile für Patienten?

Anhand internationaler Studien haben wir die Spreu vom Weizen getrennt und bewertet, ob wissenschaftlich belegt ist, dass die frühere Erkennung und frühzeitige Behandlung für Patienten Vorteile gegenüber einer Behandlung bringen, die erst einsetzt, wenn Symptome vorliegen – also zum Beispiel weniger belastende Therapien bedeutet, ein längeres Leben oder eine höhere Lebensqualität.

Eine Früherkennung der großen Volkskrankheiten ist durchaus sinnvoll, denn bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Zuckerkrankheit zum Beispiel treten jahrelang keine Beschwerden auf. Der Arzt erkennt häufig mit einigen einfachen Untersuchungen erste Warnzeichen, noch bevor der Patient Beeinträchtigungen bemerkt. Doch aufwendige IGeL-Angebote wie EKG oder Ultraschalluntersuchungen sind dafür nicht unbedingt erforderlich.

Trotz Früherkennung lassen sich nicht alle Gesundheitsprobleme verhindern. Wer sein Risiko verringern will, sollte auf einen gesunden Lebensstil setzen. Denn der persönliche Lebensstil kann der Gesundheit gut tun oder schaden. Die wichtigsten Risikofaktoren der großen Volkskrankheiten sind Rauchen, Alkohol, ungünstige Ernährung (zu viel, zu fett, zu süß), Bewegungsmangel und Stress.

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